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Olympia: Die Scheinheiligkeit des Anti-Doping-Kampfes

Solange die Anti-Doping-Organisationen sich nicht an „Heiligen Kühe“ heranwagen, müssen sie sich vorwerfen lassen, lediglich eine Hexenjagd auf Russland zu veranstalten. - Mit dem Islam möchte man es sich offenbar noch weniger verderben als mit mancher Doping-Nation.

 

Von Ramin Peymani

Die Olympischen Spiele ziehen uns in ihren Bann. Wir freuen uns über Bestleistungen, wünschen uns aber zugleich fairen, sauberen Sport. Es ist daher wichtig, dass diejenigen aufgespürt und von den Wettbewerben ferngehalten werden, die sich durch die Einnahme unerlaubter Mittel einen Vorteil verschaffen wollen.

 

In Rio sollte dabei der Eindruck erweckt werden, man habe gnadenlos durchgegriffen. Eines der erfolgreichsten und größten Teilnehmerländer konnte am Ende zwar nicht wie gewünscht vollständig von den Spielen ausgeschlossen, aber immerhin doch gehörig zurechtgestutzt werden. Allerdings nicht ohne einen Beigeschmack.

 

Früh konzentrierten sich die Anti-Doping-Jäger ausschließlich auf das sogenannte Staatsdoping Russlands. Aufgrund der nachgewiesenen flächendeckenden Manipulationen insbesondere bei den Leichtathleten wurden diese letztlich komplett suspendiert. Dass man dabei Sportler in Sippenhaft nahm, ohne ihnen aktuelle Doping-Vergehen nachgewiesen zu haben, wurde billigend in Kauf genommen.

 

Natürlich ist es wichtig, ein starkes Signal zu setzen. Dass es aber um mehr geht als um den Anti-Doping-Kampf, zeigt der Umgang mit den vielen anderen Nationen, in denen die zahlreichen Indizien für systematisches Doping keine aufwändigen Untersuchungskommissionen nach sich ziehen. Es drängt sich ein unguter Verdacht auf.

Sollte es im Vorfeld der olympischen Spiele 2016 auch darum gegangen sein, Russland abzustrafen? Seit dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts scheint sich die westliche Sportwelt unter Führung der Vereinigten Staaten dem Ziel verschrieben zu haben, den wiederentdeckten Feind aus Moskau zu bekämpfen.

 

Schon die Ermittlungen der amerikanischen Justizbehörden, die den Weltfußballverband FIFA in dessen größte Krise stürzten, waren anfangs vom Wunsch begleitet, eine unsaubere Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 nach Russland nachzuweisen, um die Entscheidung zu revidieren. Inzwischen wissen wir: Es gab praktisch keine WM der neueren Zeit, die nicht durch einen Stimmenkauf an Land gezogen wurde.

 

Vor allem das höchst umstrittene Turnier in Katar 2022 steht dabei im Fokus – doch haben dieselben Verantwortlichen, die sich gierig auf Russland stürzen, kein Interesse daran, einen ihrer strategischen Partner an den Pranger zu stellen.

 

Zurück zum Doping: Würde es das IOC ernst meinen, ginge es um mehr als geopolitische Scharmützel. Dann stünden längst etwa auch die Sportler aus den Vereinigten Staaten auf dem Prüfstand. Insider weisen seit vielen Jahren auf ein vielleicht nicht staatlich organisiertes, aber gleichsam flächendeckendes Doping hin. Auch in China, Äthiopien, Jamaika und vielen anderen Ländern dürften um Aufklärung bemühte Ermittler rasch fündig werden. Doch offenbar wollen sie gar nicht aufklären.

Wer denkt angesichts der erdrückenden internationalen Konkurrenz ernsthaft, dass ein Michael Phelps nach mehrfachen Pausen und einem zwischenzeitlichen Abgleiten in den Drogenkonsum nur durch fleißiges Trainieren heute wieder Goldmedaillen im Vorbeigehen mitnimmt?

 

Wer hält die Sportler aus Jamaika für die Hüter der Formel des menschlichen Raketenantriebs? Wer glaubt die Geschichte vom „Training mit Jesus“ der äthiopischen Läuferin, die den Weltrekord über 10.000 Meter mal eben um mehr als 14 Sekunden verbesserte, ohne einen Hauch von Anstrengung zu zeigen?

 

Dass Brasiliens nationale Anti-Doping-Agentur die Sportler des Gastgeberlandes in den vier Wochen vor den Spielen gar nicht mehr testete, erscheint da fast als Petitesse. Solange die Weltgremien und die Anti-Doping-Organisationen sich an diese „Heiligen Kühe“ nicht heranwagen, müssen sie sich vorwerfen lassen, lediglich eine Hexenjagd auf Russland zu veranstalten.

 

Derweil schaut das IOC an anderer Stelle lieber gleich ganz weg: Schulterzucken, wenn saudische und syrische Kämpfer nicht gegen ihre israelischen Gegner antreten oder einem israelischen Judoka von seinem ägyptischen Gegner der obligatorische Handschlag verweigert wird, während man zugleich Sportlern das Tragen einer regenbogenfarbenen Kapitänsbinde als vermeintliche politische Botschaft untersagt.

Mit dem Islam möchte man es sich eben offenbar noch weniger verderben als mit mancher Doping-Nation. Schwer zu sagen, was schlimmer ist.

 

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peymani.de

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