Im Berliner Finanzministerium fehlt eine gigantische Summe aus dem Sondervermögen. Nun wurde ein kleiner Beamter aus der Registratur als Zeuge geladen. An diesem Tag wurde er vom Dienst freigestellt.
Von Meinrad Müller
Eine Befragung mit großer Spannung
Vor dem Untersuchungsausschuss in Berlin begann an diesem Donnerstag die mit Spannung erwartete Befragung des Zeugen Josef K. Die Opposition hatte den unscheinbaren Beamten laden lassen, da die Politiker sich von seiner Vernehmung die finale Aufklärung über den Verbleib der spurlos verschwundenen Sondervermögens erhofften. Alle Experten und Medien vermuteten hinter dem Verschwinden des Geldes ein hochkomplexes, kriminelles Netzwerk von Insidern. Doch schon nach den ersten Minuten des Verhörs wurde den sichtlich fassungslosen Abgeordneten klar, dass sie es hier nicht mit einem kriminellen Drahtzieher zu tun hatten, sondern mit dem Prototypen eines Systems, das große Brocken gern übersieht.
Der Prototyp der Ordnung
Denn es gehörte schon immer zu den ungeschriebenen, aber eisernen Gesetzen der ministeriellen Bürokratie, dass man die wichtigste Arbeit jenen überließ, die am wenigsten von ihr verstanden. In dieser Hinsicht war Josef K. – ein schlichter Sachbearbeiter des mittleren Dienstes, wie man diese Berufsgruppe im Zeitalter der Digitalisierung mit einer an rührende Hilflosigkeit grenzenden Vornehmheit nannte – die absolute Krone der zu verwaltenden Schöpfung.
Ordentlicher als Josef K. konnte eigentlich kein Beamter sein. Sein Scheitel war ordentlich, und wenn es eine offizielle DIN-Norm für Scheitel gegeben hätte, Josef K. wäre ohne jeden Zweifel der lebende Prototyp dafür gewesen. Jedes einzelne Haar saß genau an seinem Platz, nicht zu weit links, nicht zu weit rechts, als gehorchte es einer eigenen Dienstanweisung, genau wie der Mann darunter.
Das Gesetz vom Gummibaum
Seine Laufbahn begann er als Lehrling noch zu tiefsten DDR-Zeiten im damaligen staatlichen Finanzwesen. Er war damals schon die Unauffälligkeit in Person, der graue Kittel im Hintergrund. Kurz nach der Wende wurde er nahtlos in den Bundesdienst übernommen, einfach, weil er am Tag der Bestandsaufnahme an seinem Tisch saß. Er fiel den wechselnden Chefs nie auf, und ein näheres Befassen mit seinem pflichtbewussten Wirken schien den Vorgesetzten zu keiner Zeit nötig.
Man übernahm ihn bei jeder Reform, bei jedem Regierungswechsel und bei jedem neuen Minister einfach mit, wie man einen alten Gummibaum ins nächste Amtszimmer mitzunehmen pflegt: Er steht nicht im Weg, er verlangt kein Brot, und wenn man ihn ab und zu gießt, bleibt er ungerührt, wo er ist. Josef K. durchlief penible Fortbildungen, wie sie nur für jemanden in der Registratur spannend sein konnten. Er beherrschte das Alphabet peinlichst genau und wusste im Schlafe, dass die Karteikarte F nach jener mit E einzusortieren war. Weiter reichte sein Blickfeld im Keller nie, aber das verlangte auch niemand von ihm.
Die Bildungslücken des Josef K.
Die fein säuberliche Ordnung im Keller war folgerichtig nie Gegenstand von Beurteilungen, wenn es um Gehaltsanpassungen ging. Denn Josef K.s Bildungslücken, die in seinem Herrschaftsgebiet auftraten, waren für das oberflächliche Auge wirklich nur Lücken, kaum Millimeter groß im Papierstapel, sodass im laufenden Jahresbericht kein unmittelbarer Schaden sichtbar wurde.
