Kommt eine neue Asienkrise? Plötzlich, fast wie aus dem Nichts, wird Asien erschüttert und die Welt zittert vor heftigen Marktverwerfungen in den Schwellenländern, aber auch im asiatischen Industrieland Japan.
von Carsten Englert
Lange Zeit sah es so aus, als ob sich die Lage stark gewandelt hat. Früher waren die asiatischen Länder die wirtschaftlichen Krisenherde. Ende der 1990er-Jahre gab es die große Asienkrise. Die Schwellenländer wuchsen zwar schon damals stark, waren aber instabil. Doch die meisten Länder haben Lehren daraus gezogen. Mit Erfolg. Denn in den letzten Jahren gab es nicht wenige Investoren, die Asien als Zufluchtsort gesucht haben. Staats- und Unternehmensanleihen der Schwellenländer waren heiß begehrt.
Kein Wunder. Im Gegensatz zu Europa und den USA gab es weiterhin Wachstum. Durch die Haushaltsdisziplin in den Jahren des Erfolgs haben die meisten Länder – die große Ausnahme in Asien ist Japan, das den höchsten Schuldenquotienten aller entwickelten Nationen hat – zudem im Vergleich geringe Verschuldungsquotienten. Einige Wirtschaftskommentatoren haben sich sogar schon dazu hinreißen lassen, von neuen Stabilitätsankern zu sprechen.
Doch plötzlich, fast wie aus dem Nichts, wird Asien erschüttert und die Welt zittert vor heftigen Marktverwerfungen in den Schwellenländern, aber auch im asiatischen Industrieland Japan. Vor allem da. Die letzten Tage haben am Devisenmarkt und am Aktienmarkt schon fast panische Reaktionen in Asien gezeigt. Der Nikkei hat schon mehr als 20 Prozent von seinem Hoch aus verloren. Der Yen schießt wieder gegenüber Dollar und Euro in die Höhe. Aber auch die Schwellenlandindizes dümpeln in der Nähe von Mehr-Monats-Tiefs herum, viele asiatische Währungen geraten in Wallung. Droht in Asien die nächste Krise?
Um diese Frage beantworten zu können, muss man erst mal differenzieren. UND zwar zwischen Asien ex-Japan und Japan. In Asien ex-Japan ist es ein ganz anderes Problem als in Japan. Doch natürlich sind beide eng miteinander verwoben, sodass sich beide Problemfälle im schlimmsten Fall gegenseitig potenzieren können. In Asien außerhalb Japans waren schon seit geraumer Zeit warnende Töne zu hören. Aberwitzig viele Milliarden, wenn nicht gar Billionen, Dollar schnelles Geld von globalen Investoren sind, auch aufgrund der Liquiditätsflut der westlichen (und japanischen) Notenbanken, in die asiatischen Schwellenländer geflossen. Vor allem die oben genannten Gründe von stabilem Wachstum und solider Staatshaushalte haben das sogenannte „Hot Money“ angelockt. Dieser schnelle Zufluss von wahnwitzig viel Kapital kann jedoch schnell zu einem Problem für diese Länder werden.
Vermögenspreisblasen und Inflation drohen. Doch nicht nur das ist gefährlich. Nicht viel weniger gefährlich ist es, wenn das „Hot Money“ plötzlich das Interesse verliert. Genau das deutet sich gerade an. Denn in einigen Regionen schwächt sich das Wachstum und damit das Hauptargument für die Investoren ab. Beispiel China. Die Indikatoren zeigen seit geraumer Zeit leichte Schwäche – im Vergleich zu Europa sind es natürlich durch die Bank immer noch sehr dynamische Werte bei allen Indikatoren, doch China als immer noch rückständiges Schwellenland braucht grundsätzlich deutlich höhere Wachstumsraten – und nun hat auch noch die Weltbank ihre Wachstumsprognosen für dieses und die kommenden beiden Jahre reduziert. Schon gibt auch das „Hot Money“ erste zarte Andeutungen, was es bewirken kann, wenn es wieder abzieht.
