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Der Blessing-Brief
29.01.2011

In einem geheimen Brief versicherte die Deutsche Bundesbank unter ihrem damaligen Chef Karl Blessing 1967, ihre Dollar-Reserven nicht in Gold umzutauschen. Warum tat sie das? Insider vermuten, dass Blessing den Amerikanern damals auch zusicherte, die deutschen Goldreserven nicht aus den USA abzuziehen. - Der erstmals veröffentlichte "Blessing-Brief" gibt nun Einblicke in das Verhältnis zwischen Bundesbank und Fed.

 

Vorbemerkung: Der berühmte "Blessing-Brief" - ein bisher geheimgehaltenes und dennoch geschichtsträchtiges Schreiben des damaligen Bundesbankpräsideten Karl Blessing an den Chef der US-Zentralbank William Martin. Insider vermuteten, dass in diesem Schreiben die Bundesbank den Amerikanern zugesichert hatte, ihre in den USA gelagerten Goldreserven nicht abzuziehen. Immerhin lagern in den Tresoren der New Yorker Fed bis heute Großteile des deutschen Goldes, welches aus bisher unerfindlichen Gründen nicht repatriiert wurde. In dem nun vorliegenden Dokument geht allerdings lediglich hervor, dass die Bundesbank zusicherte, ihre Dollar-Bestände nicht in Gold umzutauschen, was damals durchaus möglich gewesen wäre, weil der Dollar bis 1971 in Gold gedeckt war. Warum verzichtete die Bundesbank damals ganz devot auf ihr Goldumtauschrecht?

 

von Peter Boehringer

Am Samstag (29.1.2011) wurde weltweit erstmals ein Scan des berühmten Blessing-Brief von 1967 veröffentlicht. Dieser mythenumrankte Brief des ehemaligen Bundesbankchefs Karl Blessing an sein US-Pendant, den damaligen Fed Chairman William Martin, kann nun nach 44 Jahren endlich als Originalquelle im Internet begutachtet werden. Um es vorweg-zunehmen: Historisch sensationelle Enthüllungen dürfen nicht erwartet werden und zudem war der Briefinhalt durch einige wenige US-Buchautoren und in Deutschland via Dimitri Specks Buch "Geheime Goldpolitik" (2010) bereits eingesehen und analysiert worden. Dennoch ist es ein großes Verdienst des Investigativjournalisten Lars Schall, nun endlich einen Scan und damit den vollen Wortlaut des Briefs beschafft zu haben - dies übrigens mit wissenschaftlicher Unterstützung des bereits erwähnten Dimitri Speck, mit motivatorisch-ideeller Unterstützung durch meine Wenigkeit sowie unter Mithilfe einiger Akteure in den USA.

Hier zunächst ein Auszug des Blessing-Briefs:

Scan des ganzen Blessing-Briefs als PDF: www.infokriegernews.de

Link zum Artikel von Lars Schall:www.goldseiten.de

Die Goldwelt und die wirtschaftspolitische Forschung können Lars Schall dankbar sein für seine Recherche-Initiative. Aus eigentlich unerfindlichen Gründen war das Internet im Falle dieses seit Jahrzehnten heiß debattierten Briefs einmal langsam. Es ist nur schwer nachvollziehbar, dass ein so wichtiger und schon länger de-klassifizierter Brief bis heute nie im gescanten Original der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt worden war.

Während wie gesagt die historischen Sensationen darin fehlen, halte ich doch den Wortlaut und den Inhalt des Briefs für wirtschaftshistorisch bedeutsam. Nachfolgend finden Sie daher eine Übersetzung des Briefs. Dies ist die erste Volltext-Dokumentation des Briefs im Internet! Ich habe mir einige kleine Freiheiten und Erläuterungen in der ansonsten wortgetreuen Übersetzung erlaubt. Und natürlich dürfen in diesem Blog auch wie immer einige politisch inkorrekte Kommentierungen dazu nicht fehlen. Die professionellen Wirtschaftshistoriker mögen über diese meine Spitzen bitte gnädig hinwegsehen.

Hier also meine kommentierte Übersetzung des kompletten Blessing-Briefs. Zusätzlich ist eine kommentarfreie Übersetzung zu Dokumentationszwecken ans Ende des Blogs gestellt.

„DEUTSCHE BUNDESBANK
Der Präsident
Frankfurt am Main, 30. März 1967

An Mr. W. McC. Martin, Jr.
Chairman des Board of Governors
des Federal Reserve Systems [Fed]
Washington, D.C. 20551

Sehr geehrter Mr. Martin,

In den USA wurden gelegentlich Bedenken geäußert, dass die in DM anfallenden Kosten für die Präsenz amerikanischer Truppen zu einem Abfluss amerikanischen Staatsgolds führen.“

Ja, es waren andere Zeiten. Und ja, es war Kalter Krieg. Und ja, die sowjetische Bedrohung der BRD war real. Und ja, die Präsenz amerikanischer Truppen war in dieser Hinsicht wichtig für die BRD. Dennoch ist die Deklarierung der Kosten der US-Präsenz in der BRD als Hauptursache (!) für den „Verlust von US-Gold an Deutschland“ – via Bretton Woods Dollar-Gold-Konvertierung einfach lächerlich. Alleine schon aus Gründen der recht überschaubaren Beträge, die in keinem Verhältnis zu den Dollarmengen standen, über die die Bundesbank indirekt aus den damals schon enormen bundesdeutschen Handelsüberschüssen verfügte! Blessing greift hier ohne Not eine falsche US-Argumentation auf, die damals – ganz nach bis heute bewährtem Strickmuster – gegen Deutschland aufgefahren wurde.