Der große, seismische Umbruch kam erst mit einer unvorhergesehenen Revision des Bundesrechnungshofes. Abermillionen Fehlbeträge wurden in den Büchern entdeckt, gigantische Löcher, die über Jahre richtig abgeheftet worden waren. Dank Josef Ks. penibler Registratur waren diese Vorgänge schlussendlich auch zweifelsfrei und lückenlos belegbar. Er hatte das Verschwinden des Staatsvermögens perfekt verwaltet. Er hatte die folgenschweren Vorgänge jahrelang fein säuberlich abgeheftet, gelocht und sortiert, ohne jemals zu begreifen, dass es sich bei den kryptischen Zahlenkolonnen um die Filetstücke des Bundeshaushalts handelte. Die Beurteilung der Vorgänge sei aber nicht seine Aufgabe gewesen, erklärte er den Prüfern mit ruhiger Stirn.
Ein kleiner Buchstabe und das große Geld
Bei der Befragung durch die sichtlich irritierten Politiker im Ausschuss zeigte sich der Zeuge völlig ohne jedes Schuldgefühl oder Unrechtsbewusstsein. Er erklärte mit dünner, pflichtbewusster Stimme, sein Aufgabengebiet hätte er zu jedem Zeitpunkt vollumfänglich und fehlerfrei ausgefüllt, und das Erkennen von Großprojekten oder gar Betrugsschemata liege weit jenseits seiner Gehaltsstufe.
Einzelne Problemfälle, wie die Registratur bei Umlauten, beispielsweise bei dem Buchstaben „ä“, habe er, seine Ausbildung geschuldet, stets konsequent nach „ae“ sortiert. Dass sich hinter den echten Akten mit dem Kürzel „Ärzte-Infrastruktur“ in Wahrheit die fiktiven Konten einer „Ae-Rzte-Offshore-Holding“ in der Karibik verbargen, über die Bundesmittel in Milliardenhöhe spurlos im Nichts verpufften, war für ihn lediglich eine Frage der korrekten alphabetischen Einordnung. Er sah die riesigen Großprojekte gar nicht, sondern nur die Buchstaben. Das Geld war am Ende weg, aber die Sortierung im Keller stimmte genau. Er hatte das „Ä“ wie ein „Ae“ behandelt, die Ordnung war gerettet, doch das Staatsvermögen war fort.
Das große Erwachen beim Kassensturz
Das hohe Gericht, das Josef K. im Zuge der Ermittlungen ebenfalls hörte, vernahm ihn wohlgemerkt nur als Zeugen, explizit nicht als Beschuldigten. Denn das System bestraft zwar das Mitdenken, belohnt aber das blinde Funktionieren. Seine Bildungslücken waren, so stellte es der fassungslose Vorsitzende fest, in Wirklichkeit Bildungs-Täler gewesen, tiefe, finstere Schluchten des Desinteresses und der funktionalen Ignoranz, in welche man selbst die gesamte thüringische Wartburg samt Denkmalschutz, Historie und der kompletten Landesregierung hätte versenken können, ohne dass Josef K. auch nur mit der Wimper gezuckt oder den Scheitel nachgezogen hätte.
Und doch liegt genau hier das eigentliche, das erschreckende Paradoxon unserer modernen Welt. Abermillionen Josef Ks, mit ordentlichem Scheitel und unentdeckten Bildungslücken, tragen noch heute, wie marode, morsche Betonbrücken, Land, Verwaltung und Regentschaft. Sie stützen das gesamte System durch ihre schiere, pflichtbewusste Blindheit, stumm und fleißig, bis zu jenem unweigerlichen Tage, bei dem eine größerer Kassensturz zu erfolgen hat. Wenn dann das Fundament endgültig einbricht und das Geld weg ist, werden sie alle wieder vor den Trümmern stehen, den Staub von den Ärmeln bürsten und kollektiv auf der „wir haben von nichts gewusst“-Schiene laufen wollen.
Die Persilscheine sind, wie Josef K. weiß, seit Jahrhunderten unter P abgeheftet.
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p



