Nach der "Financial Times Deutschland" verabschiedet sich nun auch die deutsche Ausgabe vom Wall Street Journal. Damit geht das Mainstream-Sterben im deutschen Zeitungsblätter-Wald weiter. Zur finalen Ausgabe des deutschen Wall Street Journals gab es heute einen Abschiedsbrief des Chefredakteurs - der zu den wahren Gründen des Abgangs allerdings kaum Stellung bezieht und stattdessen gegen alternative Medien schießt.
Liebe Leser,
Vor fast drei Jahren erschien die erste Ausgabe des deutschen Wall Street Journal. Heute geht WSJ.de vom Netz. Ein aufregendes Experiment endet viel zu früh, ein großartiges Team geht auseinander.
Fast 28.000 Mal haben wir seit dem 10. Januar 2012 auf den „Veröffentlichen“-Knopf im Redaktionssystem gedrückt. Wir verfolgten den verstörenden Politskandal um den chinesischen Spitzenpolitiker Bo Xilai, sahen dem brasilianischen Senkrechtstarter Eike Batista beim Abstieg zu, spürten dem Wal von London nach, der bei J.P. Morgan Milliarden mit riskanten Geschäften versenkt hatte. Die globalen Zentralbanken begleiteten wir bei ihrem Jahrhundertexperiment ausufernder Geldspritzen, dessen Ergebnis erst feststehen dürfte, wenn die meisten Menschen unsere Seite längst vergessen haben werden.
Es gab in den vergangenen drei Jahren auch spektakuläre Erfolgsgeschichten: Facebook, Twitter und vor allem Alibaba legten atemberaubende Börsengänge hin, der Elektroautobauer Tesla jagte von Rekord zu Rekord. Gleiches gilt für die Aktien- und Anleihenmärkte, insbesondere die Kurse an der Wall Street. Dabei sind Krisen bis heute ein steter Begleiter: politisch in der Ukraine, in Nahost und – häufig unterschätzt – in Ostasien; wirtschaftlich in Argentinien, Zypern, Griechenland und ganz aktuell vor allem in Russland, das unter sinkendem Ölpreis und Rubelverfall ächzt.
Wirtschaft ist komplex und wird immer komplexer. Das Wall Street Journal und seine Muttergesellschaft Dow Jones beschäftigen weltweit 1.800 erstklassige Journalisten mit Zugang zu Top-Quellen in allen Bereichen des politischen und wirtschaftlichen Lebens und insbesondere an den Kapitalmärkten, die heute über Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften entscheiden. Das ist ein fantastisches Fundament für hochklassigen Wirtschaftsjournalismus, der sich von der Masse oberflächlicher Meldungen abhebt, indem er erklärt, einordnet, analysiert und belegt.
Die Gründungsidee von WSJ.de war es, diese Vielzahl an exzellenten Geschichten für deutsche Leser zu filtern, sie zu gewichten und mit deutschen Nachrichten zu ergänzen, um ihnen einen ebenso runden wie tiefgreifenden Blick auf die Welt der Wirtschaft zu ermöglichen. In einem Markt, in dem selbst große Tageszeitungen nicht mehr als zwei Dutzend Auslandskorrespondenten beschäftigen, halte ich diese Idee bis heute für bestechend.
Eine gute Idee allerdings, das ist die Erfahrung aus drei Jahren Wall Street Journal Deutschland, reicht allein nicht aus, um erfolgreich zu sein. Die Idee einer „Welt-Zeitung“ kann nur funktionieren, wenn man eine große Marke wie das Wall Street Journal auch zur Wirkung bringt.
Die These, dass das Internet den Verlagen das Informationsmonopol genommen hat, ist trivial. Umso drastischer jedoch sind die Konsequenzen: Mit einem neuen journalistischen (Online-)Angebot tritt man heute nicht nur in einen Wettbewerb mit etablierten Medien ein, sondern konkurriert auch mit einer Vielzahl alternativer Angebote wie Blogs und Spezial-Nachrichtendiensten. Darunter sind gute, aber auch viele schlechte Produkte, die mit falschen Thesen desinformieren und journalistische Leistungen anderer schlicht so aggregieren, dass sie in ihr Weltbild und das ihrer Leser passen.
