Europa kann sich den Krieg nicht mehr leisten. Nach Hunderttausenden von Toten eine sehr späte Erkenntnis.
Von Meinrad Müller
Am 10. Februar erklärte Emmanuel Macron in Interviews mit großen europäischen Zeitungen, Europa müsse wieder mit Russland sprechen. Vier Jahre Krieg. Milliarden an Waffenhilfe. Und wirtschaftlich? Ernüchterung. Macron spricht von einem Wendepunkt. Der Abnutzungskrieg stecke fest. Militärisch kaum Bewegung. Politisch keine Lösung. Und ökonomisch läuft die Uhr gegen Europa.
Gibt es Bewegung in Moskau?
In Moskau wurde Macrons Signal registriert. Kremlsprecher Dmitri Peskow zeigte sich offen für Kontakte. Außenminister Sergej Lawrow deutete Gesprächsbereitschaft an. Macrons enger Vertrauter war bereits vor Ort, Gesprächskanäle wurden wieder aktiviert. Noch kein Durchbruch. Aber Funkstille sieht anders aus. Merz aber lehnt weiterhin Gespräche mit Putin ab.
Überlebt Frankreich seine Verschuldung?
Wer Macrons Vorstoß nur moralisch liest, übersieht die wirtschaftliche Lage Frankreichs. Die Staatsverschuldung liegt deutlich über 110 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Defizit sprengt die europäischen Regeln. Die Zinsen steigen. Wachstum? Schwach. Frankreich ist kein Land mit überschüssiger Industriepower. Es lebt stark vom Staat, vom Konsum, von öffentlichen Ausgaben. Ein dauerhafter Krieg in Europa bedeutet hohe Energiepreise, steigende Verteidigungskosten, mehr Schulden. Verärgerte Wähler.
Und der Mann auf der Straße wird nervös
Rentenreform, Streiks, soziale Spannungen, das Land steht unter Dauerstrom. Man muss kein Zyniker sein, um zu erkennen: Ein endloser Konflikt ist für Frankreich ein teures Experiment.
Europa im Schatten Washingtons
Macron spricht von „geopolitischer Minderjährigkeit“. Gemeint ist: Europa redet viel, entscheidet aber selten selbst. Sanktionen, Waffenlieferungen, strategische Linien, vieles wird transatlantisch abgestimmt. Die Moral kommt aus Brüssel. Die militärische Führung aus Washington. Und die Rechnung bleibt in Europa. Macron stellt ganz offen die Machtfrage: Will Europa eigenständig handeln oder weiter im Windschatten fahren?
Kein Kniefall, sondern Kalkül
Macrons Gang nach Moskau ist ein Bußgang. Er ist Interessenpolitik. Vielleicht denkt er auch an sein Vermächtnis. Ob er wieder gewählt wird ist höchst fraglich. Sucht er einen sanften Abgang? Wahrscheinlicher ist eine nüchterne Analyse: Ein wirtschaftlich geschwächtes Frankreich und Europa verlieren global an Gewicht.
Macrons Canossa ist deshalb weniger Symbol als Signal. Frankreich spürt den Druck. Und Paris beginnt zu handeln. Flexibilität französischer Diplomatie eben.
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