Eine Drohne startet und zieht bis zu 50 Kilometer hauchdünnes Glasfaserkabel hinter sich her, über Häuser, Wälder und Stromleitungen. Darüber laufen Kamerabild und Steuerbefehle. Funkstörer können diese Verbindung kaum unterbrechen.
Von Meinrad Müller
Seit Februar 2022 sind auf beiden Seiten zusammen weit mehr als eine halbe Million Soldaten getötet worden. Zusammen mit den Verwundeten und Vermissten zusätzlich zwei Millionen. Hinter jedem Toten steht eine Familie oder eine Braut.
Aus sechs Metern wurden 50 Kilometer
Wer um 1970 ein batteriebetriebenes Spielzeugauto besaß, kennt das Prinzip. Ein sechs Meter langes Kabel verband das Auto mit dem Steuerknopf. Das Kind lenkte und lief hinterher.
Heute sitzt der Bediener 20 bis 50 Kilometer entfernt in einem Unterstand. An der Drohne hängt eine 3 Kilogramm Kartusche mit aufgewickelter Glasfaser. Sobald sie startet, spult sich das Kabel, nur ein viertel Millimeter dick, automatisch hinter ihr ab. Darüber kommen das Kamerabild zurück und die Steuerbefehle hinaus.
Am Ende des Kabels ist eine Einwegdrohne mit Kamera und Sprengladung.
Krieg wird zum Computerspiel – auf beiden Seiten
Funkdrohnen können gestört werden. Die Glasfaserdrohne braucht kein Funksignal. Sie lässt sich bis zum Einschlag lenken, weicht Hindernissen aus, verfolgt Menschen, Panzer und Fahrzeuge, sinkt in Schützengräben und fliegt durch Fenster.
Der Bediener sieht ein Zielzeichen. Er riecht keinen Rauch und hört keine Schreie. Der Krieg macht aus Menschen Bildpunkte und aus ihrem Tod eine Erfolgsmeldung.
Für den Soldaten bleibt kaum Zeit zur Flucht. Die Explosion zerfetzt Körper, reißt Gliedmaßen ab und verursacht schwere Verbrennungen und innere Verletzungen. Viele sterben erst Stunden später auf dem Schlachtfeld. Überlebende bleiben mit Amputationen, Blindheit oder schweren seelischen Schäden zurück. Panzerbesatzungen verbrennen.
Die Opfer tragen verschiedene Uniformen. Ihr Leiden unterscheidet sich nicht.
Der Krieg zieht Fäden durchs Land
Nach dem Einschlag ist die Drohne zerstört. Das abgespulte Kabel bleibt zurück. Es hängt in Bäumen, liegt auf Feldern und Straßen und verfängt sich in Zäunen. Bei Hunderttausenden Flügen entstehen Hunderttausende Kabelspuren.
Kleine Angriffsdrohnen kosten nur einen Bruchteil großer Raketen. Sie lassen sich in großen Mengen bauen und einsetzen. Ein Mensch kann einen anderen über Dutzende Kilometer verfolgen und töten, ohne ihm jemals gegenüberzustehen.
Die Glasfasertechnik ist seit Mitte 2024 in Verwendung. Der Irrsinn des Krieges ist uralt. Er kennt Sieger in den Lageberichten in Brüssel, Washington, Moskau und Berlin, aber nur Verlierer in den Familien.
Einer steuert am Glasfaserkabel. Am anderen Ende stirbt ein Mensch.
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p




