Jörg Kachelmann: Im März 2010 wurde er wegen Verdachts auf Vergewaltigung festgenommen. Es folgten 132 Tage in U-Haft. Nach seinem Freispruch im Mai 2011 zog er sich radikal aus der Öffentlichkeit zurück. Nun gab er ein erstes Interview.
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"DAS MILIEU" sprach exklusiv mit Jörg Kachelmann über seine Zeit im Gefängnis, die Vorverurteilung durch die Medien und seinen größten Fehler. Auszug aus dem Interview:
DAS MILIEU: Sie saßen 132 Tage in Untersuchungshaft. Erst im Mai 2011 erklärte Sie das Gericht für unschuldig. Was geht einem durch den Kopf, wenn man im Gefängnis sitzt und auch noch erleben muss, dass die Justiz unsauber arbeitet und Medien vorab schon mal die Guillotine auspacken?
Kachelmann: Ich hatte viel Zeit nachzudenken und mir überlegt, dass ich mit dem, was mir passiert ist, auch eine Verantwortung für die habe, denen das auch passiert und sich schlechter wehren konnten und können. Ich habe schon den Gefängniswärtern gesagt, dass ich nicht vergessen werde, was geschieht und dass ich hoffe, dass sich am Ende die Justiz auch für die wahren Verbrecherinnen und Verbrecher zuständig fühlen wird.
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DAS MILIEU: Gut, kommen wir zurück zur medialen Hetzjagd. Was wirkte auf Sie in dieser Zeit als stärkster Schlag ins Gesicht?
Kachelmann: Die Solidarität der ARD mit der Lügnerin und Falschbeschuldigerin Claudia Dinkel. Ein Tagesschau-Mann hat im Herbst 2010 zusätzlich probiert, der BamS eine Geschichte unterzujubeln, in der dieser sich als eine Art Warner der armen Frauen vor dem schrecklichen Kachelmann darstellen wollte - dass einer, der alle in Redaktionssitzungen regelmässig mit den Geschichten über seine neuesten Eroberungen nervte, sich gegenüber den Medien als besorgte Papifigur darstellen wollte, hat schon sehr angestrengt. Wenn man weiß, wie eng der MDR mit Burda verflochten war und teilweise noch ist, wundert das alles vielleicht nicht, die Heuchelei tat dennoch weh. Ich hatte 2009 und 2010 für Onlinemedien angefangen zu recherchieren, welch seltsame Voraussetzungen Moderatorinnen und Schauspielerinnen beim MDR erfüllen mussten, um Rollen und Moderationen zu bekommen und wie sie von Chefs per SMS aufgefordert wurden, doch etwas weniger zickig zu sein, dann würde es auch mit der Arbeit besser klappen. Ich habe diese Recherchen relativ offen geführt, so dass mich nicht weiter gewundert hat, dass der MDR 2010 und 2011 eine besondere Rolle gespielt hat: einerseits das konzentrierte Abarbeiten an mir in der Schmuddelsendung "Brisant", andererseits der lustige Auftritt zweier MDR-Vertreter im Prozess, die natürlich schon wussten, dass ich alle begeisterten Emails haben würde, die sie bis zuletzt an und über mich geschrieben haben - andererseits aber auch versucht haben, im Sinne des Gerichts mich als irgendwie undurchschaubare sinistre Persönlichkeit zu beschreiben, die diese unbekannte Seite haben soll, der man alles zutrauen muss.
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DAS MILIEU: Sie haben mal in einem Zeit-Interview etwas gesagt, was nur jemand sagen könnte, der nichts mehr zu verlieren hat. Sie sagten: „Es gibt Bild- Journalisten, die glauben, dass sie Gott sind. Deswegen rufen die mich immer noch an, auch heute noch. Nie mehr Springer. Nie mehr Burda.“ Was läuft heutzutage in der journalistischen Praxis schief?
Kachelmann: Es gibt heute die kollektive Bereitschaft in weiten Teilen des deutschen Journalismus, Blödsinn zu schreiben. Es gibt eine weit verbreitete Hybris, die es so vor 20 Jahren nicht gegeben hat. Und ich bin nicht sicher, ob es um schlechte Nachrichten geht. Es geht nicht mehr um die Wahrheit und das ist das, was mir Sorgen macht.



