Die Homöopathie ist nur zum Teil auf der Siegerstrecke. Die Frage, ob Homöopathie siegt, sticht mitten in ein Wespennest.
von Rolf Ehlers
Die Frage, ob Homöopathie siegt, sticht mitten in ein Wespennest. Sie wirft so viele Fragen auf, dass es mir wichtig erscheint, einige wichtige Aspekte des Themas aufzuzeigen. Homöopathie ist schließlich in unserer Gesellschaft so sehr ein Thema, dass jeder denkende Mensch wissen sollte, worum es dabei geht, und dazu auch eine eigene Meinung entwickeln sollte.
Die DHU, die gerade die von ihr rhetorisch gemeinte Frage öffentlich in MMNews aufgeworfen hat, (www.mmnews.de/index.php/i-news/11433-homoeopathie-siegt) ist aus der 1946 von Leipzig nach Karlsruhe umgezogenen Firma Schwabe hervorgegangen und hat sich 1961 den institutionell und amtlich klingenden Namen „Deutsche Homöopathie Union“ gegeben. Die DHU ist aber eine ganz normale gewerblich tätige Firma mit dem vollen Namen „Deutsche Homöopathie-Union DHU-Arzneimittel GmbH & Co. KG“. Persönlich, d.h. mit ihrem Stammkapital haftende Komplementärin ist die „DHU-Arzneimittel Verwaltungs GmbH“, die von ihren Geschäftsführern Patrick Krauth und Franz Stempfle geleitet wird. Wie die Karlsruher Firma selbst angibt, erwirtschaftet sie jährlich durch Verkäufe im In- und Ausland mit 400 Mitarbeitern annähernd 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr. (http://www.dhu.de)
Die ganze Branche beschäftigt aber in Deutschland rund 260 Pharma- und Biotech-Firmen, die in einem Bundesverband zusammengeschlossen sind, mit rund 72.000 Mitarbeitern ein Vielfaches an Umsatz. Schon wenn man den Umsatz des „Branchenprimus“ DHU auf die Zahl der Beschäftigten hochrechnet, kommt man jährlich auf mehr als 1 Milliarde Euro Umsatz der ganzen Branche in Deutschland. Der Verband gibt aber an, dass seine Mitglieder jährlich mehr als 2 Milliarden Euro umsetzten. http://www.spiegel.de
Das ist zwar alles nur ein Pups gegen die Billionen, die die weltweite Pharmaindustrie im Jahr umsetzt. Dennoch ist die Homöopathiebranche bei „ihren“ Therapeuten, den Apotheken und Millionen von überzeugten Patienten wirtschaftlich solide verankert. Auch ein Tausendstel oder ein noch kleinerer Bruchteil am gewaltigen Geschäftsvolumen der weltweiten Pharmaindustrie ist eine große Menge.
Auf dem europäischen Kontinent hat die vom sächsischen Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) erfundene Lehre von der Homöopathie zudem einen Schwerpunkt. Während im 19. Jahrhundert sich noch die englische Königsfamilie homöopathisch behandeln ließ, sind in England in jüngerer Zeit schon Massen auf die Straßen gezogen, um gegen den Unsinn, wie sie meinen, zu protestieren. Ein bedeutender Kopf der Kritikerbewegung ist der kritische Arzt und Autor Dr. Ben Goldacre, der in seinem Bestseller „Die Wissenschaftslüge“ (Fischer, 2011) allerdings auch der „evidenzbasierten“ Standardmedizin mit ihren nach seiner Darlegung oft verlogenen und wertlosen „ergebnisbasierten randomisierten Doppelblindstudien“ ans Fell geht.
Zumindest bei uns ist die Homöopathie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im Kampf um die Gunst des Publikums, auf der Siegerstrecke. Immer mehr Menschen vertrauen der herkömmlichen Medizin nicht mehr, zumindest nicht allein. Dass das so ist, hat sich die von vielen verächtlich als „Schulmedizin“ bezeichnete herkömmliche Medizin mit ihrer Arroganz und Kritiklosigkeit selbst zuzuschreiben. Die Politik hat den mächtigen Gesundheitskonzernen zudem den Gefallen getan, jede Alternative zu medikamentösen oder operativen Wegen zur Gesundheit zu diskreditieren. Damit wird auch die bewährte Hausmedizin, die über Jahrtausende hinweg das Gros der Störungen der Gesundheit in der Bevölkerung erfolgreich bekämpfte, in ihrer Verbreitung beschnitten. Die Reduzierung aller Maßnahmen zur Prävention und Prophylaxe gegen und zur Linderung und Heilung von Krankheiten auf die Angebote der Industrie, um die es den Betreibern und Begünstigten unseres Gesundheitssystems geht, wird von der Bevölkerung nicht mitgetragen. Aber das ist in unserem scheindemokratischen System nur typisch, weil das Volk sachlich nichts zu sagen hat. Das Volk ist ja nur berechtigt, alle paar Jahre zu bestätigen, dass wechselnde von ihm gewählte Delegierte nach deren Belieben alles frei regeln können, was sie wollen. Prompt handeln sie konsequent gegen den Willen der Wähler. Nur vor der nächsten Wahl versprechen sie manchmal Besserung.