Mit Hilfe von Suchmaschinen und sozialen Medien erreichen diese Angebote heute ein Publikum, das für sie in Zeiten des Kioskverkaufs unmöglich zu erschließen gewesen wäre. Die digitale Barrierefreiheit sorgt so für eine Erosion der Loyalität zu einzelnen Medientiteln. Der Internetleser ist flexibel und liebt die Wahlfreiheit. Das ist eine Chance für Neulinge wie WSJ.de – aber auch eine Bürde – vor allem dann, wenn man seine Inhalte gegen Geld anbietet.
Das Wall Street Journal hat sich immer klar zu Bezahlinhalten bekannt. Deshalb stand auch nie in Frage, die Inhalte auf WSJ.de komplett gratis anzubieten. Qualitätsjournalismus hat einen Wert und was einen Wert hat, muss auch etwas kosten. Leider ist diese Erkenntnis nach all den Jahren der Gratiskultur im deutschen Internet nach wie vor nur schwer zu vermitteln. Aber der Trend ist ermutigend: Die Springer-Medien Bild und Welt sind vorangegangen, andere überregionale Zeitungen werden folgen. Auch bei den Regionalzeitungen wächst die Zahl bezahlter Abo-Seiten kontinuierlich. Und wenn es endlich überzeugende Instrumente für schnelles und einfaches Bezahlen im Internet gibt, sollte auch der Einzelverkauf von Artikeln an Bedeutung gewinnen, der dem Online-Nutzungsverhalten vieler Menschen stärker entsprechen dürfte.
Mit der Schaffung von Bezahlstrukturen allerdings ist es nicht getan. Verkaufen wird nur derjenige seine Inhalte, der sich damit vom Angebot der Wettbewerber abhebt. Auch hier hat die Gratiskultur Spuren hinterlassen, mit einer Art Gleichschaltung vieler Internetangebote. Wo Werbung das einzige wirtschaftliche Standbein ist, muss das gezeigt werden, was Klicks erzeugt. Und die wirklich klickträchtigen Themen sind rar gesät – sie sind im Nachrichtengeschäft vor allem für alle gleich. Unter der journalistischen Einfalt leidet kurzfristig vor allem der Leser. Langfristig aber droht den meisten Verlagen ein Bumerang-Effekt: Von General Interest werden auf Dauer allenfalls eine Handvoll großer Anbieter erträglich leben können. Daneben wird nur derjenige Erfolg haben, der mit klarem journalistischem Profil und unverwechselbaren Inhalten antritt.
Die gute Nachricht ist, dass die digitale Transformation reichlich Raum für große und kleine Nischen lässt. Im Vergleich zur analogen Welt sind die Eintrittsbarrieren für Journalisten heute niedriger, und die Möglichkeiten vielfältiger: Sie können den Leser zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen und haben die Wahl zwischen einer Vielzahl klassischer und interaktiver Formate. Das Internet ist voll von erfolgreichen Gründergeschichten. Auch der Journalismus schreibt diese Erfolgsgeschichten – und ich bin sicher, dass etliche weitere folgen werden, auch in Deutschland.
Wer immer den Mut zur Innovation besitzt, dem wünsche ich zwei Dinge: einen ausreichend langen Atem und ein Team wie das des Wall Street Journal Deutschland. Es hat mich stets fasziniert, mit welcher Leidenschaft alle Kolleginnen und Kollegen an unserem Projekt gearbeitet haben und wie viel man mit begrenzten Mitteln schaffen kann, wenn alle ein gemeinsames Ziel verfolgen. Allen, die an WSJ.de mitgewirkt haben, möchte ich dafür herzlichst danken. Es war eine tolle Zeit.
Ihnen, liebe Leser, danke ich für Ihre Treue und das stets faire und konstruktive Feedback, das Sie uns gegeben haben.
Ich wünsche Ihnen eine frohe Weihnachtszeit und einen guten Start ins Jahr 2015.
Herzliche Grüße und auf bald,
Ihr Ralf Drescher.



