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2013: Letzte Aufprallphase

Die Welt 2013: Der kleinste Funken kann das Schuldenpulverfass zur Explosion bringen. - Der Zusammenbruch des Dollars, schmerzhaft zwar, aber kontrollierbar, ist der einzig mögliche Ausweg aus der Verschuldungsfalle, in der die USA heute gefangen sind. Außerdem kämpfen Japan und Großbritannien ums Überleben; beide sind in Rezession, beide überschuldet, die private Sparquote liegt bei null, Lösungsperspektiven gibt es keine.
 
 
Eine Analyse der GEAB

Bisher heute hat sich die Krise getreu der fünf Phasen entwickelt, die wir im Mai 2006 in der fünften Ausgabe des GEAB beschrieben und in der 32. Ausgabe vom Februar 2009 ergänzt hatten: Ausbruch, Beschleunigung, Aufprall, Dekantierungsphase und Zerfall der Welt - und öffentlichen Ordnung, wobei die beiden letzten Etappen gleichzeitig verlaufen. In den letzten Ausgaben und insbesondere in der 70. Ausgabe vom Dezember 2012 haben wir ausführlich beschrieben, in welcher Weise die beiden letzten Phasen ablaufen, in der auf den Trümmern der zerfallenen Welt - und öffentlichen Ordnung unter viel Schwierigkeiten die Welt von Morgen entsteht.

Wir haben aber die Dauer der Dekantierungsphase unterschätzt, die nunmehr seit vier Jahren anhält, weil alle Akteure der Krise ein gemeinsames Ziel verfolgt haben, nämlich Zeit zu gewinnen: Die USA wollen um jeden Preis verhindern, dass der Dollar als internationale Leit- und Reservewährung abgelöst wird, obwohl das Land inzwischen weder die politische noch die wirtschaftliche Stärke besitzt, um seiner Währung diese Rolle zu sichern; aber sie haben keine Wahl, da ihre Gläubiger sie sonst fallen lassen würden. Also bekämpfen sie andere Währungen, die dem Dollar Konkurrenz machen könnten, inzwischen sogar den Yen, bekämpfen aufs Äußerste jeden Versuch, Öllieferungen vom Dollar abzukoppeln usw. Die anderen Länder hingegen versuchen, die USA zu stützen, um ihren brutalen Zusammenbruch, unter dem auch sie massiv zu leiden hätten, zu vermeiden, während sie gleichzeitig am Aufbau alternativer Lösungen arbeiten, mit denen die Abkoppelung von den USA gelingen kann.

Als Schlussfolgerung aus dieser so langen "Betäubung" des System halten wir es daher nun für notwendig, unserer Beschreibung der Krise eine weitere, sechste Phase hinzuzufügen: Die letzte Aufprallphase, die 2013 ablaufen wird.

Sicherlich hatten die USA geglaubt, dass die anderen Länder im eigenen Interesse die lebenserhaltenden Maßnahmen für die US-Wirtschaft unbegrenzt aufrecht erhalten würden; aber es ist wahrscheinlich, dass sie diesen Glauben inzwischen eingebüßt haben. Der Rest der Welt hat sich angesichts der letzten Kapitel der US- Krise (politische Krise und Lähmung des politischen Entscheidungssystems, Beinahabsturz über die Fiskalklippe, wahrscheinliche Zahlungsunfähigkeit im März und anhaltende Unfähigkeit, auch nur die geringsten strukturellen Reformen anzugehen) zur Erkenntnis durchgerungen, dass ein Zusammenbruch der USA unmittelbar bevorsteht; alle Beteiligten spähen angestrengt nach dem kleinsten Hinweis für den Beginn des Zusammenbruchs, um die Flucht zu ergreifen, wohl wissend, dass sie damit den Zusammenbruch nur noch beschleunigen werden.

