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Auswandern?
26.08.2012

Immer mehr Menschen treten die Flucht an und suchen Auswanderungs-Informationen. Die Flucht vor einer Krise, welche nicht nur das Vermögen betrifft, sondern bis tief in die gesellschaftliche Grundordnung reichen kann, ja sie sogar zerrüttet. Wenn das Geldsystem bricht, bricht auch die öffentliche Ordnung. Sollte man deshalb an Auswanderung denken? Oder drohen woanders noch größere Gefahren?

 

von Konrad Sammler

Im Folgenden erlaube ich mir einige Gedanken zur Auswanderung, um möglichen Krisenfolgen zu entgehen. Die Weltwirtschaftskrise wird noch mehrere Jahre andauern und dabei immer schärfere Formen annehmen, die durchaus auch bei uns bis zu Hunger in breiten Bevölkerungsschichten und Gewaltausbrüchen reichen KÖNNEN. Ich sage „KÖNNEN“ und nicht werden, denn ich bin Optimist. Wenn sie nun glauben, den negativen Entwicklungen nur durch Auswanderung entgehen zu können, möchte ich ihnen aus meiner Sicht einige Rechercheansätze nennen. Englischsprachige Länder und EU spare ich aus.

 

Informationsangebote gibt es viele: Ratgeber und Blogs von und für Auswanderer, deutsche Auslandszeitungen, gemeinnützige Organisationen, Botschaften mit aktuellen Anforderungen und einige TV-Serien. Diese Auswanderer-Sendungen führen oft eine erschreckende Naivität vor, unterhaltsam für den schadenfrohen Zuschauer, bitter für die Betroffenen die zum Schaden noch den Spott der Daheimgebliebenen haben. Letztlich sind das aber typische Auswandererprobleme, auch ohne Krise.

 

Was Fremde bei Hyperinflation, Mangel und Gewaltausbrüchen zu erwarten haben, wird nirgendwo beschrieben, obwohl es Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit gibt. Positiv wird meist die menschliche Komponente behandelt und der Raum für Eigeninitiative, denn kein Auswanderer stellt sich gerne als vereinsamter Verlierer dar. Selten werden Alltagskriminalität, Behördenschikanen und Unzuverlässigkeit angedeutet. Das ist schon für Gäste ärgerlich, aber als Resident verliert man Zeit und Geld und kann z.B. einen Auftrag nicht korrekt beenden und da wird es ggf. existenzgefährdend.

 

Kommerzielle Angebote im Internet reichen vom Greencard-Lotterie-Helfer, über Immobilienmakler, professionelle Jobvermittler und auf Visa-Recht spezialisierte Anwälte bis zu Ortsansässigen, die schlicht ihre Pension in der Pampa auslasten wollen. Mehr als Anwaltslizenzen oder andere formale Qualifikationen zählen nachprüfbare Referenzen, die sie bei ihrer ersten Erkundungsreise prüfen müssen. Wer ihnen keine konkreten Namen nennen will sollte gleich aussortiert werden. Das sind dann oft nur deutschsprachige Vermieter, deren Hilfe in der Weitergabe des örtlichen Immobilienteils besteht. Suchen sie die genannten Kunden auf und fragen sie ausführlich nach gemachten Erfahrungen. Daß sie nach diesen Gesprächen vielleicht auf das kommerzielle Angebot verzichten zu können glauben, ist ein Risiko was Helfer mit „echtem“ know-how eingehen werden.

 

Die Abzocke von Einwanderern durch die Gauner der Hafenviertel und durch gescheiterte Landsleute gab es schon immer. Seien sie also nicht empört, suchen sie weiter.

Kriterien und Ansätze für ihre Recherche (sehr unvollständige und subjektive Aufzählung):


Das Ziel der Auswanderung muß unter Krisenbedingungen anders als in normalen Zeiten beurteilt werden. Nicht schöne Natur, geringe Steuern und wenig Einschränkungen, sondern persönliche Sicherheit und Einkommensmöglichkeiten stehen im Vordergrund.


Gibt es dort nicht-integrierte Einwanderer bzw. sind Armutsflüchtlinge zu erwarten? Damit fallen aus: Die Ballungsräume vieler Industriestaaten mit ihren Ghettos und der Mittelmeerraum mit seinen schon heute nur mühsam zu stoppenden Bootsflüchtlingen.


