Ein amerikanischer Busfahrer lernt das deutsche AOK-System kennen und berichtet seiner Ehefrau in Boise City, was er hier erfuhr.
Von Meinrad Müller
Jim Wackenbarth, 42, ist noch Busfahrer in Idaho, aber er will samt Familie nach Deutschland, in das Land seiner Vorfahren. Von seiner Großmutter hat er noch ein wenig Deutsch gelernt, das hilft ihm jetzt sehr. Busfahrer ist ein solider Beruf, sagen seine Kollegen. Einer, bei dem man Überstunden macht, spart und hofft, gesund zu bleiben. Nicht aus Ehrgeiz, sondern um Arzt und Medikamente bezahlen zu können.
Denn in Jims amerikanischen Welt ist Krankheit ein reales Risiko, ein Einschnitt, der alles verändern kann. Sie kommt nicht, weil man etwas falsch gemacht hat, sie kommt einfach. Und dann entscheidet sich schnell, wie teuer dieses Schicksal wird. Ob man es überlebt, wenn man wenig Geld hat.
Als Jim nach Deutschland reist, um das Land seiner Großeltern kennenzulernen, rechnet er mit kulturellen Unterschieden. Worauf er nicht vorbereitet ist, ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier nicht über Krankheitskosten gesprochen wird.
Er schreibt seiner Frau Carol eine E-Mail, wie ein fortlaufendes Staunen.
„Hier fragt niemand, was das kostet“
My darling, liebste Carol,
Jim schildert ein Gespräch mit einem deutschen Busfahrer. Knieprobleme, Operation, Reha, Medikamente. Jim stellt die Frage, die er aus den USA kennt. Was kostet das alles?
Die Antwort irritiert ihn. Nicht, weil sie unhöflich wäre, sondern weil sie ausbleibt. Der Mann erklärt den medizinischen Ablauf, nicht die Rechnung. Er ist gesetzlich krankenversichert. Damit ist das Thema erledigt. Über Geld spricht man nicht, weil kein gesetzlich Versicherter je von den Kosten erfährt.
In den Vereinigten Staaten, schreibt Jim, beginnt medizinische Versorgung oft mit dem Arztgespräch: „Was kostet mich das?“ Man spricht über Selbstbehalte, über das, was übernommen wird, und das, was offenbleibt. Man wägt ab, verschiebt Behandlungen, hofft, dass nichts Kompliziertes gefunden wird. Und ob man noch eine Hypothek aufs Haus bekommt, um die Krankenhausrechnung bezahlen zu können.
In Deutschland hingegen wird behandelt, egal ob du reich oder arm bist. Die Kosten sind kein Gesprächsthema. Sie spielen in der konkreten Situation keine Rolle. Jim schreibt „ich musste mir die Augen reiben“.
„Die Krankenversicherung geht nie verloren.“
Was ihn noch mehr überrascht, ist die Unabhängigkeit der Krankenversicherung vom Arbeitsplatz. Jim erfährt, dass die Versicherung bleibt, wenn der Job wegfällt. Wer arbeitslos wird, verliert nicht automatisch die Krankenversicherung, so wie in den USA. Das Jobcenter übernimmt die Beiträge. Die medizinische Absicherung läuft weiter, ohne Unterbrechung.
Für Jim ist das schwer nachzuvollziehen. In seiner Heimat ist der Arbeitsplatz oft die Eintrittskarte zur Krankenversicherung. Geht der Job verloren, beginnt für viele das Rechnen, das Zögern, manchmal das Verzichten auf eine notwendige Therapie. Und das kann tödlich enden.
In Deutschland ist die Krankenversicherung an die Person gebunden, nicht an den aktuellen Erfolg im Berufsleben. Dieser Gedanke lässt Jim nicht los.
„Und im Alter: soziale Hängematte“
Jim stößt schließlich auf einen weiteren Punkt, den er zunächst kaum glauben kann. Auch im Alter, wenn die Rente nicht reicht, bleibt die medizinische Versorgung gesichert. Wer in Deutschland nur eine kleine Rente erhält, kann Grundsicherung beantragen. Dann übernimmt das Sozialamt die Miete, zahlt einen monatlichen Betrag zum Leben und überweist den Monatsbeitrag an die Krankenversicherung.
Das gilt auch für Menschen, die früher privat versichert waren. Rutschen sie in die Grundsicherung, zahlt das Sozialamt einen pauschalen Beitrag an die private Krankenkasse, der die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung abdeckt. Keine Private Krankenversicherung kann einen Kunden rauswerfen. Niemand steht plötzlich ohne Versicherung da. Niemand verliert den Zugang zum Arzt, nur weil das Einkommen oder die Rente nicht mehr ausreicht.
Für Jim ist das der entscheidende Punkt. Die Gewissheit, dass das System niemanden fallen lässt.
Deutschland – das Wunderland
Jim schreibt seiner Frau, dass Krankheit als Teil des Lebens akzeptiert wird, nicht als persönliches Versagen und nicht als finanzielles Bankrott-Risiko.
Und so gesehen ein Grund, „Juhu“ zu rufen.
Jim will jetzt „rübermachen“, nach good old Germany.
Anmerkung des Autors:
Jim darf sich Hoffnung auf eine Festanstellung machen, denn in Deutschland fehlen derzeit rund 20.000 Busfahrer und bis 2030 scheiden jährlich 4.000 bis 6.000 weitere altersbedingt aus.
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p



