Die EU wird Milliarden Chats und E-Mails automatisch nach verdächtigen Wörtern durchkämmen. Das kostet viel Strom und Personal. Deshalb sollten Bürger ihre Zunge lieber im Zaum halten, bevor sie drauflos tippen.
Von Meinrad Müller
Bombenstimmung kann teuer werden
Wer schreibt, auf Omas Geburtstag habe Bombenstimmung geherrscht, meint Kaffee, Kuchen und den dritten Eierlikör. Die Zensurmaschine liest jedoch das Wort Bombe. Schon beginnt der Rechner zu arbeiten, rote Lampen gehen an und die Sachbearbeiter werden nervös.
Noch gefährlicher ist der Satz, man wolle den Laden in Berlin endlich in die Luft jagen. Der Rentner meint damit meist nur seine schlechte Laune beim Blick auf die Stromrechnung. Die Zensurrechner könnten das aber als Terror verstehen.
Dann droht womöglich morgens um sechs Besuch. Der Kommentarschreiber steht noch im Bademantel im Flur und versucht zu erklären, dass er lediglich bildlich gesprochen habe.
Radikaler Rasen unter Beobachtung
Auch das Wort radikal sollte vermieden werden. Ein Rentner, der seinen Rasen radikal gekürzt hat, denkt an seinen Rasenmäher. Der Zensurrechner könnte darin aber eine politische Haltung erkennen, wie zum Beispiel radikal links. Und das ist gefährlich.
Scharfer Senf ist ebenfalls heikel. Der Mensch denkt an Bratwurst, die Maschine womöglich an ein scharfes Messer. Auch ein Foto sollte man nicht mehr „schießen“. Das klingt zwar harmlos, aber „schießen“ ist ein gesperrtes Wort.
Besser wäre: Der Rasen wurde stark gekürzt, der Senf war kräftig und das Bild wurde aufgenommen. So bleiben Rechner, Staatsanwälte und Streifenwagen im energiesparenden Ruhezustand.
Haftplätze belasten den Haushalt
Eine falsche Formulierung kann für den Staat teuer werden. Der verdächtige Rentner muss womöglich transportiert, verhört, bewacht, untergebracht und verpflegt werden. Das kann sich hinziehen. Nur weil er „erledigen“ schrieb und dabei Wildschweine im Garten meinte.
Besonders bitter für den Staat ist, dass die staatliche Unterbringung sogar eine bessere Ernährung bieten muss. Wer von Grundsicherung oder Bürgergeld lebt, kann die empfohlene gesunde Ernährung zu Hause kaum bezahlen. In staatlicher Obhut gibt es immerhin regelmäßige Mahlzeiten, ein warmes Zimmer mit ÖRR-Bildungsfernsehen und vermutlich sogar einen bombastischen Nachtisch an Sonntagen.
Die Zensur zum eigenen Vorteil nutzen
Manche Rentner könnten absichtlich gegen die Sprachregeln verstoßen. Nicht aus politischem Widerstand, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Wer im Winter seine Bude nicht mehr heizen kann, schreibt einfach, die Regierung müsse endlich gesprengt werden. Gemeint hat er natürlich nur das politische Denkgebäude. Bis dieses Missverständnis geklärt ist, sitzt der Mann warm, bekommt drei Mahlzeiten und spart zu Hause Gas und Strom.
So könnte die Chatkontrolle am Ende mehr Strom und Geld verbrauchen als vorher. Und die fleißigen Kommentarschreiber hätten wenigstens nicht gefroren.
Das ist keine Rebellion. Das ist Altersvorsorge mit Bademantel.
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