„Hinterwäldlergegenden“ Nordamerikas sind gut falls man bereits eine Greecard hat. Dort wird es überall Restriktionen und Mißtrauen gegenüber Fremden geben, aber auch einen organisierten Selbstschutz bewaffneter Bürger.


 

Südamerika ist gefährlich

Gegenden in Südamerika mit deutschsprachiger Einwanderertradition (z.B. St. Katarina in Brasilien) sind natürlich den Indiostaaten oder Ballungsräumen mit schon heute hoher Kriminalität vorzuziehen. Aber selbst der ländliche Raum von Argentinien soll während des Währungszusammenbruchs kreuzgefährlich gewesen sein und in Chile brauchte man nach dem Tsunami die Armee, um Plünderungen zu stoppen. In länger dauernden Notzeiten wird dort möglicherweise die einheimische Oligarchie und „Gringos“ ausgeraubt werden oder von Generalen als Sündenbock ausgesucht.

 

Asien

In den asiatischen Ländern ist zwingend auf ethnische, religiöse und politische Konfliktpotentiale zu achten, u.a. zwischen chinesischen (christlichen) Minderheiten, einheimischen Moslems, Hindus usw.

 

Gibt es in der Nähe eine gewaltbereite Stadtbevölkerung? Ist dieser ländliche Ort von sozialen Brennpunkten und Hauptverkehrsadern abgelegen und ließe sich der Zugang notfalls erschweren? Abseits militärisch relevanter Ziele (auch Industrieanlagen, Ölfelder, Häfen) zu wohnen, ist wichtig, weil diese von Banditen bedroht werden könnten. Da die Staatsmacht erodieren wird, ist eine funktionierende, großräumige Nachbarschaft zwingend. Es gibt selbst aus dem Deutschland der Inflationszeit Berichte über Hamsterer die auf dem Land geplündert haben, mit Toten und vielen Verletzten.

 

Genießt „der Deutsche“ dort einen historisch guten Ruf? Denken sie an jüngste Äußerungen aus Tschechien, Griechenland oder an neueste Gesetze zum Schutz der ungarischen Minderheit in den Nachbarländern oder die diversen Balkankonflikte. Die Gespenster der Vergangenheit bis zurück ins 19. Jahrhundert sind präsent, werden politisch instrumentalisiert und das zukünftig noch mehr.

 

War ihr Zielland in den letzten Kriegen ein Verbündeter, ein Feind oder neutral? Ist ihr Zielland kurz vor Schluß der Anti-Hitler-Koalition beigetreten, um dann Firmen und Privatpersonen (oft seit Generationen dort Staatsbürger) zu enteignen? Gab es dort während des II. WK Internierungen und Verfolgungen feindlicher Staatsbürger, inklusive der deutschen Emigranten? Ebenso wie unser Bild von Brasilien, Australien oder Thailand meist touristisch oberflächlich ist, unterliegt auch das Bild der Deutschen vielfältigen Klischees. Frühere Einwanderer oder Forschungsreisende (Humboldt in Südamerika), Produkte Made in Germany, selten persönliche Begegnungen, die Darstellung als Nazi in den weltbeherrschenden Hollywood-Produktionen und Fußball natürlich, haben einen Einfluß.

 

Klima und Ernährung

Kann die gewählte Gegend sich (teilweise) autonom ernähren und können sie dazu beitragen? Kommen sie mit dem Klima zurecht? Kann man bevor die Krise eskaliert von dort aus arbeiten oder eine tragfähige Existenz gründen? Letzteres ist bereits in vertrautem Umfeld schwer genug, in einem fremden Land ist es meist ungleich schwieriger. Wollen sie dort von Reisenden aus Industrieländern leben, in der Krise?

 

Sie sollten immer unternehmerisch tätig sein, denn Arbeiter oder kleine Angestellte leben recht schlecht und ein hoher Angestellter werden sie als Ausländer nur selten werden. Wenn doch, z.B. als vom Arbeitgeber entsandter Mitarbeiter, unterscheiden sich Hilfsmöglichkeiten und Einkommen signifikant von denen der Einwanderer. Sie werden mit Wohnung, Arbeitsvisa, vergleichsweise hohem Einkommen und Hilfestellung bei Kriminalität und Krankheit versorgt. Ihre interkulturellen Probleme sind gemildert und schlimmstenfalls werden sie zurückbeordert.


