Durch die Enteignung der Sparer in Zypern haben die Anleger ihr Urvertrauen in Banken verloren. Bei der nächsten Schieflage eines Euro-Landes dürfte dies zu blitzartiger Kapitalflucht führen. Damit ist die nächste Eskalationsstufe der Eurokrise erreicht.
von Carsten Englert
So, die Zypern-Krise ist nun auch gemeistert. Das Land ist gerettet. Es geht weiter mit Business as usual …wirklich? Nun, die kurzfristige Gefahr eine Pleite des Landes ist tatsächlich gebannt. Aber ist damit auch die Gefahr einer erneuten Eskalation der Schuldenkrise gebannt?
Nicht wenige Experten haben von Anfang an gesagt, dass es ein verheerender Fehler war, Anfangs die Kleinsparer mit einbeziehen zu wollen und überhaupt Bankkunden zu enteignen. Auch ich teile diese Ansicht. Dabei geht es in keinster Weise um Verursachungsgerechtigkeit oder Beteiligung von Anlegern, die auch Gewinne einstreichen. Natürlich ist auch die Frage, ob man Ertragschancen und Risiko wieder zusammenführen will oder nicht wichtig. Auf lange Sicht muss auch das wieder hinzubekommen sein. Denn auch die Privatisierung von Gewinnen bei gleichzeitiger Sozialisierung der Verluste hat auch eine zerstörerische Wirkung auf unser System. Doch es war der völlig falsche Startpunkt.
Durch die Enteignung haben Anleger in Europa ihr Urvertrauen verloren. Wenn nun ein Land in Schieflage kommt, wird das Kapital schneller abfließen, als Boris Becker in Besenkammern Nachwuchs zeugen kann. Dadurch ist eine Krisenverschärfungsautomatik nochmals eingebaut worden. Doch das Schlimme ist, dass es nicht erst im Krisenfall soweit kommt, sondern es geht bereits los. Verunsicherte Anleger ziehen Kapital aus den abgeschlagenen Südländern ab. Aufgeschreckt durch Zypern, dürfte die Angst nun tief sitzen viel Geld durch Enteignung zu verlieren. Das erschwert den Banken in den Krisenländern an Kapital zu kommen und verteuert Kredite, die nötig zur Anfachung des Wirtschaftswachstums wären.
Dabei sind die Kredite aufgrund der schwierigen Refinanzierungssituation in den Krisenländern schon jetzt hoch! Das wird die Schlinge um den Hals der Wirtschaft und des Finanzsektor in Spanien, Italien, Portugal und Griechenland nochmals enger ziehen und die Situation weiter verschärfen, was wiederum noch mehr Kapitalabfluss zur Folge haben wird. Ein echter Teufelskreis, den die Troika da in Gang gesetzt hat. Es könnte sich im Nachhinein als der Kardinalfehler in der Bewältigung der Schuldenkrise erweisen.
Verschärft wird die Situation noch durch den vollkommenen politischen Stillstand in Italien. Nun ist auch der verzweifelte Versuch des italienischen Staatspräsidenten Girgio Napolitano voraussichtlich gescheitert, durch ein Expertengremium Bewegung in das Patt zu bekommen. Dabei endet Napolitanos Amtszeit bald. Er kann daher auch keine Neuwahlen mehr ausrufen, da das dem Staatspräsidenten per Verfassung kurz vor dem Amtsende verboten ist. Doch in dem Patt erscheint es fraglich, ob sich die drei ungefähr gleichstarken und unversöhnlich gegenüberstehenden Parteien auf einen Präsidenten einigen können. Ein weiterer Teufelskreis droht, der noch mehr Anleger in die Flucht treiben wird. Somit könnte die Rettung Zyperns am Ende bedeuten, dass Italien wankt. Der Dominoeffekt, den die Troika unbedingt vermeiden wollte, könnte erst durch die Entscheidung von Eurozone, EZB und IWF in Gang gesetzt worden sein.
Dem Markt dämmert das auch schon langsam. Zwar hält sich der Dax noch relativ nahe am Jahreshoch, doch nach oben geht nicht mehr viel. Die Gefahr einer heftigen Schuldenkriseneskalation ist durch Zypern wieder enorm gestiegen. Anleger sollten daher weiter Wachsam sein. Nicht nur ihre Einlagen in Südeuropa sind in Gefahr!



