Die Royal Bank of Scotland (RBS) verunsichert Anleger weltweit mit einer Crashwarnung. - Gegenmeinung: Es gibt genug Geld auf der Welt und das fließt auch an die Börsen. Trotz schlechter Wirtschaftsdaten können Aktienmärkte also steigen.
Von Bernd Murawski
Es gibt zweifellos einige besorgniserregende Indizien, die einen Wachstumseinbruch der globalen Wirtschaft signalisieren: Fallende Rohstoffpreise, sinkende Importe Chinas und anderer Schwellenländer, Überschuldung öffentlicher und privater Haushalte, zunehmende Ungleichgewichte. So wird vielerorts vor einem Crash am Anlagemarkt gewarnt. Die Royal Bank of Scotland empfiehlt ihren Kunden sogar, alle Assets unverzüglich abzustoßen. Doch sind die Befürchtungen berechtigt?
Wenn sich die Wachstumsschwächen in den einzelnen Weltregionen auch unterschiedlich bemerkbar machen, so haben sie dennoch eine gemeinsame Ursache: Durch die wachsende Schere bei Vermögen und Einkommen wurde die Konsumnachfrage über einen längeren Zeitraum nachhaltig beeinträchtigt. In der Folge ist auch die Investitionstätigkeit auf ein historisches Tief gefallen. So erscheint die Gefahr einer Deflation trotz der monetären Lockung durch die Notenbanken gegenwärtig größer als die einer galoppierenden Inflation.
Richtet sich der Blick dagegen auf den Anlagebereich, dann sind die Konsequenzen gerade gegenteilig. Was potentiellen Konsumenten genommen wird, füllt die Taschen vermögender Haushalte, deren Konsumbedarf weitgehend gedeckt ist. Diese sind daher bemüht, ihr Geld gewinnbringend anzulegen, wobei ihnen Finanzberater zur Seite stehen. Da es aber nur beschränkt lukrative Objekte gibt, führt ein fortwährender Zustrom neuer Finanzmittel zu einem Anlagenotstand. Einerseits sind Anleger zunehmend bereit, geringere Renditen zu akzeptieren, andererseits steigen Preise und Kurse jener Objekte, die noch einen relativ guten und sicheren Ertrag abwerfen.
Mit der Nachfrage nach Kapitalanlagen kann das Angebot kaum Schritt halten. Durch die Neuverschuldung von Staaten und Gemeinden entsteht zwar ein zusätzliches Anlagepotential, jedoch sind die Gewinne wegen der Niedrigzinspolitik recht bescheiden. Zudem befindet sich ein bedeutender Teil der Anleihen bei den Zentralbanken. Auch kann das Anlagevermögen nur noch begrenzt durch einen Erwerb staatlichen und kommunalen Eigentums oder durch eine Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen vermehrt werden, da diese Quellen schon weitgehend ausgeschöpft sind. Obendrein besteht vielerorts angesichts negativer Resultate ein beträchtlicher Widerstand, sodass verstärkt Forderungen laut werden, Privatisierungen wieder rückgängig zu machen.
Solange aber am Anlagemarkt ein Nachfrageüberhang besteht, wird das Preis- und Kursniveau im Steigen begriffen sein. Eine unsichere wirtschaftliche Lage kann allenfalls die Volatilität erhöhen wie auch schwächelnde Branchen und Akteure „bestrafen“. Insbesondere marktbeherrschende und global aufgestellte Unternehmen, die außerdem von staatlichen Zuwendungen und einem sicheren politischen Umfeld profitieren, werden weiterhin hoch in der Gunst von Anlegern stehen. Da sie geschäftliche Risiken großenteils durch Outsourcing an Dienstleister und Zulieferer weitergereicht haben, dürften die Gewinnerwartungen nicht einmal durch einen akuten Nachfragerückgang wesentlich beeinträchtigt werden.
Die Undurchsichtigkeit finanzieller Transaktionen führt vielerorts zu dem Trugschluss, dass Geld durch Anlagetätigkeit verschwinden würde und somit auch die Nachfrage am Kapitalmarkt gestillt werden könne. Dabei wird unter anderem auf die immense Zunahme von Spekulationstätigkeiten verwiesen, wie sie etwa im Derivathandel oder bei Warenkreditgeschäften bestehen.
Tatsächlich aber gelangen die Finanzmittel durch jeden Handelsakt in den Besitz eines anderen Wirtschaftsakteurs. In der Regel ist dieser ein Fonds, ein Finanzinstitut, ein institutioneller Anleger oder ein vermögender Privathaushalt, der den Verkaufserlös für anderweitige gewinnträchtige Objekte verwendet. Somit vagabundiert das Geld weiter im Anlagebereich und treibt Preise und Kurse in die Höhe.
Diese Entwicklung erfolgt keineswegs gradlinig. So erfahren einmal einsetzende Trends meist eine Verstärkung, da auf dem Kapitalmarkt viel mit geliehenem Geld agiert wird. Dennoch sollten sich langfristig orientierte Anleger davon nicht allzu sehr beeindrucken lassen.