Tipps und Tricks

Um den hiesigen Lebensstandard eines Ingenieurs (Nettolohn, Sozialleistungen, europäische Infrastruktur inklusive allgemeine Sicherheit) zu haben, müssen sie in den meisten Schwellenländern Inhaber eines Betriebes mit etlichen Angestellten sein. Ein qualifizierter Angestellter kann viel eher jemanden aus dem Landesinneren beschäftigen, als sich eine moderne Küche einrichten.


Wie können sie dort ein passives Einkommen (z.B. Überweisungen aus ihrem geretteten Vermögen) realisieren, ohne ausgeplündert zu werden? Wie können sie dort ihr EM einführen und verkaufen? Wenn sie keine Firma aufbauen können und nur ihre EM-Vorräte verbrauchen wollen, könnten sie eine Arbeit als Honorarkraft vortäuschen, z.B. für eine weit entfernte Firma, damit sie Neid, Kriminalität und korrupten Finanzpolizisten etwas besser ausweichen können.

 

Gibt es in ihrem Zielland bereits heute Rechtsunsicherheit, neigt man zu gewaltsamen Streiks und gibt es innere oder Grenzkonflikte? Manchmal werden Ihnen Geschichte und Machtwechsel in ihrem Zielland genauso klar erscheinen wie mir der Ablauf des 30jährigen Krieges. Sie werden kaum nach Kaschmir ziehen wollen, aber bei einiger Recherche feststellen, wie präsent überall auf der Welt lange zurückliegende Kriege sind, durch gehässige Bemerkungen im Volk und staatliche Propaganda.

 

Eines von sehr vielen Beispielen: Daß das Binnenland Bolivien eine Marine unterhält, ist für uns eine Anekdote, dort und in Chile aber seit 100 Jahren Teil der aktuellen Politik!


Landesgrenzen wurden oft am grünen Tisch von fremden Mächten festgelegt, woraus sich bereits vor der Krise Probleme wegen zerteilter Siedlungsgebiete, Zugang zum Meer, Lagerstätten von Öl und anderen Rohstoffen, Wasser-Diebstahl, Acker- und Weideland usw. ergaben.

 

Korruption kann billiger als Steuern und Abgaben sein, aber können sie persönlich damit umgehen? Vertragen sie die negativen Aspekte fremder Mentalitäten im Urlaub?


Staaten können zerfallen, Regierungsformen wechseln und eine sogenannte parlamentarische Demokratie ist lange noch kein Garant für Rechtsstaatlichkeit im europäischen Sinne. Natürlich kann man unter einer Diktatur leben, auch in Nordkorea verlieben sich Menschen und bekommen Kinder. Südamerika und Asien sind während jahrzehntelangen, korrupten Diktaturen nicht ausgestorben, ganz im Gegenteil.

 

In der Krise wird niemand für ihre Unverfrorenheit bezahlen, so wie heute für Geiseln im Jemen oder für Straftäter, die in Südostasien im Gefängnis diplomatisch betreut werden.


Wenn sie in Länder außerhalb des westlichen Wertesystems gehen wollen, sollten sie politische Aktivitäten vermeiden, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. Erstens weil es lebensgefährlich werden kann, zweitens weil ihre wirtschaftlichen Grundlagen Vorrang haben und drittens weil das „innere Angelegenheiten“ sind und sie sind Ausländer und werden das lebenslang bleiben. Sich in Kanada für die „First Nations“ zu engagieren oder in Norwegen gegen den Walfang, ist nicht das Gleiche wie „Gutmenschenanliegen“ in Schwellenländern oder gar der 3. Welt zu verfolgen. Auch stabil wirkende Länder können in kurzer Frist „umkippen“ und in Konflikten kommen schnell Chauvinismus und Konkurrenzneid hervor und als politisch aktiver Mensch stehen sie ganz oben auf der schwarzen Liste.


Praxistest

Ist man als Fremder/Weißer dort wenn man nicht zur Last fällt willkommen oder geduldet? Fragen sie Leute, die dort hingezogen sind und multiplizieren sie deren Schwierigkeiten mit dem Faktor „Krise“.

 

Wie sind Aussteiger-Siedlungen zu beurteilen? Wo es billiges Land und leere Gebäude gibt, lassen sich manchmal landwirtschaftlich ausgerichtete Aussteiger nieder, das kann sich bei verknappten Treibstoff/Dünger als Vorteil erweisen. - Es kann sich aber auch zur totalitären Sekte auswachsen. Wohnen sie dort zur Probe, Besuche reichen keinesfalls! Mehrmalige, längere Aufenthalte vor Ort sollten unbedingt ihre Recherchen ergänzen.

