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Die besten Köpfe braucht das Land

Fachkräfte sind weltweit Mangelware. Der Zugang zu Talenten wird zum wichtigsten Erfolgsfaktor für  Unternehmen. Die Besetzung offener Stellen wird auch in Zukunft nicht einfacher, besagt eine aktuelle Studie von Manpower. Ein sattes Drittel der befragten Unternehmen klagt über die „Nichtverfügbarkeit von Qualifikationen“, etwa bei Facharbeitern, Ingenieuren, IT-Mitarbeitern, aber auch bei Managern.

 

von Michael Pfeiffer, Wien

Die Schwierigkeiten steigen mit dem Grad der Qualifizierung und Führungsaufgaben. „Bislang hat sich die österreichische Zuwanderungspolitik mit Familienzusammenführung und Flüchtlingsaufnahme begnügt.  An intelligentem Zuwachs bestand bislang kein Bedarf“, so Prof. Dr. Bernhard Felderer, Doyen der österreichischen Volkswirtschaftslehre.

 

Im Wettbewerb um Fachkräfte um Kapital für Investitionen

Die Resultate aus der Finanzkrise für die Realwirtschaft: Das Risk-Management entscheidet die Kreditvergabe. Unternehmen benötigen zur Finanzierung ihrer Investitionen wesentlich mehr Eigenkapital. Die Tendenz geht vom Fremdkapital zum Private-Equity-Kapital. Das größte Problem für Betriebe in Österreich ist aber der Mangel an Fachkräften.  Professor Dr. Bernhard Felderer, Doyen der heimischen Volkswirtschaftslehre und der Wirtschaftsforschung und ehemalige Direktor des IHS (Institut für Höhere Studien und wissenschaftliche Forschung), erläutert im Gespräch mit Lexpress, die Lage österreichischer Unternehmen – insbesondere im finanziellen Spielfeld Europas.

 

Lexpress: Die Wahlen in Frankreich und nun in Griechenland beschäftigen Analysten, Risk-Manager und Medien gleichermaßen. Sind die Ergebnisse tatsächlich auch relevant für Österreich, ist der heimische Mittelstand davon betroffen?

Bernhard Felderer: „Das spüren zunächst exportorientierte Länder. In Deutschland ist ein klarer Exportrückgang in Mai 2012 zu verzeichnen. Dies steht sehr wohl im Zusammenhang mit den Wahlen in Frankreich und in Griechenland und der daraus in Europa entstandenen Stimmung. Die Finanzmärkte haben klar signalisiert, dass sie die neuen europäischen Tendenzen, die Sparprogramme in Frage zu stellen, nicht schätzen. Italien und Spanien haben Zinserhöhungen hinnehmen müssen.

Natürlich ist von der politischen Ausrichtung Frankreichs oder Griechenlands auch Österreich betroffen. Die Nachfrage nach sicheren Aktiva wendet sich in Richtung sichere Staatsanleihen, davon profitieren Deutschland und Österreich. Beide Länder erfreuen sich am historisch niedrigsten Zinssatz zur Finanzierung der Staatsschulden, während andererseits die Zinsen in Südeuropa ab diesen Wahlen gestiegen sind. Auch die spanische Bankenkrise hat wesentlich zur Unruhe an den Märkten beigetragen.“

 

Noch im März 2012 war die Stimmung an den Finanzmärkten angesichts der europäischen Konjunktur zuversichtlich. Und dann geschah Unvorhersehbares?

Bernhard Felderer: „Der Konjunkturaufschwung in Deutschland hat eindeutig Vitalität gezeigt, selbst die österreichische Wirtschaft hat tendenziell positiv gewirkt. Inzwischen sind allerdings erste Anzeichen einer Abschwächung von Auftragseingängen zu beobachten. Voraussichtlich wird die Unsicherheit auf den Finanzmärkten wieder einmal die Realwirtschaft dämpfen. Ende 2008 erlebte Europa den massivsten Einbruch der Realwirtschaft bzw die schärfste Rezession der Nachkriegs-zeit – als Konsequenz auf die Stimmung der Finanzmärkte. Nun ist die Krise gut 5 Jahre alt, und keine Aussicht auf baldige Lösung. Große Krisen, unter Beteiligung der Finanzmärkte, haben stets 5 bis 10 Jahre angedauert.“

 

Wo sehen Sie die akuten „Brandherde“ in Europa?

