"Was gesagt werden muss": Der frühere SS-Mann und heutige SPD-Blechtrommler Günter Grass hat ein Israel-kritisches und Iran-freundliches Gedicht veröffentlicht. Michael Wolffsohn: Grass ist die Summe seiner Vorurteile. Der Historiker wirft Günter Grass vor, Opfer zu Tätern zu machen und sich in die Tradition antisemitischer Ritualmord-Legenden zu stellen.
Der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn äußerst sich im SPIEGEL-ONLINE - Interview empört über die Position, die Grass in seinem umstrittenen Gedicht "Was gesagt werden muss" einnimmt. Der Text wäre in der rechtsradikalen "National-Zeitung" "gut platziert" gewesen, so Wolffsohn. Es stehe "so ziemlich jedes antisemitische Klischee darin, das man aus der rechtsextremen Ecke kennt".
Der 1947 in Tel Aviv geborene Wissenschaftler zeigt sich besonders irritiert davon, dass Grass sein Gedicht ausgerechnet kurz vor dem jüdischen Pessach-Fest veröffentlicht hat. Die Zeit um Pessach sei "die Zeit der Pogrome, in der Ritualmord-Legenden über Juden verbreitet werden", so Wolffsohn, der Neuere Geschichte an der Münchner Bundeswehr-Universität lehrt.
Einem ehemals praktizierenden Katholiken wie Grass hätte auffallen müssen, dass er sich mit seiner Behauptung, Israel plane einen Erstschlag, der das iranische Volk "auslöschen" könne, in diese antisemitische Tradition stelle.
Die „Berliner Zeitung“ zum Grass-Gedicht
Bombenangriffe auf Atomanlagen sind dennoch etwas völlig anderes als die Auslöschung eines Volkes durch den atomaren Erstschlag. Wenn der politische Lyriker Grass diesen Unterschied nicht kennt, liegt er mit seiner Analyse falsch. Wenn er den Unterschied kennt, ihn aber nicht macht, handelt er perfide.
Grünen-Politiker Montag verteidigt Grass
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag verteidigt Günther Grass und sein umstrittenes Gedicht zum Konflikt zwischen Israel und Iran. Montag, der Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe ist, sagte SPIEGEL ONLINE: "Das ist ein Gedicht und kein politischer Beitrag." Er verweise auf "die Freiheit der Kunst".
Der Grünen-Politiker sagte weiter: "Hätte das ein Politiker geschrieben, sähe es natürlich anders aus: Grass' Gleichsetzung von Israel mit Iran ist völlig abwegig." Aber bei dem Verfasser Grass handele es eben um einen Schriftsteller, "und mit dem muss man sich nicht streiten", so Montag.
"Gedicht" im Wortlaut von Günter Grass
Was gesagt werden muss
"Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muß.
Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir - als Deutsche belastet genug - Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen."



