Thilo Sarrazin spricht Demonstranten in der Türkei Willen zur Modernisierung ab. „In der Summe halte ich die Proteste bis zum Beweis des Gegenteils für ein Wiederaufleben des Konflikts zwischen Säkularisten und Islamisten, der die Türkei seit dem Untergang des osmanischen Reiches beherrscht“.
Sarrazin verglich die Proteste mit AKW-Demonstrationen in Deutschland. Zwar habe er Erdogan, dessen Nationalismus und die von ihm betriebene islamistische Entsäkularisierung der Türkei noch nie gemocht. „Seine maßlosen Äußerungen, sein ungeschicktes Verhalten und die von ihm offenbar gebilligten polizeilichen Übergriffe bei den Vorgängen rund um den Taksim-Platz in Istanbul haben ihn jetzt ein Stück weit entlarvt und entzaubert“, ist Sarrazin überzeugt. „Aber wo bitte ist auf der Seite der Protestierenden der prinzipielle Unterschied zu früheren Vorgängen in Deutschland um die Hafenstraße in Hamburg oder bei vielen AKW-Demonstrationen?“
Sarrazin vermutet, dass die Besetzer und Demonstranten rund um den Taksim-Platz vor allem die Kinder jener eher säkularen Bewohner der Westtürkei seien, die im Land insgesamt mehr und mehr in die Minderheit geraten sind. Bei einem seiner Besuche in dem Land am Bosporus habe er auch gesehen, „dass die Kopftücher und langen Gewänder der Frauen auch die westlichen Städte des Landes erobert hatten“. Der SPD-Politiker schlussfolgert daraus: „Ganz offenbar schwemmt gerade die demographische Welle aus dem geburtenstarken Anatolien die letzten kulturellen Reste der ehemals griechischen Prägung der westlichen Türkei hinweg.“ Erdogan wisse, dass er jede Wahl gewinnen werde, solange er seine traditionalen anatolischen Wähler bei der Stange halte. „Das macht ihn so irritierend selbstgewiss.“