Bernhard Felderer: „Die Krise in Spanien zeigt, dass Banken, welche sich zB in Immobilienfinanzierung hinein wagen, schnell in Schieflage geraten können. Das betrifft besonders die 'Bankia', ein zusammengeschlossenes Institut aus kleinen Sparkassen, mittlerweile aufgefangen durch den spanischen Staat. Das Finanzieren von Immobilien war in Spanien früher ein gutes Geschäft mit starker Nachfrage, jetzt spricht man von hunderttausenden von Projekten, welche nicht mehr verkäuflich sind und selbst bei niedrigerem Wert nicht mehr verkäuflich sein werden. Die Bank hat zu lange gezögert, die reale Situation in ihre Bücher aufzunehmen, nämlich für die bestehenden Immobilienkredite die nötigen Abschreibungen zu akzeptieren. Der Wunsch der Banken wäre gewesen, eine Bad Bank zu gründen – die spanische Regierung hat dem nicht zugestimmt.“

 

Seit Beginn der Krise im Finanzsektor haben sich die wesentlichen Faktoren zur Bankenregulierung nicht geändert. Es werden weiter Leerverkäufe getätigt, es wird mit Short-Futures gehandelt, auch das breite CDS-Programm bleibt unreguliert.

Bernhard Felderer: „Das ist so nicht richtig. Die Bankenregulierung ist sehr rasch voran getrieben worden. Das Kernproblem lag im mangelnden Eigenkapital der Banken, ein Problem welches vom Baseler Ausschuss als Konsortium der weltwichtigsten Industrienationen nun in Form von Basel 3 in Angriff genommen worden ist. Die Termine zu den Eigenkapitalvorgaben sind Ende 2011 festgesetzt worden. Unter anderem verlangen die Richtlinien eine 7%-Eigenkapitalquote, bezogen auf die risikogewichteten Aktiva. In Österreich haben die großen Banken diese Marke schon erreicht, die Regierung hat den Banken weitere 1,5% an Eigenkapital bis Ende 2013 abverlangt. Die Europäische Bankenaufsicht forderte von den rund 70 System-Banken Europas insgesamt 9% reines Eigen-kapital (Bargeld, Aktien, …), das bis Ende Juni 2012 vorzuweisen ist. Unter diesen Aspekten ist es nahezu ein Wunder, dass die Kreditklemme nicht größer geworden ist, als sie es nun ist. Und freilich betrifft das die Realwirtschaft. Der Unternehmer, der eine Werkshalle bauen möchte, benötigt nun wesentlich mehr Eigenkapital als vor der Krise.“

 

Wenn nun der Zinssatz für das zu verleihende Geld für die Banken „passt“ – und der Leitzinssatz der EZB in der Refinanzierungsfazilität liegt derzeit noch bei 1% – (Anm.d.Red.: seit 5. Juli 2012 nun 0,75%) sollte die Kreditwirtschaft doch florieren?

Bernhard Felderer: „Um die Zinsen geht es in erster Linie nicht. Das 'Sagen' in den Banken haben die Risk-Manager. Worum geht es den Banken? Das Management versucht Aktiva mit hohem Risiko zu vermeiden bzw zu verkaufen. Wenn der Hotelier ausbauen möchte und 40% Eigenkapital aufweist, dann wird die Bank wohl zustimmen. Das hat aber kaum jemand. Wenn der Unternehmer eine Werkshalle bauen möchte und 50.000 Euro Kapital besitzt, wird er ausgelacht. Es gibt also vulgo keine Kreditklemme, vielmehr ist es eine Umstellung auf mehr Eigenkapital.

Diese Umstellung wird auch die österreichische KMU-Landschaft erleben müssen. Der Unternehmer wird sich überlegen müssen einen finanzkräftigen Partner zu beteiligen. Das kann ein von der Bank vermittelter Kapitalgeber im Private Equity-Sektor sein, im Gegenzug erhält dieser einen Teil des Unternehmens und des Gewinns. Diese Vorgehensweise ist bei uns wenig gebräuchlich, vor allem wurde und wird auf Fremdkapital gesetzt. Investitionen erfordern auch Fremdkapital. Ohne Fremdkapital gibt es kein optimales Wachstum. Die Gewinne könnten gar nicht groß genug sein, um Investitionen nur aus Eigenmitteln zu finanzieren. Das Kreditvolumen beginnt ja wieder leicht zu wachsen.“

 

Neben der Finanzierungsform ist auch das Haftungsrisiko ein Kriterium – und CDS (credit default swaps) sind in einen schlechten Ruf geraten.