Wir gehen davon aus, dass vor dem Hintergrund der bevorstehenden schwierigen Verhandlungen zur notwendigen erneuten Anhebung der US-Schuldengrenze im März 2013, die sowohl innenpolitisch als auch auf den globalen Finanzmärkten zu Spannungen führen werden, sich solche Hinweise zahlreich einstellen und die letzten potentiellen Käufer von US-Staatsanleihen in die Flucht schlagen werden; dadurch wird ein weiteres Nachfrageloch entstehen, das die Fed nicht mehr stopfen können wird, ohne die Zinsen zu erhöhen. Das wiederum wird die amerikanische Verschuldung in astronomische Höhen schnellen lassen, so dass auch dem letzten Gläubiger deutlich werden wird, dass es vollkommen ausgeschlossen ist, dass diese Schulden je zurück gezahlt werden; sie werden daher lieber das Handtuch werfen, auch wenn sie damit das Schicksal des Dollars besiegeln. Der Zusammenbruch des Dollars, schmerzhaft zwar, aber kontrollierbar, ist der einzig mögliche Ausweg aus der Verschuldensfalle, in der die USA heute gefangen sind.

Aus diesem Grund sagen wir für 2013, Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Welt von Morgen, voraus, dass es das Jahr sein wird, in dem die Schulden der USA und der Welt radikal zusammengestrichen werden. Alle Akteure werden mit dieser Lösung leben müssen, deren Konsequenzen nur sehr schwer vorhersehbar sind; aber angesichts der strukturellen Unmöglichkeit der USA, ihre Schulden zu bezahlen, ist dies die einzige verbleibende und damit unausweichliche Lösung.

Aber um die Gründe und die Folgen dieser letzten Aufprallphase richtig einschätzen zu können, wollen wir uns im Detail der Frage widmen, warum das System so lange überleben konnte. Anschließend werden wir herausarbeiten, warum der Schock sich 2013 ereignen wird.


Zeit gewinnen: Wenn die Welt nicht anders kann als sich über den amerikanischen Status Quo zu freuen

Seit 2009 und den zeitlich begrenzten Rettungsmaßnahmen für die Weltwirtschaft rechnet die Welt mit dem berühmten Absturz in den "double dip"; denn Tag für Tag wird die Lage für die USA katastrophaler: Gigantische öffentliche Verschuldung, Massenarbeitslosigkeit und -armut, politische Lähmung, nachlassender internationaler Einfluss usw. Dennoch bleibt dieser erneute Absturz auf fast schon unerklärliche Weise aus. Sicherlich helfen die "Sondermaßnahmen" zur Stützung der Wirtschaft, die immer noch aufrecht erhalten werden: Zinsen auf Rekordtiefstand, Subventionen, staatliche Ausgabenprogramme, Schuldenaufkauf usw. . Aber entgegen jeglicher Erwartung und im Widerspruch zu einem vernunftgesteuerten Verhalten scheinen die internationalen Finanzmärkte den USA weiterhin Vertrauen zu schenken. In Wirklichkeit aber wird das System nicht mehr durch Vertrauen am Leben erhalten, sondern durch die Hoffnung der Gläubiger, dank weiterer Stützungsmaßnahmen den für sie selbst bestmöglichen Absprungszeitpunkt bestimmen zu können.

Vorbei sind die Zeiten, als China die USA davor warnte, ein weiteres Quantitative Easing aufzulegen. Die Welt scheint sich mit der Tatsache abgefunden zu haben, dass die USA Schulden auf Schulden häufen und unweigerlich in Richtung Zahlungsunfähigkeit driften, solange der letztendliche Zusammenbruch noch vermieden werden kann und offizielle US- Stellen die Märkte beruhigende Lippenbekenntnisse zum Rückzahlungswillen abgeben. Warum drängen die anderen Länder die USA nicht, endlich ihre Defizite einzudämmen, sondern beglückwünschen sich dafür, dass mit der Vereinbarung zum Aufschub der Fiskalklippe alles bleibt, wie es ist? Dabei weiß jeder, was Sache ist: Diese Situation kann nicht von Dauer sein und das zentrale Problem der Weltwirtschaft sind sehr wohl die USA und ihr Dollar.