„In diesem Zusammenhang würden wir gerne drei Punkte herausstellen
(1) Veränderungen der [Gold- und Währungs-] Reserven der Bundesbank sind Ergebnis einer Kombination von Entwicklungen in allen Teilen der deutschen Zahlungsbilanz.
(2) Ausgaben in DM für amerikanische Truppen in Deutschland und [dafür] kompensierende deutsche Einkäufe amerikanischer Militärgüter [in Dollar] sind nur zwei Faktoren in dieser Bilanz.
(3) Die deutschen Währungsreserven [gemeint sind v.a. Dollar- und Goldbestände] haben sich über die vergangenen Jahre netto kaum verändert.“

Blessing erwähnt diese drei Punkt zwar zurecht. Er tut dies jedoch in einer verklausulierten Diplomatensprache anstatt das eingangs genannte hanebüchene Argument der Kosten der US-Truppenpräsenz einfach direkt durch Nennung der Beträge und Einordnung in die um ein Vielfaches höheren deutschen Handelsbilanzüberschüsse zu relativieren und damit praktisch vollständig zu entkräften!


„Darüber hinaus sollte die Situation im Zusammenhang mit der allgemeinen Währungsreserven-Politik der BuBa gesehen werden. Sie wissen natürlich, dass die Bundesbank in den vergangenen Jahren keine Dollars in Gold des US-Schatzamts umgetauscht hat, die ihr aus den deutschen Währungsüberschüssen zugewachsen sind. Der Zuwachs unserer Goldreservebestände über die vergangenen Jahre kam vor allem durch Goldverkäufe des IWF zustande [...] sowie durch unsere Teilnahme am Gold Pool der Zentralbanken.“

Die bundesdeutschen Goldreserven hatten sich 1966/1967 nur leicht erhöht. Doch selbst dieser unter Berücksichtigung des enormen deutschen Handelsbilanzüberschusses geringe Zuwachs störte Martin und die amerikanische Politik und Finanzwelt enorm, denn man fürchtete, dass die BRD Teile davon zu 35 $/oz gegen US-Gold eintauschen könnte. Ein gemäß damals offiziell weiterhin gültigem Bretton Woods System völlig normaler Vorgang (den zB nur kurz danach Charles de Gaulle für Frankreich mit den französischen Dollarreserven auch durchgezogen hat). Jedoch einer, der aus US-Sicht unter allen Umständen schon im Ansatz abgewürgt werden musste, denn er hätte den Offenbarungseid des US-Dollars, den Nixon dann erst im August 1971 vollziehen musste, um bis zu vier Jahre beschleunigen können! Man kann leicht ahnen, welcher diplomatische Druck bis März 1967 im Hintergrund aufgebaut worden war, so dass Blessing sich zu diesem Brief veranlasst oder gar von US-Seite genötigt sah.

Auch die Erwähnung des berüchtigten London Gold Pools im Brief ist kein Zufall: Dieser Pool war eine illegitime Kartellabsprache der westlichen Notenbanken, über die zwischen 1961 und 1968 die ansonsten längst nicht mehr zu haltende Fiktion des offiziellen und fixen Gold-Dollar-Umtauschkurses schon seit Anfang der 1960er Jahre künstlich aufrechterhalten wurde. Blessing beeilt sich hier zu versichern, dass die BRD bzw. die Bundesbank ganz im Sinne einer treuen US-Kolonie aktiv, brav und immer im Sinne der sonst unter einem ehrlichen Bretton-Woods-Goldstandard ab etwa 1972 absehbar bankrotten (da Gold-losen) USA mitgespielt haben [vgl. hier, S. 3/4].


„Die Bundesbank hat es komplett unterlassen, Dollars in [physisches] Gold des US-Schatzamts zu konvertieren. Die Bundesbank hat dabei [immer] beabsichtigt, zu einer [guten] internationalen monetären Kooperation beizutragen; und störende Effekte [eines Umtauschs großer Dollarmengen in US-Gold] zu vermeiden.“

Damit es auch der letzte Fed-Chairman versteht und der letzte amerikanische Imperator glaubt, wiederholt Blessing seinen Punkt noch einmal in völlig unmissverständlicher Explizität und Klarheit.

Und nicht vergessen: dem Bretton Woods System war das Recht zur Konversion von Dollars in Gold inhärent und theoretisch ein wichtiger Funktionsmechanismus dieses indirekten Goldstandards. Blessings Aussage steht hier also den offiziell behaupteten Bretton Woods Funktionsmechanismen diametral entgegen!