Bernhard Felderer: „Gott sei Dank gibt es CDS. Ohne CDS könnten zB Anlagenbauer nicht mehr exportieren. Das Risiko, dass ein serbischer, ukrainischer oder italienischer Klient nicht zahlt, ist definitiv größer als je zuvor. Im Regelfall erhält man eine kleine Anzahlung, Restbeträge zwischendurch. Ein Zahlungsausfall könnte die Pleite bedeuten. CDS sind ja eine Kreditversicherung, welche die Realwirtschaft dringend benötigt. Schwieriger zu beurteilen sind CDS-Abschlüsse ohne die jeweiligen Wertpapiere überhaupt in Besitz zu haben. Im CDS-Bereich sind Regulierungen sehr kompliziert. Jeden-falls wäre eine allgemeine Einschränkung derivativer Finanzgeschäfte fatal für die Realwirtschaft.

Gerade aber in Österreich, wo das allgemeine Wirtschaftsverständnis eher gering ist, sollten als spekulativ betrachtete Finanzgeschäfte wie Optionen, CDS, etc. überdacht werden. Es ist überaus wichtig, dass zB eine Gesellschaft wie die AUA weiß, was Kerosin in einem Jahr kosten wird. Der Treibstoff wird zu einem bestimmten Kaufpreis angeboten, der tatsächliche Marktpreis in 1 Jahr ist ja nicht bekannt. Natürlich ist das ein Risiko für die Verkäufer und natürlich kann man damit Geld verdienen, aber auch verlieren. Unter Umständen wird dieses Risiko auch weiterverkauft bzw aufgeteilt. Ohne derivaten Markt müsste die Fluggesellschaft aus Gründer der Vorsicht mit hohen Preisen kalkulieren. Grundsätzlich ist doch alles, was jetzt gekauft und später verkauft wird, spekulativ und Kerngeschäft des Kaufmanns.“

 

Wo endet „vernünftige“ Spekulation?

Bernhard Felderer:  „Verantwortungslose Spekulation ist in den meisten Fällen durch die Krise aufgedeckt worden. Ein Beispiel wäre die österreichische Kommunalkredit. Es wurden Verpflichtungen aus credit default swaps übernommen, heißt, es wurde garantiert, dass andere den festgesetzten Preis für Lieferungen auch tatsächlich erhalten. Allerdings hat die Kommunalkredit diese Geschäfte getätigt ohne im Fall des „Nicht-Zahlens“ über die jeweils erforderliche Kapitalausstattung zu verfügen. Wenn nun aber Großbanken in London oder in den USA solche CDS-Zusagen machen, stellt das eine sehr wichtige Aktivität dar. Mittlerweile würden die Regulierungen auch die Kommunalkredit an solchen Ge-schäften hindern.“

 

Wenn nun eine Großbank in „Schieflage“ gerät kann durch die Aufteilung der Risiken der Schaden weltweit Kreise ziehen?

Bernhard Felderer: „Wir haben keine weltweiten, lediglich nationale Bankenaufsichten. Das amerikanische System mit „Der Markt wird das schon regeln“ war das lockerste von allen. Auf den Markt kann bei einem Bankencrash allerdings nicht vertraut werden, da lediglich die Eigentümer in Konkurs geschickt werden können. Die Bank muss ab einer gewissen Größe dann vom Staat aufgefangen werden.“

 

Ein „System“-Blick auf Griechenland. Billionen von Euro wollen in den Rettungstransport gepackt werden. Was ist denn eigentlich aus der „No-Bail-out“-Regulierung geworden?

