Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des "Nachrichten-Magazins" DER SPIEGEL geht das Blatt auf seine Kritiker ein. Titel deshalb: "Dieses Scheißblatt".
Spiegel "Hausmitteiling":
"Für Willy Brandt war es ein „Scheißblatt“; SPIEGEL-Journalisten, sagte Helmut Schmidt, seien „Geschmeiß“. Helmut Kohl, Schmidts Nachfolger, befand: „Schad' fürs Geld“ – uns hat das nie gestört, im Gegenteil. Seit Rudolf Augstein im Januar 1947 die erste Ausgabe des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL herausbrachte, gilt: Allein seinen Lesern ist der SPIEGEL verpflichtet, er kuscht vor keiner Autorität, er kritisiert auch jene, die er zu seinen Freunden zählt."
Alles bös, außer SPIEGEL. Das Blatt klagt:
"Der 70. Geburtstag des SPIEGEL fällt in eine kritische Zeit. Weltweit mischen Populisten die Politik auf, Wutbürger randalieren gegen Eliten, im Internet blühen die asozialen Medien. Kann es sein, dass eine Revolution bevorsteht?"
Die Realität beim SPIEGEL:
SpiegelMining – Informatiker dokumentiert auf dem 33. Chaos Communication Congress die Zensur beim SPIEGEL
Via Propagandaschau
Die meisten politisch interessierten und medienkritische Zeitgenossen haben die Zensurmaßnahmen in den Mainstreammedien, die wir auch hier im Blog mehrfach thematisiert haben, am eigenen Leib erfahren. Auf den ersten Blick willkürlich, zeigten sich sehr schnell Muster, die eine politische Agenda der Meinungsunterdrückung und Meinungsmache offenbarten; immer auf Linie der Regierung und transatlantischer Geopolitik.
David Kriesel ist Diplom-Informatiker mit den Schwerpunkten Machine Learning, Schwarmverhalten, verteilte Systeme, neuronale Netze und hat am 28.12. auf dem 33C3 einen knapp einstündigen, informativen und launigen Vortrag über Datamining am Beispiel der Website von Spiegel-Online gehalten. Mit einem Script lädt Kriesel die Webseite des führenden deutschen Mainstreammediums regelmäßig herunter, archiviert und analysiert die Rohdaten anschließend systematisch nach verschiedenen Gesichtspunkten und hat die Ergebnisse visualisiert. Auch die Kommentierbarkeit der SPON-Artikel hat er dabei unter die Lupe genommen.
Beginnend im Sommer 2014 hat Kriesel nach eigenen Angaben Hunderttausende Artikel „gevorratsdatenspeichert“ und kann damit ziemlich genau den Zeitraum analysieren, in dem die Stimmung gegen die Medien umgeschlagen ist und auf breiter Front Zensurmaßnahmen eingeführt wurden. Man kann das einen historischen Datenschatz nennen, denn er bildet die Artikel nicht nur in ihrer aktuellen Version ab, sondern die erste Veröffentlichung und auch spätere Veränderungen, die hier und da aus unterschiedlichen Gründen vorgenommen wurden.
David Kriesel kommt aus keiner politischen Ecke, sondern sieht sich als interessierten Beobachter und Akteur im Zeitalter der Digitalisierung. Damit ist einerseits eine gewisse politische Neutralität seiner Arbeit und seines Vortrags gewährleistet, andererseits hätte ihn eine größere politische Sensibilität vermutlich zu tiefergehenden Analysen veranlasst und dementsprechend weitere spannende Erkenntnisse zutage gefördert.
Einer der interessantesten Punkte war der Blick auf die Kommentierbarkeit von Online-Artikeln durch die Leserschaft und wie diese sich in den vergangenen Monaten entwickelt hat. Aufbereitet in einer Grafik visualisiert der Datensatz mathematisch genau, was wir als Leser ansonsten nur erahnen können.