Die öffentlichen Schulden verschiedener Länder in Monaten staatlicher Steuereinnahmen (4) -  Quelle: LEAP / European Commission, ONS, FRB

Die öffentlichen Schulden verschiedener Länder in Monaten staatlicher Steuereinnahmen - Quelle: LEAP / European Commission, ONS, FRB
Nach unserer Auffassung geht es den verschiedenen Akteuren nur darum, Zeit zu gewinnen. Die Finanzmärkte wollen möglichst lange von der Großzügigkeit der Fed und der US- Regierung profitieren, um hohe Profite einzuheimsen; die anderen Länder wollen ihre Volkswirtschaften so weit wie möglich von der US- Wirtschaft abkoppeln, um von den USA in ihrem Sturz nicht mitgerissen zu werden. Daher nutzt Euroland die Zeit, um sich institutionell zu festigen, während China seine Dollarreserven in die Infrastruktur anderer Ländern steckt, die sicherlich einen größeren Wert repräsentieren werden als die Dollarscheine, wenn der Dollar erst zusammen gebrochen sein wird.


Der Rhythmus beschleunigt sich und die Herausforderungen werden zahlreicher

Aber diese Zeit der komplizenhaften Großzügigkeit geht nun wegen zu hohen Drucks zu Ende. Es ist interessant zu sehen, dass der Druck eigentlich nicht vom Ausland ausgeht, was unsere obige Analyse bestätigt; der Druck kommt vielmehr aus zwei unterschiedlichen Richtungen, einmal aus dem politischen System der USA, und einmal aus der Wirtschaft und von den Finanzmärkten.

Zum einen drohen innenpolitischen Streitigkeiten, das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Zur Zeit sieht es zwar danach aus, als genieße Obama eine verdiente Ruhepause vor den Zumutungen der republikanischen Partei, die durch die Wahlniederlage angeschlagen ist; aber schon ab März wird der Schlagabtausch erneut und mit noch größerer Gewalt beginnen. Wir gehen zwar davon aus, dass die republikanischen Abgeordneten gar keine andere Wahl haben werden als für eine Anhebung der Schuldenobergrenze zu stimmen; aber sie werden Obama für diesen Gesichtsverlust teuer bezahlen lassen, den sie vor ihren Wählern rechtfertigen müssen, von denen eine gute Hälfte eigentlich nur auf die Zahlungsunfähigkeit der Regierung hofft, da sie nur darin eine Möglichkeit sehen, die USA aus den Fängen der krankhaften öffentlichen Verschuldung zu retten. Die Republikaner werden daher versuchen, den Präsidenten bei vielen Anliegen vor sich her zu treiben, ob bei den Sozialausgaben, den Waffengesetzen, der Legalisierung der 11 Millionen illegaler Einwanderer, der Gesundheitsreform und ganz allgemein bei der Diskussion über die Kompetenzen der Bundesregierung; im wirtschaftlichen Bereich bei der Beschränkung staatlicher Ausgaben, der Eindämmung der öffentlichen Defizite, Fiskalklippe 2.0 usw. All diese Diskussionen stehen in den nächsten Monaten an und jede einzelne kann die beiden Parteien in blutige Grabenkämpfe treiben. Angesichts des Kampfwillens der Republikaner und insbesondere ihrer Wählerschaft ist jede Hoffnung, dass solche Grabenkämpfe vermieden werden können, in den Bereich der Utopie einzuordnen.

Auf der anderen Seite drohen die internationalen Märkte, allen voran Wall Street, damit, der US- Wirtschaft ihr Vertrauen zu entziehen. Seit dem Wirbelsturm Sandy und insbesondere seit dem Geschacher um die Fiskalklippe, das kein Problem beseitigt hat, erscheinen immer mehr pessimistische Analysen und wachsen die Zweifel. Man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, dass Aktienmärkte kein Vaterland und keine Heimat kennen und dass sie, selbst wenn sie in New York angesiedelt sind, nur einem Ziel verpflichtet sind: Profitmaximierung. 2013 ist die Welt groß und offen genug, dass die Investoren und ihr Geld beim geringsten Gefahrenzeichen, einem Vogelschwarm gleich, in andere, günstigere Gefilde abschwirren.