Der Druck auf die Währungen der Länder wird dadurch enorm. Um die dadurch ausgelösten Verwerfungen für die Realwirtschaft zu dämpfen, hat bereits die indonesische Notenbank den Leitzins auf 6,0 Prozent erhöht. Der Dollar war zuvor erstmals seit 2009 wieder über die Marke von 10.000 Rupien gestiegen. Natürlich hat die Abwertung der eigenen Währung auch immer einen Vorteil, da Exportprodukte dadurch preislich wettbewerbsfähiger werden. Aber wie immer hat die Medaille zwei Seiten. Die Importe werden dadurch natürlich teurer. Daher sind zu starke Schwankungen nicht gut. Denn die Preisvorteile im Export führen ab einem gewissen Niveau nicht mehr zwingend zu mehr Export, die importierte Inflation dürfte dagegen voll durchschlagen. Doch ob der Schritt der Notenbank der richtige ist, ist auch zweifelhaft. Natürlich erhöht sich dadurch die Zinsdifferenz zu den anderen Währungen wieder und die Rupie wird wieder attraktiver. Gelichzeitig wird aber dadurch auch Wachstum abgewürgt, das ja sowieso schon auf wackligen Beinen steht. Es droht eine noch schnellere Flucht des Hot Moneys, etc. Ein Teufelskreis droht, der äußerst negative Folgen auf die Realwirtschaft haben kann und dadurch natürlich auch auf die Börsen in Asien und dem Rest der Welt.
In Japan ist das Problem ein anderes. Natürlich ist dort im Zuge der Abe-Euphorie auch viel „Hot Money“ ins Land geflossen. Aber erstens ist die drittgrößte Volkswirtschaft in einer ganz anderen Dimension wie beispielsweise Indonesien, was den Einfluss etwas begrenzt. Doch Japan ist ein höchst verschuldetes Land, dass dazu Ende 2012 mit den sogenannten „Abenomics“ ein höchst ungewöhnliches, aber auch höchst riskantes Experiment gewagt hat. Japan leidet seit Jahrzehnten unter einer Deflation und dadurch auch an einer Wachstumsschwäche. Dazu kam, dass der Yen nach Beginn der ersten Finanzkrise enorm aufwertete und so die stark exportorientierte Wirtschaft des Landes zusätzlich belastete.
Ministerpräsident Shinzo Abe hat die Bank of Japan geknechtet und gezwungen, Anleihen nach dem US-Vorbild zu kaufen. Zudem hat er die Notenbank gezwungen, ihr Inflationsziel zu verdoppeln – und damit auf europäisches Niveau zu heben. Dazu gesellt sich eine – trotz extremer Verschuldung – äußerst lockere Fiskalpolitik, um die Wirtschaft endlich aus der jahrzehntelangen Lethargie zu reißen. Die jüngsten Wirtschaftsdaten zeigen, dass Abe damit Erfolg hat. Das BIP in Japan ist zuletzt annualisiert um 4,1 Prozent gewachsen. Das ist eine Rate, die Japan lange Zeit nicht mehr gesehen hat. Doch die Risiken bleiben. Erstens die asiatischen Nachbarn, die naturgemäß eine wichtige Absatzregion für die Japaner sind. Kommt es aus den schon oben erwähnten Gründen zu einer starken Wachstumsabschwächung, wird sich das auch auf das Wachstum der japanischen Wirtschaft bremsend auswirken.
Und wenn das Wachstum ausbleibt, bleibt von den Abenomics nichts als eine Ausweitung der sowieso schon astronomischen Verschuldung. Zum Problem könnte hier vor allem der Anleihenmarkt werden, der jüngst auch schon erste Instabilitäten zeigte. Fallen die Kurse deutlich, steigt die Rendite der Anleihen. Und was eine steigende Verzinsung für ein Land bedeuten kann, das mit 245 Prozent des Bruttoinlandproduktes – oder umgerechnet knapp zehn Billionen Euro! – verschuldet ist, kann sich jeder selbst ausmalen. Es droht eine neue Schuldenkrise. Doch wer soll den Bail-out von Japan stemmen?? Deutschland ist da wohl zu Finanzschwach. Die Amerikaner stehen selbst mit 16 Billionen Dollar in der Kreide.
Vor diesem Hintergrund ist die jüngste Verwerfung des Nikkei auch zu sehen. Einige Anleger haben wohl das Gefährdungspotenzial erkannt. Allerdings muss man auch sagen: Noch ist keine Krise da! Aber Asien wandelt am Abgrund. Ein Schritt in die falsche Richtung und es wird eskalieren. Das dürfte äußerst heftige Folgen für die Weltwirtschaft und die globalen Aktienmärkte haben. Solange Japan weiter wächst und das Hot Money nur zu Teilen abfließt, wird die Lage kontrollierbar bleiben.



