Auch der Staatsrechtler Joachim Wieland von der Verwaltungshochschule Speyer sieht Karlsruhe in einem Dilemma. Für das Bundesverfassungsgericht stehe seine „Autorität in Rechtsfragen der Währungsunion und der Integration Europas auf dem Spiel“, sagte Wieland Handelsblatt Online. Für Europa gehe es um seine Zukunft als „Union des Friedens, der Freiheit, des Rechts und der sozialen Gerechtigkeit, für Deutschland und den Bundestag die Gewährleistung der Demokratie und der nationalen Haushaltshoheit“.
Bei ihrer Urteilsfindung haben die Richter nach Einschätzung der Juristen verschiedene Optionen, die sie in Betracht ziehen können. Der Senat könne die Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung ablehnen, damit wäre schon der Ausgang des Hauptsacheverfahrens vorweggenommen, sagte Degenhart. Es könne auch Hinweise auf eine verfassungskonforme Ausle! gung der Verträge geben. Und, so der Leipziger Professor weiter, „es könnte sogar die Bundesregierung verpflichten, nur unter Vorbehalt zu ratifizieren oder aber die Verträge einstweilen zu stoppen“.
Nach Einschätzung des Speyrer Staatsrechtlers Wieland ist es für die Richter „angesichts der politischen Brisanz fast unmöglich“, das Inkrafttreten des ESM zu verhindern. „Sie können aber die Bundesregierung verpflichten, bestimmte Auslegungen des Vertragswerks zum Schutz Deutschlands vor einer zusätzlichen Haftungsübernahme gegenüber den Vertragspartnern völkerrechtlich verbindlich zu machen“, sagte er. „Sie könnten außerdem aus dem Grundgesetz ableiten, dass Deutschland das Recht zur Kündigung des Fiskalpakts haben muss.“



