Am 4. Juli 2026 war ein guter Anlass, nicht nur nach Amerika zu blicken, sondern auch in die deutsche Vergangenheit. Was spielte ich bei uns damals ab und wer bremste hierzulande den wirtschaftlichen Fortschritt?
Von Meinrad Müller
Amerika begann mit einem gemeinsamen Markt
Als sich 1776 dreizehn britische Kolonien für unabhängig erklärten, entstand nicht nur ein neuer Staat. Es entstand die Idee eines großen Wirtschaftsraums. Händler, Siedler, Handwerker und Investoren sollten nicht an jeder Ecke vor einer neuen Landesgrenze stehen. Waren sollten sich frei bewegen können. Eigentum sollte geschützt werden und Arbeit sollte sich lohnen.
1792 kam der Dollar
Die gemeinsame Währung bot viele Vorteile. Damit wurde aus einem jungen Staat ein Raum, in dem Menschen planen, handeln und investieren konnten. Genau das ist der Stoff, aus dem Wohlstand entsteht.
Deutschland stand derweil noch am Schlagbaum
Zur gleichen Zeit gab es kein Deutschland, sondern einen politischen Flickenteppich von 300 Königreichen, Fürstentümern, Reichsstädten und Kleinstaaten. Bayern wurde von einem Kurfürsten regiert, Württemberg von einem Herzog und Baden von einem Markgrafen. Jeder wollte wichtig sein, jeder wollte kassieren.
Für einen Kaufmann war das ein Albtraum. Wer Waren von Frankfurt nach Berlin bringen wollte, musste zig Grenzen passieren, Zölle zahlen, Münzen wechseln und Maße umrechnen. Ein Pfund war nicht überall ein Pfund, eine Elle nicht überall eine Elle. Der Händler kämpfte nicht nur mit Straßen, Wetter und Räubern, sondern auch mit den Geldwechslern, die davon reich wurden.
Die Fürsten verwalteten den Rückstand
So wurde Handel verteuert, Kapital gebremst und Unternehmergeist mürbe gemacht. Deutschland war nicht arm, weil die Menschen träge gewesen wären. Deutschland bremste sich selbst aus.
Während Amerika einen Freiraum öffnete, zerlegte sich Mitteleuropa in Zuständigkeiten. Der deutsche Kaufmann stand vor dem Schlagbaum, der amerikanische Händler sah den Horizont. Das ist mehr als ein schönes Bild. Es erklärt einen Teil der Wirtschaftsgeschichte.
Der Zollverein brachte die Wende
Erst 1834 kam mit dem Deutschen Zollverein der große Befreiungsschlag. Viele innere Zollgrenzen verschwanden. Waren konnten leichter fließen. Unternehmer konnten größer planen und Eisenbahnen lohnten sich. Fabriken fanden mehr Kunden, weil günstiger produziert werden konnte.
Die Deutsche Reichsgründung von 1871 vollendete politisch, was wirtschaftlich längst nötig war. Mit der Mark kam eine einheitliche Währung. Mit dem Reich kam ein großer Binnenmarkt. Nun wuchs zusammen, was vorher an Fürstenlaune, Münzchaos und Schlagbäumen zerrieben worden war.
Wohlstand entsteht nicht durch Kleinstaaterei
Bis 1900 holte Deutschland gewaltig auf. Stahl, Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik, Banken und Eisenbahn machten aus dem verspäteten Nationalstaat eine Industrienation. Die Lehre ist einfach. Wohlstand entsteht nicht durch Kleinstaaterei, Bürokratie und Abkassieren an jeder Ecke.
Nur 124 Jahre nach Gründung der USA
Im Jahr 1900 war die Wachablösung perfekt: Die vereinigten USA hatten Großbritannien endgültig überholt und stellten fast ein Viertel (rund 24 Prozent) der gesamten weltweiten Industrieproduktion. Das gerade einmal 29 Jahre alte Deutsche Reich produzierte im Vergleich zu den übermächtigen Amerikanern aber nicht einmal halb so viele Industriegüter.



