Am Grenzübergang Astara zwischen Iran und Aserbaidschan spielt sich seit Tagen eine Szene ab, die an den Beginn eines Staatszerfalls erinnert.
Von Meinrad Müller
Es sind russische Nuklearingenieure, chinesische Infrastrukturplaner, Hafenmanager und Raffinerietechniker, Menschen also, die seit 30 Jahren einen Teil der iranischen Wirtschaft überhaupt funktionsfähig halten.
Nichts wie raus hier
Sie wurden von ihren Regierungen zur unverzüglichen Rückkehr aufgefordert. Moskau und Peking ziehen ihr Personal aus strategischen Projekten ab. Sie bringen ihr Personal über Landrouten ins nördlich gelegene Aserbaidschan oder in Richtung Türkei außer Landes.
Drei Jahrzehnte Know-how verlassen das Land
Der Abzug wirkt nicht wie eine ruhige, abgestimmte Evakuierung. Er wirkt wie ein plötzliches „Nur weg hier“. Dabei geht es um weit mehr als einzelne Firmenprojekte. Viele der Ausreisenden arbeiten in Anlagen, die für den Staat zentral sind: in großen Häfen, in Raffinerien, in Eisenbahnprojekten und im Atomkraftwerk Bushehr, dem einzigen Kernkraftwerk des Landes.
Über drei Jahrzehnte waren genau diese Spezialisten das technische Rückgrat solcher Anlagen. Ohne ihr Know-how bleiben Milliardenprojekte aus Beton und Stahl zurück, deren Betrieb plötzlich unsicher wird. Sehr unsicher.
Der plötzliche Rückzug der Verbündeten
Für die Führung in Teheran dürfte dieser Moment besonders bitter sein. Jahrelang präsentierten Russland, China und Iran ihre Zusammenarbeit als strategische Achse gegen den Westen. Militärische Kooperation, Energieprojekte und Infrastrukturprogramme sollten zeigen, dass eine neue geopolitische Allianz entstanden sei. Die alte Ordnung wurde von den USA weggebombt.
Doch nun entsteht ein anderes Bild.
In dem Moment, in dem die Spannungen steigen, verlassen ausgerechnet die wichtigsten Partner ihre Positionen im Land. Die Staaten, die sich lange als Verbündete präsentierten, bringen plötzlich zuerst ihre eigenen Leute in Sicherheit.
Wenn zusätzlich der wichtigste Ölkunde ausfällt
Während an der Grenze Busse voller Ingenieure den Iran verlassen, gerät gleichzeitig das Fundament der Staatsfinanzen ins Wanken. Der iranische Staat lebte in hohem Maß vom Export seines Öls nach China. Für Teheran war Peking damit praktisch der einzige große Käufer.
Wenn China jetzt auf russisches Öl ausweicht, verliert der Iran einen entscheidenden Geldstrom. Für China wäre das eine Anpassung seiner Lieferanten. Für den Iran wird es zum wirtschaftlicher Schock.
300 Dollar Monatseinkommen
Ein großer Teil der Bevölkerung existiert bereits am Limit. Sie verdienen durchschnittlich nur etwa 200 bis 300 Dollar im Monat, während Inflation und Währungsabwertung die Preise für Lebensmittel ständig steigen lassen.
Wenn die Erlöse aus dem Ölgeschäft wegbrechen, wird es für die Regierung immer schwieriger, Gehälter zu bezahlen, Subventionen zu finanzieren und ihre Anhänger bei der Stange zu halten.
Wenn das Fundament des Systems bröckelt
Besonders heikel ist das für die Führung in Teheran, weil ein großer Teil der Staatsausgaben in Sicherheitsapparate fließt, Militär, Polizei und vor allem die Revolutionsgarden, das eigentliche Machtzentrum des Systems.
Doch auch Loyalität hat ihre Grenzen. Ohne Mampf kein Kampf, hieß es früher.
Solange der Staat Gehälter zahlt, bleibt das System stabil. Doch wenn das Geld aus dem Ölgeschäft versiegt, beginnt die politische Statik zu knirschen. Geschichte zeigt immer wieder ein ähnliches Muster: Regime geraten ins Wanken, wenn ihre wirtschaftliche Basis verschwindet.
Dies ist ein sichtbares Zeichen: Busse mit russischen und chinesischen Ingenieure fahren zur Grenze. Und der Staat, den sie zurücklassen, merkt plötzlich, dass nichts mehr funktioniert. Blackouts sind bereits alltäglich.
Die Experten fliehen nicht aus eigenem Antrieb, sie wurden von ihren Regierungen dazu aufgefordert. Die einstigen Freunde und Verbündeten China und Russland werden untreu, evakuieren ihr Personal in Eiltempo und schütteln Iran ab wie eine lästige Fliege, während Teheran im Chaos versinkt.
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p