„Sie können versichert sein, dass die Bundesbank auch weiterhin plant, diese [zurückhaltende] Politik fortzusetzen und ihren Beitrag zu voller internationaler monetärer Kooperation zu leisten.“

Und weil er schon einmal auf den Knien vor dem Thron der Geldherren der Welt ist, bleibt Blessing gleich in dieser Stellung und verlängert dieses sein Versprechen auch noch in die Zukunft. Natürlich wie gehabt in geradezu devotem Duktus.


Wie wir heute wissen, hat dieses Versprechen nicht nur das ja 1971/1974 endgültig zusammengebrochene Bretton Woods System überdauert, sondern auch den gesamten Kalten Krieg und die deutsche Wiedervereinigung. Der Brief bzw. das o.g. Versprechen von Blessing nahm den späteren offiziellen Papier-Dollar-Standard um volle vier Jahre vorweg - wenn auch zunächst nur heimlich und de facto. Das ist wirtschaftshistorisch bedeutsam.

Bis heute fühlten sich unausgesprochen alle acht nachfolgenden Bundesbankpräsidenten von Klasen bis Weber an dieses Versprechen des Blessing-Briefs gebunden, dem seit mittlerweile fast 40 Jahren – bzw. wenigstens seit 21 Jahren – eindeutig die Geschäftsgrundlage entzogen ist!


Kein Bundesbank-Präsident oder Kanzler fühlte sich trotz aller Fundamentalkrisen und trotz der gerade aktuell wieder existenziellen Bestandsgefährdung der Papierfalschgeldwährungen der Welt je dazu berufen, auch nur minimale Teile der riesigen Bundesbank-Währungsreserven in die einzige echte Reservewährung Gold zu konvertieren (oder auch nur die im Ausland befindlichen ca. 3400 Tonnen deutschen Volksgoldes in ein angeblich souveränes Deutschland zurückzuholen, wo sie natürlich im Hinblick auf die kommende Weltwährungskrise zur Aufrechterhaltung der Option einer Golddeckung einer neuen DM unbedingt hingehören).

„Mit freundlichen Grüßen
Karl Blessing“

 

No blessings for Blessing. Eine unabhängige Geschichtsschreibung wird eines Tages negativ über die Bundesbank-Präsidenten urteilen.

 

Fazit:
Der Blessing-Brief ist mehr als nur ein nun entzaubertes Mystikum. Das darin enthaltene Versprechen, keine Dollarreserven in Gold zu konvertieren, war gelebte deutsche Währungspolitik von 1967 bis heute 2011! Bundesbanker und Politiker kommen und gehen. Die Falschpolitik und die peinlichen Argumente zu ihrer Begründung bleiben.

 

Nachfolgend zur Dokumentation noch einmal der Brief im Originaltext ohne Kommentare:

„DEUTSCHE BUNDESBANK
Der Präsident
Frankfurt am Main, 30. März 1967

An Mr. W. McC. Martin, Jr.
Chairman des Board of Governors
des Federal Reserve Systems [Fed]
Washington, D.C. 20551

Sehr geehrter Mr. Martin,

In den USA wurden gelegentlich Bedenken geäußert, dass die in DM anfallenden Kosten für die Präsenz amerikanischer Truppen zu einem Abfluss amerikanischen Staatsgolds führen.

In diesem Zusammenhang würden wir gerne drei Punkte herausstellen
(1) Veränderungen der [Gold- und Währungs-] Reserven der Bundesbank sind Ergebnis einer Kombination von Entwicklungen in allen Teilen der deutschen Zahlungsbilanz.
(2) Ausgaben in DM für amerikanische Truppen in Deutschland und [dafür] kompensierende deutsche Einkäufe amerikanischer Militärgüter [in Dollar] sind nur zwei Faktoren in dieser Bilanz.
(3) Die deutschen Währungsreserven [gemeint sind v.a. Dollar- und Goldbestände] haben sich über die vergangenen Jahre netto kaum verändert.

Darüber hinaus sollte die Situation im Zusammenhang mit der allgemeinen Währungsreserven-Politik der BuBa gesehen werden. Sie wissen natürlich, dass die Bundesbank in den vergangenen Jahren keine Dollars in Gold des US-Schatzamts umgetauscht hat, die ihr aus den deutschen Währungsüberschüssen zugewachsen sind. Der Zuwachs unserer Goldreservebestände über die vergangenen Jahre kam vor allem durch Goldverkäufe des IWF zustande [...] sowie durch unsere Teilnahme am Gold Pool der Zentralbanken.

Die Bundesbank hat es komplett unterlassen, Dollars in [physisches] Gold des US-Schatzamts zu konvertieren. Die Bundesbank hat dabei [immer] beabsichtigt, zu einer [guten] internationalen monetären Kooperation beizutragen; und störende Effekte [eines Umtauschs großer Dollarmengen in US-Gold] zu vermeiden.

Sie können versichert sein, dass die Bundesbank auch weiterhin plant, diese [zurückhaltende] Politik fortzusetzen und ihren Beitrag zu voller internationaler monetärer Kooperation zu leisten.

Mit freundlichen Grüßen
Karl Blessing“

 

www.goldseitenblog.com/peter_boehringer


h - dein Beitrag hier

 


 

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