Alles spricht für einen heißen Herbst an den Finanzmärkten. Derzeit spielen viele Marktteilnehmer Erholung und Euro-Rettung durch Gelddrucken. Doch damit ist die Krise keineswegs gelöst. Im Herbst drohen neue Schockwellen, besonders bei den Banken. Wie geht es also weiter an den Börsen? Ausbruch oder Crash?
von Carsten Englert
Wenn man die vergangene Börsenwoche gesehen hat, könnte man meinen, dass es keine Schuldenkrise mehr gibt und wir uns mitten in einer prosperierenden Wachstumsphase befinden. Die 7.000 Punkte wurden geknackt und bis Weihnachten sehen wir bestimmt ein neues Allzeithoch... alberne Vision oder Wirklichkeit? Ich versuche mich mal in einer Analyse der Lage.
Warum steigen die Kurse?
Im Grunde gibt es zwei Gründe, warum derzeit die Kurse steigen, obwohl sich in Punkto Schuldenkrise rein gar nichts gebessert hat. Da ist zum einen der Anlagenotstand. Es ist viel Geld im Umlauf und das will investiert werden. Eine Zeit lang, als die Risikoscheu am Maximum war, haben Anleger damit Anleihen gekauft, selbst wenn sie wie US-Anleihen oder deutsche Staatsanleihen eine negative Realrendite eingebracht haben, teilweise sogar eine negative Nominalverzinsung. Doch die Risikoscheu ist nun etwas gesunken und die Anleger suchen wieder nach etwas mehr Rendite. Diese bieten die als sicher eingestuften Anleihen überhaupt nicht. Und die gut rentierenden Anleihen (beispielsweise Spanien und Italien) haben auch nicht weniger Risikopotenzial als Aktien. Da kann man natürlich gleich die Aktie präferieren, da Anteilsscheine deutlich mehr Renditepotenzial haben. Der zweite Grund liegt wohl in einer kollektiven Realitätsverdrängung. Alle schlechten Nachrichten, wie die sich immer weiter ausbreitende Rezession, die Beinahe-Pleite Griechenlands in dieser Woche, die immer offensichtlicher werdende Krise der europäischen Banken – neuesten Zahlen zu Folge sitzen diese auf einer Billion Euro an faulen Krediten! – und die nach wie vor bestehende Gefahr, dass auch Spanien und Italien umkippen und unter den Rettungsschirm müssen, werden ignoriert. Selbst Deutsche Bank und Commerzbank konnten sich von den Tiefständen wieder erholen. Wird jetzt alles gut? Das Argument: Ist ja jetzt schon alles eingepreist. Das ist von Händlern und börsenaffinen Medien immer wieder zu hören. Das seltsame dabei: es wurde bei steigenden Kursen eingepreist!
Zwei Gründe, warum der Herbst heiß wird
Doch es ist klar, dass das nicht ewig so weiter gehen wird! Zwei Faktoren sprechen dafür, dass es relativ bald mit der Verdrängungsrallye ein jähes Ende nehmen könnte. Da sind zum einen die dünnen Umsätze, unter denen der letzte Anstieg auf über 7.000 Punkte stattfand. Der Chart verdeutlicht es. Die Umsätze verhalten sich umgekehrt proportional zum Kursanstieg. Das deutet auf ein baldiges Ende der Rallye hin. Die dünnen Umsätze sind auch der Sommerferienzeit geschuldet. Dieses Phänomen der geringen Umsätze in den Sommermonaten ist eigentlich beinahe jedes Jahr zu finden.

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Daraus wiederum begründet sich der zweite Grund für ein baldiges Ende der Rallye: die Saisonalität. Der September gehört historisch gesehen zu den schlechtesten Börsenmonaten. Das erklärt sich wohl daraus, dass die Händler und Privatanleger wieder aus dem Urlaub zurück kommen und die unter dünnen Umsätzen hochmanipulierten Kurse nutzen, um schnell Kasse zu machen. Dazu kommt in diesem September noch, dass das Bundesverfassungsgericht über den geplanten ständigen Rettungsschirm ESM zu entscheiden hat. Und da sich die derzeitige Version des ESM jeglicher demokratischer Kontrolle und Kontrollmöglichkeiten entzieht, wäre alles andere als ein Veto aus Karlsruhe ein handfester Skandal und ein schwerer Schlag für die Demokratie!
Nun dürfte deutlich geworden sein, warum eine Long-Positionierung jetzt eine ziemliche Fehlentscheidung sein dürfte. Eventuell versucht der DAX tatsächlich noch, das Jahreshoch bei knapp unter 7.200 Punkten zu testen, aber dann wird die Luft immer dünner. Und der heiße Herbst rückt immer näher. Selbst ein großer Crash ist nicht auszuschließen, nein, angesichts der unerklärlichen Euphorie an den Märkten sogar wahrscheinlich.