Leider wird in der Masse der Anhänger alternativer Medizin sehr oft zu wenig zwischen den verschiedenen Alternativangeboten unterschieden. Wer sich für die Heilung durch die Nutzung des Wissens unserer Vorväter (und Mütter)wie der berühmten Hildegard von Bingen, stark macht, verschreibt sich oft zugleich der Esoterik in allen ihren unterschiedlichen Wegen. Statt nur an die Wirkung von Kräutern und Bädern zu glauben, hangt man dem Glauben an Engel an, sucht die Wahrheit in Tarotkarten ,glaubt an die Heilkraft von Steinen und erklärt die ganze Welt aus dem Stand der fernen Gestirne. Diejenigen, die die praktischen Erfolge chinesischer, indischer und tibetischer Erfahrungsmedizin nutzen wollen, lassen sich auf die buddhistischen Lehren von der ewigen Wiedergeburt oder gar der Heilung von Krankheiten über die Ereignisse aus früheren Inkarnationen hinweg ein (Reinkarnationstherapie). „Alternativ“ ist eben „in“. Also gilt: Wenn schon, denn schon. Der Verstand bleibt dabei weitgehend auf der Strecke.
Homöopathen gefällt es gar nicht, wenn man ihre Lehren als esoterisch bezeichnet. Rein von der Logik her ist unter Berücksichtigung allen zugänglichen Wissens aus Physik und Chemie allerdings keine Wirkung zu erklären, wenn die verwendeten Wirksubstanzen durch immer wiederholtes Schütteln so stark verdünnt werden, dass am Ende nicht einmal mehr ein einziges erhaltenes Molekül des verwendeten Wirkstoffs in den zu schluckenden Globuli vorhanden sein kann. Wenn man in gewohnten Bahnen denkt, fragt man doch danach, wo sich denn die heilende Information aus dem Wirkstoff hin verzogen haben soll. Soll sie in die Füllsubstanz gewandert sein um dann vom Wasser im Körper aufgenommen und verteilt zu werden? Trägerstoffe sind ja entweder Rohrzucker (Saccharose, HAB 2006), auch gemischt mit Stärkemehl, zuckerfreies Xylitol, Blüten und Pflanzenteile (Bach-Blüten) oder Salze (Schüssler-Salze). Unter Anwendung der anerkannten Regeln der Logik, wie sie heute in Ergänzung zu den Lehren des Aristoteles in der Wissenschaft und in der Allgemeinheit anerkannt sind, kann man nicht anders sagen, als dass es keine nachvollziehbare Erklärung für die Wirkungen der Homöopathie gibt. Man findet einfach keine anorganischen oder biochemischen Systeme mit den benötigten Speicherfähigkeiten.
Dennoch ist nicht auszuschließen, dass nach dem immer tieferen Eindringen in die Natur von Materie und Energie durch die moderne Physik nicht a limine ausgeschlossen werden kann, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt, die sich unterhalb der molekularen und der atomaren Ebene abspielen. Eine Wahrscheinlichkeit dafür kann ich indes nicht feststellen. Ich halte es eher für wahrscheinlich, dass unsere Gesundheit sich vollständig in den Abläufen auf Mikro- und Nanoebene abspielt. Da sind wir doch schon in Bereiche kleinster Teilchen abgestiegen, in denen wir die einzelnen beteiligten Phänomene selbst mit den tollsten Geräten nur schemenhaft sichtbar machen können. Welche Wirkzusammenhänge es in den unendlich viel kleineren Bereichen von Quarks, Strings und dunkler Materie vielleicht gibt, können wir nicht einmal erahnen.
Es bleiben nach alldem aber die – auch in umfangreichen Studien – festgestellten tatsächlichen Erfolge der homöopathischen Behandlungen. Einzelne Behandlungserfolge sind so frappierend, dass ein Arzt, der sie erlebt hat, in der Verantwortung gegenüber seinen Patienten kaum anders kann, als die Möglichkeit der Heilung auf diesem Wege auch künftig wieder für möglich zu halten. Auf der anderen Seite gibt es die Fülle der homöopathischen Behandlungen, die überhaupt nicht anschlagen. Darüber wird nicht so gut Buch geführt.
Immer wieder wurde gemutmaßt und behauptet, all e Behandlungserfolge der Homöopathie seien als Placebo-Wirkungen zu erklären. Die Verfechter halten dagegen, dass aber die nachgewiesenen Erfolge bei Kindern und Tieren mit dem Placeboeffekt nicht erklärt werden könnten. Der sehr ausführliche kritischen Artikel von Dr. Thomas Much mit dem Titel „Aberglaube Homöopathie“ im Blog „Kritisch gedacht“, wurde über 600mal kommentiert. Darunter finden sich so kluge Hinweise von Lesern wie der von „MiChaSch“, dass ein Kind es doch z.B, spüre, ob der Erwachsen ruhig und zuversichtlich ist. http://kritischgedacht.wordpress.com
Die große Crux unseres Gesundheitswesens ist nicht die Vertrauenskrise der Bürger. Diese ist nur die Folge der Fehler im System der heutigen Verschreibungsmedizin. Es hat sich herumgesprochen, dass Homöopathen die aufmerksameren Ärzte sind und häufig Erfolge haben, von denen andere nur träumen können. Sie nutzen den von Hahnemann erfundenen Diagnoseschlüssel. Selbst wenn man daran viel bekritteln kann, führt seine praktische Anwendung zwangsläufig in ein tiefer gehendes Gespräch zwischen Arzt und Patient. Letzterer schöpft Vertrauen. Trifft sich das mit der Erwartung des Arztes, dass er voraussichtlich helfen kann, sind wir am Ende da, wo alle Logik nicht mehr wichtig ist: „Wer heilt hat Recht!“ Solange die herkömmliche Medizin nicht umdenkt, ist, gleich wie man über ihre theoretischen Grundlagen denkt, die Homöopathie eine unverzichtbare Ergänzung des Angebots zur Heilung von Krankheiten.
Rechtlicher Hinweis: Die in diesem Beitrag geäußerten Ansichten / Empfehlungen / Behauptungen sind rein subjektiver Natur und stellen in keiner Weise eine Therapie-Empfehlung oder eine sonstige Empfehlung dar, um Krankheiten zu behandeln oder zu verhindern. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Ihren Apotheker.