 

Manchmal hilft es, auf einer Zeitleiste einzutragen: Wie lange herrschte in den letzten Hundert Jahren dort eine relative Sicherheit vor der Willkür durch Staatsbeamte, politische Banditen und organisierte Kriminalität der brutalsten Sorte? (Dabei kommt übrigens auch Europa nicht besonders gut weg!) In seinem Auswanderungsziel sollte man nicht zwingend ganztägig auf Stacheldraht, Schußwaffen oder bewaffnete Helfer angewiesen sein, es sollte sichere Enklaven geben.

 

Prüfen sie auf einer ersten Touristenreise die Preise für ihren Lebensunterhalt und ihre Pläne: Mieten, Lebensmittel, Importgüter (besonders Ersatzteile!), Investitionsgüter, Fahrzeuge, sowie Dienstleistungen wie Arztbehandlung, Schule, Anwalt, Transportkosten, Telefon/DSL. Und natürlich den örtlichen Wettbewerb: Haben sie dort eine Alleinstellung oder wollen sie in China eine Schneiderei eröffnen?

 

Erfragen sie fließend in der Landessprache Steuern, Lizenzen zur Berufsausübung, Gesetze und mögliche Strafen für Delikte, die sie betreffen könnten: Verkehrsdelikte (egal ob in der Praxis cash geregelt), Importzölle, Devisen-Verstöße (inklusive des Umgangs mit ihren EM), Waffenrecht, Anti-Rassismus- Gesetze, Gewerkschaftsprobleme, Körperverletzung (Landen sie nach der Selbstverteidigung gegenüber Kriminellen erstmal für Wochen hinter Gitter, während „draußen“ alles den Bach runtergeht?).

 

Und natürlich Kosten und Fristen für Arbeits- und Dauervisa und Staatsbürgerschaftsrecht.

Meistens gibt es Aufenthaltsgenehmigungen für gesuchte Berufe ebenso wie für Leute mit Vermögen bzw. festem Einkommen aus dem Ausland. Einen Rest EM sollten sie jedoch immer geheimhalten.

 


Haben sie Kenntnisse un
d Ausbildungen, die ihnen notfalls wenigstens das Essen sichern?


Weniger hart könnte die Krise Schwellenländer mit großem Binnenmarkt treffen, wie z.B. Brasilien. Das bedeutet aber auch, sich als Produzent auf den weniger lukrativen Binnenmarkt zu konzentrieren.

Vom Auswandern in die „permanente Krise“ hinein (fast ganz Afrika usw.) rate ich ab.

 

Offizielle Hinweise sind oft geschönt. In Hinweisen der Außenhandelskammern und in spezialisierten Zeitschriften steht wegen diplomatischer Rücksichten oft Wichtiges zwischen den Zeilen, wie z.B. die Formulierung „und vergessen sie nicht den Geburtstag des Gouverneurs“. Auf deutsch also: Das ist eine durch und durch korrupte Bagage, die willkürlich Gesetze und Steuerrecht interpretieren und deswegen die geplante Investition um ein Mehrfaches verteuern kann.

 

Wichtige Erst-Informationen erlangen sie oft von ihrem Sessel aus. Lesen sie die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, auch jene, die Nachbarländer betreffen.
Sollten sie von tollen Möglichkeiten in Kuba hören, lesen sie über die Kubaner an den Domino-Tischen der Calle Ocho, wie viel die auf ein von der Regierung Castro an einen Ausländer erteiltes Papier geben. Nochmals: Ein politischer Umbruch kann sie leicht zum Zielobjekt von Enteignungen und Gewalt machen.

 

Sprache und Mentalität

Sich völlig von seiner Kultur und Herkunft lösen zu wollen, ist Unfug. Der schöne Spruch: „Man nimmt sich selbst bei allen Umzügen mit.“ ist bei Auswanderern noch viel bedeutsamer. Zur Kultur ein interessanter Aspekt: Vergleichen sie bei ebay die Angebote in Nord- und Südamerika, Australien, Kanada mit Deutschland zu einem sie interessierenden Thema/Hobby.

 

Halten sie sich fern von Spinnern und Extremisten. In Südostasien werden manchmal solche Extrem- Aussteiger halbverhungert beim Meditieren im Urwald aufgegriffen und der Botschaft übergeben. Oberflächliche Sprachkenntnisse genügen nicht. Für einen dauerhaften Aufenthalt müssen sie in der örtlichen Sprache natürlich Gebrauchsanweisungen und gewisse juristische Formulierungen (Fahrprüfung, Zollformulare, Steuererklärung, Staatsbürgerschaftsprüfung) verstehen.

