ifo-Chef Sinn rät Griechenland zu Zahlungsstopp. „„Der Konkurs führt nicht zur Zerschlagung von Strukturen und Verarmung der Schuldner, wie viele meinen, sondern befreit die Schuldner von den Ansprüchen der Gläubiger und ermöglicht ihnen einen Neuanfang. Es wird quasi die Reset-Taste gedrückt."
Der Präsident des ifo Instituts, Hans-Werner Sinn, rät Griechenland zu einem Zahlungsstopp an die öffentlichen Gläubiger des Landes. „Weder sollte der Internationale Währungsfonds (IWF) die 1,5 Milliarden Euro erhalten, die er Ende Juni erwartet, noch sollte die Europäische Zentralbank (EZB) die knapp sieben Milliarden Euro bekommen, die Griechenland im Juli und August auf den Tisch legen müsste“, schreibt Sinn in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche.
„Der Konkurs führt nicht zur Zerschlagung von Strukturen und Verarmung der Schuldner, wie viele meinen, sondern befreit die Schuldner von den Ansprüchen der Gläubiger und ermöglicht ihnen einen Neuanfang. Es wird quasi die Reset-Taste gedrückt. Die Last des Konkurses liegt bei den Gläubigern im Ausland, nicht bei den Griechen“, begründet der Ökonom seinen Vorschlag.
„Der griechische Konkurs wurde bereits fünf Jahre lang ohne Erfolg verschleppt“, bilanziert Sinn. Die öffentlichen Schulden des griechischen Staates und seiner Banken seien seit Frühjahr 2010 von rund 50 Milliarden Euro auf über 330 Milliarden angewachsen. Diese Summe, die sich das Land von der Troika geliehenen habe, sei großenteils abzuschreiben, so der ifo-Chef.
Die Rückkehr zur Drachme könnte die fehlende Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen. „Es reicht zunächst, dass die Drachme als virtuelle Verrechnungseinheit eingeführt wird, in der Forderungen und Verbindlichkeiten ausgedrückt werden und Buchungen abgewickelt werden können“, prognostiziert Sinn. „Die tatsächliche Zahlung kann entweder durch Überweisungen, Kreditkartenzahlung oder mit Euro-Banknoten erfolgen, die man ohnehin nicht wird einsammeln können. Der Euro wird so zur Parallelwährung.“
Die Frage, inwiefern von einem Zahlungsstopp auch deutsche Banken betroffen sein könnten und was dies für Auswirkungen hat, ist ungeklärt. Deutsche Bank und Commerzbank erklärten zuletzt, dass sie ihren Anteil an griechischen Anleihen auf eine niedrige dreistellige Millionensumme zurückgefahren hätten.
Ex-EZB-Chefvolkswirte Issing und Stark plädieren für Härte gegenüber Griechenland
In den Verhandlungen um eine Rettung Griechenlands plädieren die früheren Chefvolkswirte der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing und Jürgen Stark, für eine unnachgiebige Haltung der Gläubiger.
„Ein Land, das von Anfang an so gut wie alle Verabredungen bricht, kann irgendwann keine Hilfe mehr erwarten“, sagte Issing dem Nachrichtenmagazin Focus. „Wenn die griechische Regierung mit ihrer Verweigerung von Reformen durchkommt, ist der Euro als Gemeinschaft stabilen Geldes und solider öffentlicher Finanzen am Ende.“ Issing betonte, dass der Euro auch ohne Griechenland eine Zukunft habe. „Nicht die Währung steckt in einer Krise, sondern die Zusammensetzung der Währungsgemeinschaft“, sagte er.
Auch Issings Nachfolger im EZB-Direktorium, Jürgen Stark, befürwortet den Grexit. „Ökonomisch betrachtet wäre es das Beste, wenn Griechenland die Währungsunion verlässt“, sagte Stark dem Focus. Der Ökonom kritisierte, dass in den Griechenland-Verhandlungen die Stabilitätskriterien der Euro-Zone erneut ausgehöhlt würden. „Nach der ersten Phase der Krise haben sich die Regierungschefs in die Hand geschworen, künftig die neuen verschärften Regeln für die Währungsunion einzuhalten“, sagte Stark. „Jetzt wird eine Lösung für Griechenland gesucht, und alles gerät wieder ins Rutschen.“
Stark warnte davor, dass bei einem Entgegenkommen der Gläubiger auch andere Länder Finanzerleichterungen einfordern würden. „Das griechische Beispiel wird dann Schule machen“, so der Ökonom.



