Flughafen Berlin-Tegel macht nach Ende eines Unwetters dicht. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn der Verantwortliche um 12 den roten Knopf drückt und den Flughafen schließt? Wohl wissend, dass noch Dutzende Jets mit Tausenden Passagieren in der Luft hängen. Denn was jetzt beginnt ist die Hölle auf Erden und in der Luft. Alltag an Berliner Flughäfen.
von Michael Mross
Nachts um 2 Uhr. Nach einer Odyssee stehen wir mit unserem Flieger in Berlin-Schönefeld. Tegel wurde dicht gemacht. Außenposition. Doch an ein Wegkommen ist nicht zu denken - es fehlen Busse.
Aber der Reihe nach:
Anflug auf Berlin letzten Donnerstag gegen 22 Uhr. Doch der Pilot muss die Landung abbrechen. Flughafen geschlossen wegen Gewitters.
Eine Stunde kreisen über Berlin. Sprit geht aus. Flieger nimmt Kurs auf Hannover. Dort Landung, Auftanken, warten. Gegen wieder 23:45 Start in Richtung Berlin. Gewitter verzogen. Doch jetzt kommt's: Punkt 12 Uhr Nachts wird der Hauptstadtflughafen geschlossen - wohlwissend, dass noch Dutzende Flugzeuge am Himmel hängen - unverschuldet, weil sie zuvor wegen Wetters nicht landen konnten.
Was muss das für ein Gefühl sein, wenn der Schichtleiter oder wer auch immer für die Schließung verantwortlich ist, den Airport dicht macht - wohl wissend, dass Tausende Passagiere noch in der Luft hängen? Geht er zufrieden nach Hause? Oder geht's in die Kneipe nebenan, zum gemütlichen Feierabend-Bier? Lacht er vielleicht darüber, wohlwissend, was jetzt für ein Chaos ausbricht? Ist er vielleicht sogar ein Sadist, der nur darauf wartet, Tausenden Menschen Schaden zuzufügen? Oder ist es jemand, der, wie so viele, "nur seine Pflicht" erfüllt?
Doch der Terror ist längst nicht zu Ende. Er beginnt jetzt erst richtig.
Gegen 0:45 Landung in Berlin-Schönefeld. Außenposition. Passagiere stehen erleichtert auf. Dann Durchsage des Kapitäns: Es gibt leider keine Busse. Der Flughafen ist überlastet.
Weinende Kinder, erschöpfte Erwachsene, Durchhalteparolen der Crew. Eine gefühlte Stunde müssen wir in der Büchse ausharren, bis sich gemächlich ein Bus nähert. Aussteigen. Kurze Fahrt zum Terminal.
Doch welche Überraschung: Die Türen am Terminal sind geschlossen.
In dem total überfüllten Bus wird die Luft knapp. Türen öffnen, Aussteigen geht angeblich nicht. Der Busfahrer kann nichts machen. "Er tut nur seine Pflicht". Personal wurde verständigt. Aber es rührt sich nichts.
Nach einer Unendlichkeit und fast Ohnmachtsanfällen von Passagieren wegen Luftknappheit im Bus kommt von irgendwo her ein Flughafen-Lurch und das Unglaubliche passiert: Die Türen zum Terminal werden geöffnet. Es ist jetzt fast 2 Uhr.
Diagnose: Tegel wurde zwar dicht gemacht, aber in Schönefeld wurden keinerlei Vorkehrungen getroffen, dass sich der gesamte Verspätungsverkehr nun dort entlädt. Zustände, schlimmer wie in der Dritten Welt am deutschen Hauptstadtflughafen. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie es den Leidenskollegen in den nachfolgenden Flugzeugen ergeht.
Doch der Terror hat noch nicht seinen Höhepunkt erreicht.
Endlich am Ausgang angekommen, erblickt man das schiere Ausmaß der Tragödie: Hunderte Gestrandete wollen in die Stadt. Geht aber nicht: Keine, Taxis, keine Busse, kein Nahverkehr. Die Hauptstadt will schließlich schlafen. Ich treffe eine Familie, die gerade aus Ibiza kommt: "Wir waren 4 Minuten nach 12 vor Tegel, dann haben sie den Flughafen geschlossen und die Maschine umgeleitet". - Die Berliner Flughafen-Schergen kennen halt kein Pardon und das Schicksal der Passagiere scheint ihnen egal.
Das Taxiproblem erklärt sich dadurch, dass den Provinzflughafen Berlin-Schönefeld, alias "Hauptstadt"-Airport Berlin-Brandenburg, keine Berliner Taxifahrer anfahren dürfen - weil der Flughafen eben in Brandenburg liegt und nicht in Berlin. Doch in Brandenburg gibt es nur ein paar Dörfer und kaum Taxen. Folge: Taxi? Aussichtslos! Ab und zu trudelt mal eines ein, um das sich Hunderte Passagiere schlagen.
S-Bahn, Busse? Ebenfalls Fehlanzeige. Schließlich kommt ein "planmässiger" Nachtbus der BVG angezuckelt. Es der Einzige. Es beginnt die große Schlacht um's Mitfahren. Irgendwohin, Hauptsache Richtung Berlin. Doch der Bus kommt nicht weg. Zu viele stehen an den Türen, begehren Einlass.
Nur mit Müh und Not gelingt der Sprung ins Gefährt. Irgendwo in Berlin lasse ich mich aussetzen, nehme ein Taxi.
Zurück bleiben Hunderte oder gar Tausende Passagiere. Ich hab sie nicht gezählt. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als am Hauptstadtflughafen auf dem Boden zu schlafen und darauf zu hoffen, dass sie am nächsten Tag weiterkommen.
Der Berliner Flughafen-Terror
Flughafen Berlin-Schönefeld. Gefangen in der Pampa Brandenburgs. Völliges Versagen der Behörden und des Flughafens, gepaart mit unsinnigen, menschenverachtenden Regeln, welche angeblich keine Ausnahmen nach Mitternacht in Tegel zulassen. - Abgesehen vom menschlichen Leid, Millionen-Schäden für die Airlines. Solche Zustände hab ich noch nicht mal in der Dritten Welt erlebt. Es ist bittere Realität in der Hauptstadt Deutschlands.