David Kriesel (ab: 28:30min): „Spiegel-Online bietet unter sehr vielen Artikeln an…. das Gelächter geht los, bevor ich etwas gesagt hab. Ihr wisst doch gar nicht, was ich sagen will…, dass man seine eigene Meinung dazu äußern darf. [Gelächter] Und unter manchen Artikeln sperren sie diese Funktion aber und das untersuchen wir jetzt mal.“
Kriesel verortet den Beginn der abnehmenden Kommentierbarkeit im Sommer 2015 und sieht einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise.
David Kriesel: „Als ich 2014 angefangen habe runterzuladen waren erst einmal eine ganze Zeit so 80% der Artikel kommentierbar. Und genau seit dem Zeitpunkt der großen Flüchtlingsberichterstattung im Sommer 2015 sinkt der Anteil der kommentierbaren Nachrichten kontinuierlich ab und jetzt seit kurzem ist die Mehrzahl der Artikel ohne Kommentarfunktion.“
Spannend wird jetzt der Blick auf die Themen, die kommentiert oder tendenziell nicht kommentiert werden dürfen.
David Kriesel: „Ihr ahnt es: Sport darf man quasi komplett kommentieren… Wo man in der Regel auch gut kommentieren darf, das sind Wissenschafts- und Wirtschaftsthemen. Hier sind die Bahnstreiks, da darf nach Kräften auf die Bahn eingekloppt werden [Gelächter] … Jetzt mal was Rotes. Knallrote Landschaft ergibt sich um die Justiz. Das sind Berichte über Kriminalität, Morde, Attentate… Die Justiz hat so ca. 30% Kommentierbarkeit,… die Geschichte um den NSU-Prozess: tiefrot… Was auch tiefrot ist, ist alles um die Flüchtlingsthematik…Von außen sieht das aus, als sperrt der Spiegel seine Kommentarfunktion komplett systematisch und zwar nach Themen und dass wir sowas direkt visuell rausfinden können, macht diese Landkarte so unheimlich mächtig…“
Mit Blick auf die Ukraine-Krise wird es besonders spannend, denn anders als bei den Flüchtlingen, darf hier sehr wohl auf Russland/Putin eingedroschen werden.
David Kriesel: „… Jetzt schwenken wir mal zum Ukraine-Konflikt [lautes Gelächter; Applaus…] Also, ihr dürft euch mit nach Hause nehmen: Russen bashen ist OK. [Gelächter] …“
Hier muss man anmerken, dass Kriesels Analyse leider nicht das Ausmaß der Zensur innerhalb der zur Kommentierbarkeit freigegebenen Artikel umfasst. Genau da würde es aber politisch so richtig spannend werden, denn wie wir hier bereits dokumentiert haben, werden im Umfeld der Ukraine-Krise und generell jeglicher Berichterstattung mit Russland- oder auch NATO-Bezug massiv Kommentare zensiert, die nicht der westlichen Agenda entsprechen.
Kriesel ruft die Zuhörer gegen Ende des Vortrags dazu auf, ihm Vorschläge für weitere Analysen zu machen und wenn man ein wenig die Fantasie spielen lässt, kann man sich vorstellen, wie interessant es wäre, politisches Wording, Emotionalisierungen oder positive wie negative Attributierungen von Politikern innerhalb der Artikel zu exzerpieren oder auch die Kommentarforen gesondert (Spiegel.de oder auch tagesschau.de) einer individuellen Analyse zu unterziehen. Einen Hinweis diesbezüglich habe ich David zukommen lassen.
Wer weitere interessante Vorschläge hat kann sich unter mail [AT] dkriesel [DOT] com an den Verfasser dieses spannenden Vortrags des diesjährigen Chaos Communication Congress wenden. Vielleicht bekommen wir dann nächstes Jahr noch tiefere Einblicke in die Meinungsmache des ehemaligen Nachrichtenmagazins.
Wer die detaillierten Grafiken in bester Qualität sehen möchte, kann sich hier ein PDF herunterladen.








