Verramscht: Chinesen kaufen systematisch deutsche Solar-Technik. Hanergy nach Solibro-Kauf vor Einstieg bei zwei insolventen Berliner Dünnschicht-Unternehmen. Scharfe Kritik von Ökonomen an Förderpolitik.
Führende deutsche Solartechnik wird nach Jahren teurer Förderung verramscht. Nach Informationen der Berliner Zeitung (Donnerstag-Ausgabe) sichert sich derzeit der chinesische Konzern Hanergy systematisch den Zugriff auf die CIGS-Solartechnik, die maßgeblich in Deutschland entwickelt wurde. Damit können besonders dünne und flexible Solarmodule hergestellt werden. Nach dem Kauf des Bitterfelder Unternehmens Solibro will Hanergy auch bei den beiden insolventen Berliner Firmen Soltecture und Global Solar Energy Deutschland günstig Technik erwerben. Dies berichten Firmen-Insider der Berliner Zeitung. Der Abfluss jahrelanger teurer Forschung nach China droht.
„Wir haben in Technologie investiert und eine Spitzenstellung erreicht. Und jetzt werden wir nach China verramscht“, sagte der Insider. Wie der Insolvenzverwalter von Soltecture mitteilte, laufen Verhandlungen mit verschiedenen Investoren, Details wurden nicht kommentiert. Nächste Woche läuft das Insolvenzgeld aus, der Insolvenzverwalter gerät unter Zugzwang. Der Insider befürchtet das Schlimmste: Das Unternehmen werde abgewickelt – und Maschinenpark und eine der am meisten versprechenden Technologien der Solarbranche verschwände nach China.
Denn die Soltecture-Angestellten sind sich sicher, dass der chinesische Konzern Hanergy an Soltecture interessiert ist – und sowohl Maschinen als auch Technik erwerben möchte In Zukunft aber könnte sich ein großer Markt für CIGS entwickeln. Auf Anfrage der Berliner Zeitung zu den Plänen in Deutschland gab es von Hanergy zunächst keine Antwort.
Solibro, eine Tochter der insolventen Q-Cells aus Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, wurde bereits im Juni übernommen. An der ebenfalls insolventen Berliner Firma Global Solar Energy Deutschland hat Hanergy laut den Insidern Interesse. Global Solar verfügt ebenfalls über CIGS-Technik. Und auch dort könnte sich Hanergy womöglich billig aus der Insolvenzmasse bedienen. Bei Solibro soll zwar zunächst sogar die Produktion in Deutschland etwas vergrößert werden. Doch am langfristigen Engagement gibt es Zweifel. „Die holen sich die Dünnschicht-Technik und bauen alles in China in zehnfacher Größe nach“, so der Insider.
Ulrich Blum, Professor der Uni Halle, übte schwere Kritik an der deutschen Solarförderpolitik: „Wir haben die ausländische Konkurrenz mit völlig überzogener Förderung aus der Gießkanne hochgepäppelt, jetzt holen sie sich unsere Perlen zum Schnäppchenpreis.“ Blum sieht kaum noch Chancen, im großen Maßstab Photovoltaik-Produktion in Deutschland zu halten: „Ich denke, es ist vorbei. Das ist ein schwerer Schlag für Ostdeutschland, wo es die Chance auf die Ansiedlung einer Zukunftstechnik gab.“ Eine Reform der Subventionen – etwa die Anforderung, dass ein Teil der Wertschöpfung in Deutschland erbracht werden muss – kommt laut Blum zu spät. „Eine Notlösung wäre ein Auffangfonds für deutsche Solarunternehmen. Die Patente könnten vom Staat aufgekauft werden. Eine marktwirtschaftlich saubere Option ist leider nicht mehr verfügbar.“
Das Bundeswirtschaftsministerium sieht die Schuld bei den deutschen Firmen. Sie hätten zu spät auf die Veränderungen am Markt reagiert. „Anstatt sich auf die überhöhte Solarförderung zu verlassen, hätten sie sich früher dem internationalen Wettbewerb stellen und Forschung und Entwicklung verstärken müssen“, hieß es auf Anfrage.