Bernhard Felderer: „Diese Regelung war ein Teil des Stabilitätspaktes, den alle Mitglieder der europäischen Währungsunion unterzeichnet haben – zwecks Verhinderung einer solchen derzeitigen Situation. Alle Länder haben diesen Vertrag verletzt. Diese lockere rechtliche Handhabung hat zum neuen Stabilitätsprogramm, dem Sixpack, geführt. 5 Verordnungen, nämlich deutlich schärfere Sanktionen und Beobachtungen der einzelnen Mitgliedsstaaten, und eine Richtlinie der europäischen Kommission. Die wichtigsten Merkmale sind die Schuldenbremse, wenn möglich im Verfassungsrang, weiters sollen Sanktionen im Krisenfall eines Landes automatisch erfolgen (diese können nur durch eine qualifizierte Mehrheit der nicht betroffenen Länder außer Kraft gesetzt werden). Kommt nun ein Land tatsächlich in Schwierigkeiten, bestehen Rettungsschirme, ebenso mit der Tendenz zur Automatisierung. Beginnend mit dem EFSF (European Financial Stability Facility), ein Garantieprogramm der Mitgliedsländer, das sich als nicht ausreichend erwiesen hat. Inzwischen ist ein Fond, der ESM (European stability mechanism) beschlossen worden. Die Ratifizierung steht in den Mitgliedsstaaten noch aus.“

 

Österreich weist eine Staatsschuldenquote von 72,2 Prozent auf. Ein Anlass zur Kritik der Europäischen Kommission, welche hier, insbesondere bei der Privatverschuldung, ein makroökonomisches Ungleichgewicht sieht. Worauf basiert das Vertrauen der österreichischen Sparer – und wie lassen sich aus Ihrer Sicht die Staatsschulden reduzieren?

Bernhard Felderer: „2008, zu Krisenbeginn, garantierte der österreichische Staat die unbegrenzte Haftung für private Spareinlagen und setzte damit ein wichtiges Signal. Diese Regelungen waren aber in Europa unterschiedlich angelegt, nunmehr bestehen staatliche Garantien für private Einlagen bis 100.000 Euro. Für Firmenkonten besteht keine Haftung des Staates.

Dass Österreich bei den Ratingagenturen an Wert verloren hat ist ob den Steuererhöhungen, den Kapitalabflüssen, einer wenig optimalen Standortpolitik, leicht nachvollziehbar. Ein Land, das eine nicht nachhaltige Steuerpolitik, zB die Stiftungsgesetzgebung, betreibt, kann nicht erwarten, dass es im Ranking nach oben kommt. Aber Staatsschulden rasch zu reduzieren, funktioniert nur bei gutem Wachstum. Ohne Wachstum wären massive Eingriffe nötig, die in der Regel gleichzeitig zu sinkender Nachfrage führen würden. Bei der Staatsschuldenquote muss man die Gesamtschulden des Staates, nach Maastricht gemessen, mit dem BIP in Verbindung bringen. Wenn nun das BIP unter dem Bruchstrich rasch wächst, verkleinert sich der Bruch. Bei einem rasch expandierenden BIP wird auch die Schuldenquote rascher reduziert. Andererseits dürfen oberhalb des Bruchstrichs die Schulden nicht wachsen, Schulden in absoluter Höhe zu tilgen funktioniert aber kaum. Allerdings kann man Staatsausgaben einfrieren und in Grenzen halten, das muss auch politisch möglich sein.“

 

Können denn österreichische KMU, jene Unternehmen mit 15-150 Mitarbeitern nach europäischer Klassifikation, mit geringem Einfluss auf den Kapitalmarkt, dieses geforderte Wachstum erbringen?

Bernhard Felderer: „Diese Betriebe schaffen mit Abstand die meisten Arbeitsplätze, nicht die Konzerne bzw die Industrie, wie man meinen könnte. Hier vollzieht sich eine starke Vitalität mit breiter Streuung, denn ein neuer Arbeitnehmer wird nur eingestellt, wenn die Auftragslage für längere Zeit passt. Meine Sorge ist, dass die Finanzierung nicht ausreichen wird, die höhere Eigenkapitalquote ist die Norm und das wird sich nicht ändern.“

 

Die Zuwanderung von Fachkräften nach Österreich ist politisch niemals forciert worden. Welche Maßnahmen kann die Bundesregierung nun rasch treffen und umsetzen?

Bernhard Felderer:  „Das Verständnis um den globalen Wettbewerb der besten Köpfe – ob diese nun Englisch oder Zulu sprechen – ist nicht nach Österreich gedrungen. Wenn eine Fähigkeit dringend gebraucht wird, unabhängig von Farbe, Religion, Geschlecht oder Sprache, muss diese in Österreich rasch und sinnvoll eingesetzt werden können. Die Einwanderungspolitik hierzulande hat sich historisch nicht auf qualifizierte Menschen, sondern auf die Schiene der Flüchtlingsaufnahme und Familienzusammenführung konzentriert.  Statt dem begabten Belgrader kam die Großmutter und die kranke Schwester.

