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Türkei: Der anatolische Tiger macht Ärger | Drucken |
21.06.2010

Marshall Auerback, Mitglied der “Economists for Peace and Security“, widmet sich den wachsenden Spannungen zwischen den einstmals engen Verbündeten Türkei und Israel. Er sieht einen “gefährlichen Konflikt, der schnell ausser Kontrolle geraten könnte“ wie die Situation am Vorabend des Ersten Weltkriegs.


Von Marshall Auerback, Übersetzung aus dem Englischen: Lars Schall

Die Türkei mausert sich langsam, aber sicher zu einem wahrscheinlichen Kandidaten einer zukünftigen Großmacht. Sie besitzt die siebzehntgrößte Wirtschaft der Welt und besitzt laut Goldman Sachs eine gute Chance, im Jahre 2050 zur Top Ten zu gehören. Ihre wirtschaftliche Stärke ist zudem nach jahrzehntelanger NATO-Hilfe gut abgesichert, so dass das türkische Militär einen regionalen Machtfaktor darstellt. Ein anderes Element ihres wachsenden Einflusses: sie besitzt große Wasserreserven.

Das ist jene Ressource, die als erste zur Neige gehen dürfte (ungefähr 2045 – 50, gemäß gängigen Bevölkerungsmodellen).

Obwohl die Türkei für gewöhnlich nicht im kollektiven Bewusstsein der Welt auf ähnliche Weise figuriert wie das beispielsweise für China gilt, zwingen uns die derzeitigen Ereignisse im Mittleren Osten dazu, den Blick auf den wieder erstarkenden Anatolischen Tiger zu werfen.

Allein im letzten Monat bewirkte die türkische Vermittlerrolle beinahe einen Durchbruch in der Krise rund ums iranische Atomprogramm und Ankara unterstützte die Flotte, die kürzlich Israels Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen versuchte. Mit solchen und weniger bekannten Interventionen, tritt die Türkei aus dem Schatten heraus und ist drauf und dran, den Platz ihres Vorgängers, des Osmanischen Reichs, auf der Weltbühne einzunehmen. Allerdings haben sie eine Reaktion Israels heraufbeschworen.

Man denke einmal über diese Argumentationskette nach, die ich in meinen Gedanken bewegte:

1. Wird Israel oder die Türkei einlenken?

Meine Vermutung ist, dass Netanjahus Regierung zusammenstürzen würde, sollte er auch nur hinter geschlossenen Türen ein „Einlenken“ erwägen. Ich denke, diese rigide Haltung macht die Situation gefährlich im Sinne einer möglichen katastrophalen Eskalation. Erdogan (und seine Regierung) ist sehr vorsichtig, geduldig, listig und entschlossen. Ich denke nicht, dass ihre Aktion leichtfertig oder durch Leidenschaft unternommen worden war. Und er ist ein Türke, was nichts zu bedeuten hat, es sei denn Sturheit.

2. Kann eine dritte Kraft die Krise zerstreuen?

Irgend jemand muss eine Abkühlungsphase vorschlagen, aber ich sehe nirgends eine Person oder Organisation, die diese Art von Einfluß innehat, außer vielleicht die AIPAC-Führung (d. h., wenn sie Netanjahu klarmachen wollte, dass er einlenken muss, um Amerikas Unterstützung beizubehalten – was freilich nicht geschehen wird). Welche „große Macht“ könnte die Situation stabilisieren? Hier ist meine Interpretation dieser Frage: die EU ist, bewirkt durch ihre Krise, ganz in sich gekehrt, und besitzt womöglich ohnehin zuviel Ballast, um Israel zum Einlenken bewegen zu können. Obama, der vielleicht die richtigen Instinkte besitzt, aber schwachen Willens ist, ist auch zunehmend durch seine eigenen ausufernden innenpolitischen, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme ganz nach innen gekehrt. Wir haben meines Erachtens nach alles unternommen, um Russland zu marginalisieren, so dass ich hier wenig Anlass zur Hoffnung sehe (obgleich die Situation für Putin – dem womöglich fähigsten Politiker auf dem internationalen Parkett – eigentlich maßgeschneidert ist, um einzugreifen). China ist kein Beteiligter bei diesem Thema und könnte von einer Eruption sogar profitieren.

3. Zugleich haben wir es hier mit einem Konflikt zutun, der gefährliche strukturelle Ungleichgewichte aufweist. Die eine Seite steht zunehmend isoliert da und diese Seite ist die einzige mit Atomwaffen. Darüber hinaus bewirkt die Ideologie dieser einen Seite, dass sie 1. ) zu einem präventiven Angriff vorbestimmt ist, und 2.) nur das sehen möchte, was sie sehen will, weil ihre Wahrnehmung von den Werten einer selbstgerechten Paranoia bestimmt wird, um gar nicht erst von einem Masada-Komplex zu sprechen. Die andere Seite dagegen ist viel mehr kalkulierend, vorsichtig, starrköpfig und sich im Glauben wähnend, im moralischen Recht zu sein, sowohl innenpolitisch als auch international. Meiner Ansicht nach ist die Annahme der Türkei näher an der Realität dran als Israels, aber am Ende ist es egal, ob die Annahme der Türkei richtig ist, es zählt einzig und allein, was die Türkei glaubt.

Mein Fazit: In Anbetracht dieser widerstreitenden moralischen Anschauungen sehen wir uns mit einem höchst gefährlichen Konflikt konfrontiert, der sehr schnell außer Kontrolle geraten könnte à la Erster Weltkrieg, in dem es keine Großmacht wagt, ob der sich entfaltenden Konfliktbewegungen, die ihre ganz eigenen Opfer fordern könnten, mäßigend einzugreifen.

www.chaostheorien.de

englischer Originalartikel

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