Die US-Schuldengrenze wird unter größtmöglicher Theatralik einfach weiter nach oben verschoben, jeweils mit dem Spannungsbogen eines Hollywood-Thrillers, der in letzter Sekunde erst ein Happy End schafft. - Die US-Polit-Clown-Show geht zwar vorerst weiter, doch der Tag der Abrechnung rückt erbarmungslos näher.
von Carsten Englert
Das Wort Fiskalklippe dürfte mittlerweile jedem geläufig sein, der sich auch nur ein klein wenig mit Börse befasst. Es dürfte eines der meistzitierten Wörter in der Marktberichterstattung in den letzten Wochen gewesen sein. Was die Fiskalklippe ist, dürfte daher auch mittlerweile jedem klar sein. Allerdings erschließt sich mir immer noch nicht das Theater, das darum in den USA veranstaltet wird.
Liegt es daran, dass das Land, aus dem die Hollywood-Filme kommen eine grundsätzlich höhere Neigung zur Theatralik hat? Erst hört man, eine Einigung wird schwierig. Dann kommt der Republikanische Oppositionsführer John Boehner und sagt, es sieht gut aus. Später dann ist wieder zu hören, dass es schlecht aussieht, nur damit der US-Präsident Barack Obama kurz darauf wieder die Hoffnungen auf eine Lösung weckt. Doch halt! Es dauert nicht lange, bis wieder das Dementi von Boehner kommt. - „Die Politiker werden es nicht dulden, dass die Konjunktur einbricht“, ist Klaus Günther Deutsch von DB Research, dem Think Tank der Deutschen Bank, überzeugt. „Vielmehr wird es unterschiedlich gestaltete Kompromisse geben, um die ,fiskalische Klippe‘ zu umgehen und nicht von ihr herunterzufallen.“
Dieses vollkommen alberne Parteiengeplänkel in einer so wichtigen Frage – es dürfte außer Frage stehen, dass die automatischen Belastungen der US-Bürger um geschätzte 600 Milliarden Dollar das vom Konsum abhängige Land schwer treffen dürfte – ist für uns Europäer nur schwer nachvollziehbar.
Dabei ist ja auch die Tatsache, dass es die Fiskalklippe überhaupt gibt schon eine direkte Folge der US-Polit-Clown-Show. Schon einmal, im August des vergangenen Jahres, drohte die USA die selbst auferlegte Schuldengrenze zu erreichen. Die Folge wäre eine Zahlungsunfähigkeit des Staates gewesen, da die USA mit Defiziten im Billionen-Dollar-Bereich weit davon entfernt sind, ihr Budget ohne neue Schulden stemmen zu können. Damals gab es dasselbe Polittheater wie jetzt. Republikaner und Demokraten einigten sich buchstäblich erst in allerletzter Minute auf genau den Kompromiss, der jetzt wiederum die USA bedroht.
Die USA geben dabei kein wirklich souveränes Bild ab. Die Gefahr ist groß, dass Washington seine Glaubwürdigkeit am Markt verspielt. Schuldengrenzen werden unter größtmöglicher Theatralik einfach weiter nach oben verschoben, jeweils mit dem Spannungsbogen eines Hollywood-Thrillers, der in letzter Sekunde erst ein Happy End schafft. Die USA müssen aufpassen, dass die Anleger nicht irgendwann die Nerven verlieren und die Lust, Jahr für Jahr weitere Billionen in die USA zu pumpen. Dann wird aus dem Thriller ganz schnell ein Drama. Nicht nur in Hollywood.