Im letzten Jahr hat gerade Deutschland eine Rekordzuwanderung erlebt, aus dem Osten, aber vor allem aus Südeuropa. In Griechenland werden weit mehr Deutschkurse als früher angeboten, das Goethe-Institut ist überlaufen, in Spanien ebenfalls. 40% dieser Zuwanderer werden als hochqualifiziert bezeichnet. Das muss doch auch in Österreich funktionieren, dass die Hälfte aller Zuwanderer hochqualifiziert ist – insbesondere  im technischen Bereich, mit extremen Erleichterungen, einem sofortigen Arbeitsbeginn. Die Formalitäten werden danach erledigt. Nur so ist der Lebensstandard, den sich Österreich erwartet, zu erhalten.

Schlussendlich kommen diese Menschen nicht von alleine, dazu müssen erst die Voraussetzungen ge-schaffen werden und dieses Verständnis, dass es einen globalen Wettbewerb um qualifizierte Personen gibt, fehlt in Österreich. Gerade kleine und mittlere Unternehmen werden diesen Bedarf ha-ben, im technologischen Sektor, und benötigen hierfür Steuererleichterungen.

Was mag einen genialen Banker aus England veranlassen nach Wien zu kommen? Es muss ihm ja, ob der Lohnsteuer, wesentlich mehr bezahlt werden als in England. Könnte er einen Steuerbonus erhalten? Kann man ihn halten in diesem Land? Österreich benötigt dieses Personal dringend, im Finanzsektor, in der gesamten Ökonomie, im IT-Bereich der Medizin zB, in der Forschung generell. Wir sind ein kleines Land in einem riesigen Teich von Staaten mit vielen besonders qualifizierten Menschen. Es müssen Anreize geschaffen werden, diese zu veranlassen in unserem Land arbeiten zu wollen.“

 

Um diese Steuererleichterungen zu gewähren, müsste der Staat an anderer Stelle, vielleicht an der Umverteilungsschraube, drehen, um die „Verluste“ wieder einzubringen?

Bernhard Felderer:  „Die Absenkung der Spitzensteuersätze kostet relativ wenig, da nur wenig Menschen davon betroffen sind. Das einzige, was verloren gehen würde, ist die Befriedigung des Neidkomplexes bzw einer nicht definierbaren Gerechtigkeitsvorstellung. Im Gegenzug würden wir Menschen und Effizienz gewinnen, andernfalls wird sogar Österreich eine Abwanderung qualifizierter Kräfte erleben.“

 

Herr Prof. Felderer, Sie sind seit 1991 Chef des IHS, seit Anfang Juni nicht mehr.

Was wollen Sie der österreichischen Wirtschaft auf den Weg geben?

Bernhard Felderer: „Die Globalisierung hat nicht nur im Bereich der Güter stattgefunden. Natürlich können Teile in Südkorea günstig bestellt und hier weiterverarbeitet werden. Das ist der normale Produktwettbewerb. Es gibt aber auch den Wettbewerb um Kapital und – viel wichtiger – um qualifizierte Menschen. Unser besonders spezialisiertes Institut (IHS) schaut sich am globalen Arbeitsmarkt nach talentierten Menschen um und wir helfen diesen in Österreich zu bleiben.“

 

Welche Maßnahmen raten Sie dem österreichischen Staat?

Bernhard Felderer: „Der Staat, als Organisationsinstrument einer Gesellschaft, hat das Maximum seiner Möglichkeiten überschritten, er befindet sich nun in der Defensive. Wegen mangelnder Effizienz seiner Strukturen ist der Staat gezwungen entweder im dynamischen Lauf der Jahre mehr Steuern zu verlangen oder Aktivitäten einzuschränken. Allein der Druck der Finanzmärkte hat uns zu einer kleinen Reform, dem Sparpaket, gezwungen. Der Staat Österreich hat die Reform nicht aus eigenem Antrieb geschafft. Und dieser Druck wird weiter auf uns lasten. Wegen diesem eigenen Unvermögen sollten wir nicht auf die Finanzmärkte schimpfen, sondern dankbar sein, dass wir eine Gelegenheit erhalten haben, das Gemeinwesen rationaler gestalten zu können.“

Prof. Dr. Bernhard Felderer – Chef des IHS (Institut für höhere Studien) bis  Ende Mai 2012, Vorsitzender des österreichischen Staatsschuldenausschusses.

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