„Liebe Elvira, ich wünsche dir alles erdenklich Gute für das neue Jahr.“ Dieser Satz ihres Onkels klingt offenbar so, als hielte er einen Zauberstab in der Hand.
Von Meinrad Müller
Doch zunächst muss ich Ihnen meine Nichte Elvira (42) vorstellen. Elvira ist ein ganz besonderer Fall. Elvira glaubt nämlich, die Welt schulde ihr etwas, weil sie die Güte gehabt hat, die selbige überhaupt zu betreten. Kurz vor Mitternacht gehen wir alle wie immer in den Garten. Denn Punkt Mitternacht beginnt traditionsgemäß das große Umarmen und das Zuprosten mit den Sektgläschen. Auch Elvira, meine Lieblingsnichte, erhält meine allerbesten Wünsche, aber sie lächelt nicht mal. Andererseits ist die Tochter meiner Schwester auch noch besonders sensibel. Bei den kleinsten Problemchen kippt sie aus den Latschen. Meine gut gemeinten Ratschläge gehen bei ihr oft in ein Ohr rein, ins andere Ohr wieder raus.
Ich gewinne oft den Eindruck, dass meine Worte für sie wie Schall und Rauch sind. Kaum ausgesprochen, schon vom Winde verweht. Wie sollen da meine Neujahrswünsche die von mir beabsichtigte Wirkung entfalten? Schwierig.
Hätte der Onkel Elvira fünf Kilogramm Erdbeeren bringen sollen?
Sie hätte diese in einer großen Suppenschüssel auf den Wohnzimmertisch gestellt. In zwei Tagen hätten sie ihr Mann und die zwei Kinder diese gut gemeinten Erdbeeren aufgefuttert. Ebenso schnell lösen sich anscheinend auch meine Neujahrswünsche in Luft auf.
Neujahrswünsche sind offenbar eine zu große Portion des gewünschten Glücks. Wäre eine Portionierung besser? Fünfzigmal hundert Gramm Erdbeeren. Jede Woche ein kleines Schälchen. Nicht viel, aber regelmäßig eine kleine Erinnerung, dass man es gut mit ihr meint. Genauso denke ich mir, könnte es mit guten Wünschen sein. Einmal im Jahr „Alles Gute“ ist schön. Doch was bleibt davon im Februar, im April, im November? Wir sind wirksamer, wenn wir regelmäßig zeigen, dass wir da sind. Ein kurzer Anruf. Zwei Zeilen per Nachricht. Ein Hinweis, dass jemand an einen denkt. Das stärkt mehr als jedes einmalige Ritual in den ersten Minuten eines neuen Jahres.
Punkt null Uhr bekam Elvira von ihrem Ehemann einen dicken Kuss. Von ihrem Vater ein Schulterklopfen. Von ihrer Mutter eine innige Umarmung. Die Kinder ließen derweil Raketen steigen. Trotzdem bleibt dem Onkel die Erdbeeridee im Kopf. Was praktisch und bleibend ist, hätte doch mehr Gewicht. Verlässlichkeit wiegt mehr als Effekte, denkt sich Onkel Meinrad.
Elvira ist stolz, empfindlich und verwöhnt zugleich. Schweres, Mühsames oder Unbequemes empfindet sie als Zumutung. Das Leben soll sie mit Samthandschuhen anfassen. Da fällt dem Onkel ein Vers von Goethe ein: Alles geben Götter, die unendlichen, Ihren Lieblingen ganz: Alle Freuden, die unendlichen, Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz. Wenn schon die Götter das Zuteilen von Schmerzen nicht scheuen, darf ein Onkel es wenigstens denken? In Elviras Welt werden im nächsten Jahr nicht nur Milch und Honig fließen. Es werden ihr auch kleine Unannehmlichkeiten passieren. Aber diese kleinen Dinge dürfen sie nicht aus den Latschen kippen lassen. Genau darum sollte sie lernen, damit umzugehen. Es sind oft die Kleinigkeiten, die sie zur Weißglut treiben. Ich wünsche ihr, dass sie „cooler“ wird. Können meine erstgemeinten Neujahrswünsche ihr dabei helfen? Ich frage mich das ernsthaft.
Der Glaube versetze Berge, heißt es. Diesen Glauben wünsche ich Elvira. Dass sie fest daran glaubt, dass sie das, was auf sie zukommt, bewältigen kann, ohne bei jedem Windhauch umzufallen. Ein bisschen mehr Standfestigkeit, das wäre ein gutes Neujahrsgeschenk. Wie kann ich ihr helfen, geistig stabiler zu werden? Würde sie die Bücher lesen, die ich selbst vor 40 Jahren als nützlich empfand?
Praktisch gedacht, muss ich mich öfter bei ihr melden, ohne ihr auf den Wecker zu gehen. Ein wöchentlicher Hinweis per WhatsApp. Zwei, drei Zeilen: „Guten Morgen Elvira, alles OK?“ So einfach könnte es sein.
Ich freue mich immer, wenn Neffen, Nichten, Enkelinnen und Enkel mich anrufen. Nicht nur an Neujahr, sondern zwischendurch. Einfach so. Von Arbeit und Schule erzählen, oder wenn sie etwas wissen wollen. Das verbindet uns mehr als jedes einmalige Ritual an Neujahr. Mein Vater pflegte zu sagen, es sei Brauch, dass die Jungen die Alten anrufen oder besuchen, nicht umgekehrt. Das hat etwas mit Respekt zu tun und mit Werten, die vorgelebt werden.
Neujahrswünsche sind eine schöne Tradition. Sie werden bleiben. Aber vielleicht sollten wir sie ausweiten. Nicht nur in Worte packen, sondern in Taten ausdrücken. Nicht nur ein Zauberstab, sondern eine leise, dauerhafte Geste. Ein wöchentliches Erdbeerschälchen per Amazon wäre unpraktisch. Aber ein kurzer Anruf oder ein Bild eines Motivationsspruchs könnte Wunder wirken.
Ich wünsche Elvira alles Glück zum neuen Jahr. Ich wünsche ihr die Fähigkeit, kleine Stürme zu überstehen. Ich wünsche ihr, dass sie erkennt: Da ist jemand, den sie immer anrufen kann.
„Das Gute ist überall“, heißt es in einem Song. Und Onkel Meinrad ist im Handytelefonbuch gespeichert. Sieh, das Gute ist so nah!
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p



