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Die Russen trinken, weil sie traurig sind

"Die Russen trinken, weil sie traurig sind" -  titelte „DIE WELT“. Und sie sagt noch viel mehr, um ihre Leser zu informieren. Und eine gewaltigere Kampagne, um sich seiner Abonnenten zu entledigen, hat es vermutlich schon lange nicht mehr gegeben. Nun ja, verdient ist verdient!

 

Von Axel Retz

Kiew meldete in dieser Woche einen großen Abzug „konventioneller“ russischer Truppen aus der Ukraine. Ein Video dazu oder auch nur Fotos gab es nicht. Wie auch? Die OSZE hatte ja bereits wiederholt unterstrichen, dass sich kein russisches Militär im Land aufhält. Dass es russische Söldner auf ukrainischem Boden gibt oder gegeben hat, dürfte wahrscheinlich sein. Aber nach allem, was wir wissen, gab es keinerlei Invasion und demzufolge auch keinerlei Abzug. In Herrn Poroschenkos Kopf und in den westlichen Medien hingegen schon.


Selbst dem Programmbeirat der ARD ist nun der Kragen geplatzt: In einer einstimmigen und scharfen Stellungnahme warf das Aufsichtsgremium der eigenen Sendergruppe vor, über den Ukraine-Konflikt voreingenommen und tendenziös berichtet zu haben - prowestlich und russlandfeindlich.


Politredakteur Ulrich Clauß von „DIE WELT“ gefällt diese Schelte ganz und dar nicht. Einen Artikel dazu überschrieb er mit der Behauptung „Putins langer Arm reicht bis in die Gremien der ARD“, um dann auszuführen, die Sitzungen des Programmbeirats erinnerten an „stalinistische Geheimprozesse“.

 

Des Weiteren kritisiert er, dass der Programmbeirat die Namen der gegen die einseitige Berichterstattung Sturm laufenden Zuschauer nicht nennt (Datenschutz, lieber Herr Clauß) und spricht von „ganz offensichtlich koordinierten Protestwellen“, hinter denen „vom Kreml finanzierte Heerscharen von Facebook-Aktivisten“ stünden, die die deutsche Öffentlichkeit propagandistisch zu beeinflussen versuchen. Den Artikel finden Sie hier: www.welt.de


Ach ja? Wie wäre es denn mit einem ganz, ganz klitze-, klitzekleinen Beweis für auch nur eine einzige dieser Aussagen? Dass irgendein langer Arm zumindest bis in die Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der „Qualitätspresse“ hineinreicht, ist offensichtlich. Aber Herrn Putin scheint er eher nicht zu gehören.


DIE WELT selbst beispielsweise scheint an differenziertem Journalismus nicht einmal ansatzweise Interesse zu zeigen. Hier einmal eine kleine Auswahl dessen, was das Blatt seinen Lesern in den vergangenen 30 Tagen als Überschriften zum Ukraine-Thema zugemutet hat:

  • 24.09: „Putins langer Arm reicht bis in die Gremien der ARD“
  • 18.09.: „Putin soll Osteuropa mit Einmarsch gedroht haben“
  • 17.09.: „Russland will Notfall-Kasse plündern“
  • 16.09.: Der Angriff auf die Übermacht Dollar verpufft
  • 15.09.: „Die Russen trinken, weil sie traurig sind“,
  • „Russland hat scharfe Sanktionen der EU verdient“
  • 13.09.: „Putin will die Ukraine als Land eliminieren“
  • 12.09.: „Die Folterwerkzeuge der EU werden Russland wehtun“
  • 11.09.: „Die Ukraine tut gut daran, ihre Grenze zu sichern“
  • 10.09.: „Russland testet atomar bestückbare Rakete“,
  • 08.09.: „Putin-Versteher Sellering beklagt Herablassungen“
  • 07.09.: „Große Angst vor Putins Ukraine-Taktik in Lettland“
  • 05.09.: „Russland wird sich von Europa abwenden“
  • 04.09.: „Russlands Kanonaden"
  • 03.09.: „Putins Friedensplan ist sein Papier nicht wert“,
  • Ukraine kämpft einen Krieg im Namen von ganz Europa"
  • 02.09.: „Russland will die Grenzen verändern“, „Putin wird untergehen“
  • 01.09.: „Putins gefährliches Bild von sich selbst“
  • 31.08.: „Putin zwingt die NATO, sich neu aufzustellen“
  • 30.08.: „EU will keinen Kaviar aus Russland mehr“
  • 29.08.: „Russland bezahlt, trainiert und trifft Separatisten“
  • 28.08.: „FBI verdächtigt Russland nach Datenklau bei Banken"


„Die Russen trinken, weil sie traurig sind“ ist mein persönlicher Favorit. Es hat etwas Melancholisches, das zum Herbstanfang passt. In Moldawien, Tschechien und Ungarn ist man, was den pro Kopf-Konsum an reinem Alkohol pro Jahr betrifft, übrigens noch trauriger als in Russland. Und was sagt uns der Blick auf die Statistik noch? Er sagt uns, dass man im Jemen, in Afghanistan, Pakistan
und Somalia am wenigsten traurig ist.


Russlands Friedensplan, der „sein Papier nicht wert ist“, hat derweil zu einer deutlichen Entspannung zwischen den Konfliktparteien geführt. Ob „DIE WELT“ ihr Papier noch wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Nach einer Alternative zu suchen, erscheint allerdings wenig aussichtsreich.


Nur: Wenn eigentümlich gleichgeschaltet wirkende Medien in schlimmstem Bellizismus gegen die politische Wahrnehmung ihrer eigenen Leser und Zuschauer antreten und die sogenannten „Russlandversteher“ als „Morast“ verunglimpfen (FAZ), müssen sie sich nicht wundern, wenn ihnen zunehmend die Gefolgschaft abhandenkommt.

 

„DIE WELT“ und auch die Welt wird immer verrückter. Denkvorgaben statt eines eigenen Urteils. Bei BILD mag das duchgehen, FAZ, DIE WELT, Süddeutsche und DIE ZEIT wird es Leser kosten. Weil nicht alle schlafen. Und weil all die, die nicht schlafen, immer mehr andere aufwecken.

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