In allen Ländern gab es Politiker und Ökonomen, die gegen den Euro waren. Doch nur in anderen Ländern wird unverkrampft darüber diskutiert. So setzen deutsche Euro-Kritiker auf politische Unterstützung aus dem Ausland.
Von Hans-Olaf Henkel
Gemeinsam ist, dass es in allen Euroländern immer schon einzelne Politiker, Wirtschaftsführer und Ökonomen gab, die gegen den Euro waren. Bei uns verbindet man vor allem Namen von Professoren wie Roland Vaubel und Joachim Starbatty mit der frühen Opposition gegen die Euro-Einführung. Von den Wirtschaftsführern kam Thyssen-Chef Dieter Spethmann aus der Deckung. Zur überschaubar großen Politikerriege der frühen Euro-Kritiker gehörten die FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff, Ralf Dahrendorf und der ehemalige Ministerpräsident Sachsens Georg Milbradt (CDU). Es gab auch Journalisten, die sich eurokritisch äußerten – wie beispielsweise Klaus C. Engelen, dem das Handelsblatt daraufhin einen Maulkorb verpasste.
Ein auffallender Unterschied ist, dass nur in Deutschland kaum jemanden offen zugibt, seine Meinung über den Euro geändert zu haben. Der renommierte französische Professor Fancois Heisbourg, ein Euro-Befürworter der ersten Stunde, hat gerade mit seinem neuen Buch („Das Ende des europäischen Traums“) eine Diskussion über Alternativen zur Einheitseuropolitik angestoßen. So etwas wäre in Deutschland undenkbar.
Ich bezweifle, dass irgendjemand, der diese Zeilen liest, einen einigermaßen bekannten Deutschen benennen kann, der von einem öffentlichen Befürworter zu einem öffentlichen Gegner des Euro geworden ist – außer vielleicht den Gründer der „Alternative für Deutschland“ (AfD), Professor Bernd Lucke, und den Verfasser von „Henkel trocken“. Das ist umso erstaunlicher, als dass wohl kaum ein Mensch der Einführung des Euro zu den Bedingungen zugestimmt hätte, wie wir sie heute haben. Trotzdem stehen deutsche Politiker, Wirtschaftsführer und Chefredakteure in unverbrüchlicher Treue zur Einheitswährung.
Sogar EZB-Präsident Mario Draghis Ankündigung, zur Not unbegrenzt Staatspapiere von Südländern (einschließlich Frankreichs) zu kaufen, wurde hier meist gefeiert, obwohl Deutschland letzten Endes für diese bürgen müsste. In Anlehnung an Krupps Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg sprach Draghi von der „Dicken Bertha“, die er von Frankfurt, dem Sitz der EZB, jederzeit und in jede Richtung zur Rettung des Euro abfeuern könne.
Französische Elite opponiert gegen Einheits-Euro
In den Parlamenten aller EU-Länder sitzen immer mehr eurokritische Abgeordnete; im deutschen Bundestag aber immer weniger. Zwar versagten einige „Rebellen“ diversen Rettungspaketen schon in der letzten Legislaturperiode ihre Zustimmung. Sie stellten ihrer Weigerung aber immer ein eilfertiges Bekenntnis zur Einheitswährung voraus oder schickten es hinterher. Zwar lehnen 80 Prozent der Deutschen weitere Euro-Rettungspakete ab; im nun auf 630 Abgeordnete angeschwollenen Bundestag gibt es aber weiterhin keinen, der sich offen zu einer Alternative zum Einheitseuro bekennt.
Den deutschen Euro-Gegnern sollte es zunächst egal sein, ob man für die Wiedereinführung nationaler Währungen, den Ausschluss der chronischen Defizitsünder oder den gemeinsamen Ausstieg der Überschussländer („Nord-Euro“), ob man für oder gegen Parallelwährungen ist. Dass die deutsche Regierung sich dem Einheits-Euro irgendwann entgegenstellen wird, ist eh am wenigsten wahrscheinlich – gemessen an der Bereitschaft in den anderen EU-Ländern, unverkrampft über Alternativen zum Einheits-Euro zu diskutieren. Diejenigen, die sich in Deutschland dafür einsetzen, dass eine Währung den ökonomischen Realitäten zu entsprechen hat, anstatt diese den Bedürfnissen einer Währung unterzuordnen, müssen also auf politische Unterstützung aus anderen Euro-Ländern hoffen.
Frankreich kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Massive Opposition gegen den Einheits-Euro gibt es dort inzwischen nicht nur von ganz „rechts“ oder ganz „links“. Sie kommt zunehmend aus der Mitte der französischen Elite. Francois Heisbourg hat dort nicht nur den Startschuss für eine breite Debatte über Alternativen zum Einheits-Euro, er hat gleichzeitig einen Kanonenschuss zur Eröffnung des Europawahlkampfs abgefeuert. Den sollten unsere Medien nicht überhören. EZB-Präsident Mario Draghis „Dicke Bertha“ zielt nicht auf Paris. Sie steht dort.