Verteidigungsminister Boris Pistorius will, dass auch Kirchen kriegstüchtig werden. Ein internes Dokument zeigt, wie sich die großen Kirchen in Deutschland auf den Ernstfall vorbereiten.
Von Meinrad Müller
Eine breite öffentliche Diskussion darüber findet jedoch nicht statt. Schämt man sich? Im Konzept ist festgehalten, dass die Militärseelsorge ausgeweitet werden soll. Die Kirchen übernehmen Aufgaben, die im Ernstfall gebraucht werden. Sie begleiten Verwundete, sprechen mit Angehörigen. Ob sie wieder Panzer segnen?
Überbringer der Nachricht „Gefallen im Felde“
Wenn Soldaten fallen, gehen Vertreter der Kirche gemeinsam mit Offizieren zu den Angehörigen. Sie stehen vor der Tür und überbringen die Nachricht. Ihr Sohn ist gefallen. Der Geistliche bleibt dabei. Er spricht mit den Angehörigen, wenn sie es wollen. Er ist nicht zufällig dort, sondern Teil dieses militärischen Ablaufs. Bei großen Unglücken ist das vertraut. Nach einem Zugunglück oder einem Brand sind Notfallseelsorger vor Ort. Sie kommen, weil etwas Unvorhergesehenes geschehen ist.
Hier ist es anders. Der Krieg ist kein Unfall. Er wird vorbereitet. Und mit ihm wird vorbereitet, dass Menschen sterben und dass diese Nachricht überbracht werden muss. Die Kirchen sind deshalb nicht erst danach da. Sie ist von Anfang an eingeplant. Sie steht bereit für den Moment, in dem die Gefallenen zurückgeführt werden und jemand vor der Tür stehen muss.
Der kirchenferne Deutsche
Für die meisten Menschen spielt Kirche im Alltag kaum noch eine Rolle. Nur noch etwa fünf Prozent der Kirchensteuerzahler sitzen am Sonntag im Gottesdienst. Jahr für Jahr kehren rund eine Million Menschen den großen Kirchen den Rücken. Und genau diese Mehrheit soll im Ernstfall plötzlich wieder erreicht werden. Ein Mann, der seit Jahrzehnten keinen Gottesdienst mehr besucht hat, öffnet die Tür. Vor ihm stehen ein Offizier und ein Vertreter der Kirche. Zwei Sätze genügen. Ihr Sohn ist gefallen.
Geschichte und verschobene Rollen
Über Jahrzehnte war die Rolle der Kirchen eine andere. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand ein Gedanke im Mittelpunkt. Schwerter zu Pflugscharen. Friedensarbeit, Versöhnung, Abstand zur militärischen Logik. Dieses Selbstverständnis prägte Generationen. Kirche als Gegenpol, nicht als Ergänzung. Heute verschiebt sich diese Rolle. Die Kirchen bleiben bei ihrem Anspruch auf Seelsorge, aber sie bewegen sich zugleich näher an die Strukturen, die sie früher auf Abstand gehalten haben.
Und dann tauchen Fotos auf, die man eigentlich nicht sehen will. Alte Fotografien aus der NS-Zeit. Bischöfe in enger Nähe zu den damaligen Machthabern. Man schaut hin und spürt dieses unangenehme Gefühl. Fremdschämen. Und heute wieder. Bei militärischen Zeremonien werden Soldaten und ihre Ausrüstung in Segenshandlungen einbezogen, begleitet von Worten wie „Der Friede sei mit Euch“. Es erzeugt den Eindruck, dass beides nicht recht zusammenpassen will.
Danach kam das große Versprechen. Nie wieder.
Heute wirkt dieses Versprechen leiser. Die Nähe zum Militär wächst wieder. Anders begründet, moderner organisiert, aber sichtbar.
Geld, Nähe und neue Aufgaben
Die Verbindung zum Staat ist eng. Rund 12,6 Milliarden Euro Kirchensteuer werden jedes Jahr eingezogen. Dazu kommen etwa 600 Millionen Euro direkte staatliche Leistungen. Das schafft Nähe. Und Nähe schafft Erwartungen. Wer finanziell eingebunden ist, bleibt nicht außen vor. In einer Zeit schrumpfender Mitgliederzahlen entsteht eine neue Rolle.
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