Bei der WM bleibt manchem Nationalspieler der Mund zu. Dabei singt Deutschland von Recht, Freiheit und Glück. Frankreich und Italien klingen dagegen wie aus der Waffenkammer.
Von Meinrad Müller
Der Adler singt mit geschlossenem Schnabel
Bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft sieht man es wieder vor dem Anpfiff. Auf dem Rasen stehen die Nationalspieler, der Trainerstab singt, einige erfahrene Profis singen auch. Andere schauen starr geradeaus und halten den Mund geschlossen, als hätten sie Zahnweh.
Der deutsche Adler singt mit geschlossenem Schnabel. Das wirkt ungeschickt. Wer für Deutschland antritt, sollte beim Lied dieses Landes nicht aussehen, als habe er innerlich gerade Pause. Schämt man sich für das Land, für das man antritt? Dieser Gedanke entsteht, weil Millionen Zuschauer genau dieses Bild sehen.
Es muss auch keiner die Hand aufs Herz pressen wie im amerikanischen Film. Aber wer im Trikot dieses Landes aufläuft, darf vor dem Anpfiff ruhig zeigen, dass ihm dieses Land nicht nur den Arbeitsplatz für neunzig Minuten bietet.
Die liebliche Hymne Europas
Noch seltsamer wird dieses Schweigen, wenn man den Text liest. Einigkeit und Recht und Freiheit, dazu Herz und Hand. Am Ende soll das deutsche Vaterland im Glanze dieses Glückes blühen.
Blühen, nicht siegen, nicht herrschen, niemanden niederwerfen. Wir sollen blühen, das ist fast Schrebergarten mit Verfassungsanschluss. Die deutsche Hymne verlangt kein Blut, keinen Tod, keinen Feind und keinen Marschbefehl. Sie bittet um Ordnung, Freiheit, Zusammenhalt und Glück.
Man muss dieses Lied nicht mit Tränen in den Augen singen. Aber man kann es respektieren. Es ist ein bürgerliches Lied seit 1841. Etwas steif vielleicht, etwas feierlich und anständig. Wenn schon diese Worte nicht über die Lippen kommen, dann hat man ein Problem. Vielleicht nicht mit der Melodie, vielleicht mit dem Land.
Frankreich singt mit offenem Visier
Ganz anders Frankreich. In der Marseillaise, der Nationalhymne, heißt es:
„Aux armes, citoyens ! Formez vos bataillons ! Marchons, marchons ! Qu’un sang impur abreuve nos sillons !“
Auf Deutsch: „Zu den Waffen, Bürger! Bildet eure Bataillone! Marschieren wir! Möge unreines Blut unsere Furchen tränken!“
Und weiter:
„Ils viennent jusque dans vos bras égorger vos fils, vos compagnes !“
Auf Deutsch: „Sie kommen bis in eure Arme, um euren Söhnen und Frauen die Kehle durchzuschneiden!“
Das ist kein Lied für den Kegelabend. Das ist Revolutionsdonner. Da riecht man Pulver, Blut und aufgewühlte Erde. Trotzdem singen die Franzosen ihre Hymne mit Stolz. Kein Franzose entschuldigt sich vor dem Anpfiff für die eigene Geschichte.
Italien ruft zur Kohorte
Auch Italien klingt nicht wie ein Sonntagsspaziergang am Gardasee. In Fratelli d’Italia heißt es:
„Stringiamci a coorte, siam pronti alla morte.“
Auf Deutsch: „Schließen wir uns zur Kohorte zusammen, wir sind bereit zum Tod.“
Kohorte, das ist Rom, das ist Militärklang. Da hört man alte Legionen über alte Straßen poltern. Italien singt sich in Reihe und Kampfbereitschaft hinein. Solche Hymnen fallen nicht vom Himmel, sie wachsen aus Kämpfen, Wunden, Stolz und Erinnerung.
Aber der Vergleich bleibt erstaunlich. Frankreich singt vom Blut, Italien vom Tod, Deutschland von Recht, Freiheit und Glück. Frankreich ruft zu den Waffen, Italien zur Kohorte, Deutschland zum Blühen.
Deutschland hat kein Kampflied
Es ist kein Lied der Überhebung. Es ist kein Lied der Rache. Es ist kein Lied, das andere Völker erniedrigt. Es nennt drei Begriffe, ohne die ein Land zerfällt: Einigkeit, Recht und Freiheit. Dazu kommen Herz, Hand, Glück und Blühen. Mehr Wohlfühlworte kann man in eine Nationalhymne kaum hineinpacken, ohne sie gleich im Kurpark aufführen zu lassen.
Darum wirkt das Schweigen mancher Spieler so merkwürdig. Nicht weil sie ein brutales Lied verweigern. Nicht weil sie eine gefährliche Parole meiden. Sie schweigen bei einem Lied, das dem Land Ordnung, Freiheit und Glück wünscht.
Wer für dieses Land Fußball spielt, darf vor dem Anpfiff ruhig zeigen, dass Deutschland für ihn mehr ist als ein Trikot mit Adler und die nächste Millionen-Gage. Niemand verlangt Nationalkitsch. Aber ein bisschen erkennbare Bindung an das Land, für das man antritt, wäre keine Zumutung.
Wenn Frankreich Blut singt und Italien Tod, Deutschland aber Glück und Freiheit, dann sollte gerade diese deutsche Hymne niemandem im Halse stecken bleiben.
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p