Während die Einigung von 2011 über die Anhebung der Schuldengrenze wenigstens das Problem 18 Monate lang ausräumte, bringt die Einigung über die Fiskalklippe lediglich einen Aufschub von zwei Monaten. Während die Wirkung von QE1 ein Jahr lang anhielt, verpuffte die von QE3 schon nach wenigen Wochen. Und wenn man sich vor Augen hält, wie gepackt voll der Verhandlungskalender der kommenden Monate ist, wird klar, dass die Stimmung nun hektisch wird, was ein Zeichen dafür ist, dass der Zusammenbruch nun bevorsteht und die Nervosität der Akteure entsprechend zunimmt.

 


März-Juni 2013, die Spannung ist auf ihrem Höhepunkt - der kleinste Funken kann das Pulverfass zur Explosion bringen

Aber die Welt steht neben den US-Defiziten noch vor zahlreichen weiteren Herausforderungen. Dabei handelt es sich vor allen Dingen um wirtschaftliche Herausforderungen. Insbesondere Japan und Großbritannien als zwei Schlüsselstaaten im amerikanischen Einflussgebiet kämpfen um ihr Überleben; beide sind in Rezession, beide sind überschuldet, die private Sparquote liegt beinahe bei null, Lösungsperspektiven auf kurze Sicht gibt es keine. Wir werden im Folgenden auf diese beiden Länder noch im Einzelnen eingehen. Aber auch die brasilianische Wirtschaft wächst nicht mehr im Tempo der vergangenen Jahre, die Schwellenländer kämpfen mit einer bedenklichen Inflationsrate, die Immobilienblase in Kanada, China und Europa ist schon geplatzt oder steht unmittelbar davor usw.

Auch die geopolitischen Herausforderungen machen sich nicht rar. Wir wollen hier nur drei als Beispiele zitieren: Die Konflikte in Afrika und insbesondere das Eingreifen Frankreichs in Mali, die indirekte Konfrontation der globalen Mächte im Mittleren Osten auf dem Kampffeld des syrischen Bürgerkriegs und im Dauerkonflikt zwischen Israel und Iran sowie die Territorialstreitigkeiten zwischen China und Japan, auf die wir in unserer Analyse der Lage Japans näher eingehen werden.

All diese Elemente, wirtschaftlich, geopolitisch, amerikanisch, global, konvergieren an einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich dem zweiten Quartal 2013. Wir gehen davon aus, dass die Monate von März bis Juni 2013 gefährlich sein werden, wenn insbesondere die Verhandlungen in den USA zur Anhebung der Schuldengrenze und zur Fiskalklippe abgeschlossen oder gescheitert sein werden. Der kleinste Funke wird das Pulverfass zur Explosion bringen und damit die zweite Aufprallphase der umfassenden weltweiten Krise auslösen. Und Möglichkeiten zur Funkenbildung sind, wie wir dargelegt haben, zahlreich.

Was werden die Folgen und wie wird der Ablauf dieser zweiten Aufprallphase sein? An den Aktienmärkten wird sich ein Krach bis Ende 2013 hinziehen. Da die Volkswirtschaften alle miteinander verbunden sind, wird sich der Aufprall global fortpflanzen und die globale Wirtschaft in die Rezession treiben. Dennoch werden dank der Abkoppelung der anderen Länder, über die wir bereits geschrieben haben, nicht alle Länder in der gleichen Weise betroffen sein. Denn ganz anders als noch 2008 gibt es reichlich Investitionsmöglichkeiten, insbesondere in Asien, in Europa und in Lateinamerika. Neben den USA werden die Länder am stärksten in Mitleidenschaft gezogen werden, die zum amerikanischen Einflussbereich zählen, also vor allen Dingen Großbritannien und Japan. Und während diese Länder 2014 noch vollauf beschäftigt sein werden, die sozialen und politischen Folgen des Aufpralls zu bewältigen, werden die anderen Regionen, allen voran die BRICS und Euroland, endlich das Licht am Ende des Tunnels erblicken.

www.leap2020.eu

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