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Sind die Anleger in den USA zu selbstgefällig?

Lieber Investor,

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, und wenn an der Börse nahezu alle der gleichen Meinung sind, macht es oftmals Sinn, sich auf die Gegenseite zu stellen, denn wer soll noch Aktien kaufen, wenn es alle schon getan haben und wer soll in einer Baisse noch verkaufen, wenn alle längst die Flucht ergriffen haben?

Vordergründig sah die Börsenwelt in den ersten beiden Monaten des neuen Jahres noch recht vernünftig aus. Insbesondere an der New Yorker Wall Street konnte kräftig gefeiert werden. Am 25. Januar überwand der Dow Jones zum ersten Mal die Hürde von 20.000 Punkten und auch die breiter gefassten Indizes präsentierten sich in einer sehr robusten Verfassung.

Sorgen machten sich die Anleger nicht. Das Put/Call-Verhältnis war ausgesprochen niedrig und die Volatilität ähnlich niedrig wie im letzten Jahr. Wenn man nun bedenkt, dass 2016 eines der ruhigsten Börsenjahre überhaupt war, dann sieht auf den ersten Blick viel danach aus, als würde sich die entspannte Phase des Investierens und Traden noch ein Weilchen fortsetzen.

Irritierend sind natürlich die Signale, die seit Donald Trumps Amtsantritt aus dem Weißen Haus kommen. Doch wenn sie sich so wie bei den Bankaktien in starken Kurssprüngen auswirken, weil der neue Präsident erklärt hat, dass er die nach der Finanzkrise für die Finanzbranche eingeführten Beschränkungen überprüfen und wenn möglich zurücknehmen will, dann nimmt man diese Irritationen aus der Politik doch gerne mit. Oder etwa nicht?

Die Rückbesinnung auf die fundamentalen Daten steht an

In den vergangenen Jahren hatten es die Investoren an den Börsen vergleichsweise leicht. Die Kurse stiegen, weil einerseits die Gewinne der Unternehmen im Steigen begriffen waren und sie stiegen auch deshalb, weil durch die Notenbanken frisches Geld in die Märkte gepumpt wurde.

Niedergeschlagen haben sich beide Effekte u.a. in einem vergleichsweise hohen Kurs-Gewinn-Verhältnis. Im S&P500, in dem die 500 größten börsennotierten Unternehmen der USA zusammengefasst sind, liegt das KGV inzwischen bei rund 28 und damit deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.

Ein Blick zurück in die Geschichte müsste die Anleger momentan eher verunsichern als optimistisch stimmen, denn wenn sich der Aktienmarkt zu derart hohen Bewertungen emporgeschwungen hatte, folgte in den Jahren danach in der Regel immer eine Reduzierung des KGV auf dem Fuße.

In der Mehrheit aller Jahre lag das durchschnittliche KGV zumindest unter 20. Dass es über kurz oder lang in diese Region wieder zurückkehrt, ist also durchaus zu erwarten. Erreicht werden kann dieser Rückgang grundsätzlich auf zwei Wegen, durch einen handfesten Crash, der innerhalb kurzer Zeit, die hohen Bewertungen wieder deutlich abkühlt, oder durch einen langsamen Prozess, bei dem die Gewinne der Unternehmen weiter steigen, die Kurse diesen Anstieg jedoch nicht mehr mitmachen.

Wird der Realitätscheck zum Realitätsschock?

Gefallen wird den Anlegern weder die eine noch die andere Variante, denn wen es an die Börse zieht, der möchte dort Geld verdienen. Kursverluste mag niemand, und wenn das investierte Kapital außer der vereinnahmten Dividende keinen anderen Gewinn mehr abwirft, werden auch die Nerven der Anleger schnell strapaziert.

Warum in eine Aktie investieren, wenn der Kurs nicht mehr steigt? Wird diese Frage zu oft gestellt und außerdem noch von zu vielen Investoren gestellt, werden die Verkäufe zwangsläufig zunehmen müssen, denn dass nicht jeder Anleger die Frage für sich so beantworten wird, dass eine Fortsetzung des Investments dabei herauskommt, liegt auf der Hand.

Negativ aufstoßen dürfte den Investoren auch die Gewinnentwicklung der meisten Unternehmen. Sie war im Jahr 2016 rückläufig und lag sogar unter dem Wert, der 2011 gemeldet wurde. Man braucht schon ein besonders gutes Argument, um bei rückläufigen Gewinnen die Börsenkurse steigen zu lassen.

Dieses Argument war bislang die Liquidität der Notenbanken. Es könnte schon in Kürze wegfallen, denn wenn sich die US-Notenbank tatsächlich dazu entschließen sollte, bereits im nächsten Jahr damit zu beginnen, ihre Bilanz zu verkleinern, wird dem Markt sofort eine Menge Liquidität entzogen werden, die als Treibstoff für die Fortsetzung der Hausse zwangsläufig fehlen wird.

Genießen wir deshalb die Höhenluft, solange sie uns noch erhalten bleibt. Was steigt, muss bekanntlich auch wieder fallen und der Wendepunkt könnte uns näher sein, als vielen derzeit lieb und bewusst ist.

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