 

Die Bedeutung von „interkulturellen Fähigkeiten“ gewinnt in der Krise im Ausland besonderes Gewicht. Wie können sie (heute noch als Urlauber) mit Geldforderungen von korrupten Beamten, mit dreisten Betrügern umgehen?


Waren sie einmal auf eigene Faust längere Zeit in einem Land tätig? War das ein Land, wo man sich „im weitesten Sinne“ auf die Einhaltung von Verträgen, Absprachen und die Behörden verlassen konnte? Folgender Vorschlag: Versuchen sie in den hiesigen Parallelgesellschaften Geld mit arabischen oder türkischen Kunden zu verdienen. Selbst wenn sie niemals in diesen Kulturbereich auswandern wollen, sie lernen eine Menge über ihre eigenen Fähigkeiten und das relativ abgesichert.

 

Wartet dort jemand auf sie? Falls sie nicht zu Verwandten auswandern oder dort von ihren EM leben wollen (siehe oben), müssen sie den Bedarf für ihr Angebot unter Krisenbedingungen prüfen.


Bei Auslandsaufenthalten habe ich mich oft für die Möglichkeit interessiert, evtl. dort längere Zeit leben zu können. Wie vielen anderen auch, fielen mir Marktlücken und Defizite auf, eine technische Infrastruktur in manchmal gefährlichem Zustand. Aber existiert dort auch das Bedürfnis nach Konkurrenten, die die vorhandenen Anbieter vom Markt verdrängen? Nein, nur in ganz geringem Umfang, sagten mir Einheimische und Zugewanderte. Das wundert Auswanderer oft, daß auf ihre Angebote niemand eingeht, trotzdem der Bedarf „objektiv“ vorhanden ist - jedenfalls nach deutschen Maßstäben. Die werden aber dort als überzogen und unnötig empfunden und deutsche Hinweise auf Mißstände (Reparaturstau, mangelnde Qualität der Arbeit, Hygiene usw.) als Anmaßung.

 

Viele „Unmöglichkeiten“ könnten sogar Laien beheben, aber die Latinos kommen mit ihrer Infrastruktur klar, die Inder mit ihrer Hygiene und die Engländer nehmen den Zustand ihrer Wohnhäuser hin. Die Übertragung ihres Geschäftes auf ihr Auswanderungsland (in der Krise!) ist also genau zu prüfen.

 

Exit-Strategien

Wenn sie wirtschaftlich halbwegs etabliert sind (menschlich werden das erst ihre Kinder sein, vielleicht.) könnten sie Opfer von Stürmen und Erdbeben werden, auch indirekt z.B. durch Beschlagnahme von Fahrzeugen. Oder vielleicht zahlen Kunden nicht, oder EM werden geraubt, oder sie haben einen „simplen“ Autounfall. Hier ist das schlimm genug, aber nicht tödlich. Zwar gibt es überall auf der Welt Krankenhäuser auf dem Niveau eines deutschen Kreiskrankenhauses, aber u.U. benötigen sie einen Spezialisten. Dann sollten sie eine versteckte Reserve an EM und einen ausländischen Paß haben.

 

Da diese Krise alle Länder erreichen wird (sie sind der Hase, die Krise ist der Igel), sollten sie auch mit folgenden Problemen rechnen: verstärkte Armutswanderungen Millionen junger Männer auf der ganzen Welt, bei gleichzeitigen Verteilungskonflikten zwischen Zuwanderern und Einheimischen unter Gewaltanwendung (= Bürgerkriegen) und in der Folge vielleicht regionalen Konflikten.

 

Persönlich würde ich besser unter einer hiesigen Diktatur als unter einer in Thailand oder Argentinien zurechtkommen, denn hier verbindet mich mit einem Beamten Muttersprache und Mentalität. Anders als im Ausland, wie jeder schon in Süd- oder Osteuropa bei Behördenkontakten leicht erfahren kann.
Auf Krankenrücktransport, Rechtsschutz durch die Botschaft werden Auswanderer in der Krise oft verzichten müssen. Erstens weil in der Krise überall gespart wird und zweitens weil sie in vielen Ländern nur dauerhaft arbeiten und investieren können, wenn sie (Doppel-)Staatsbürger werden. Geben sie niemals ihren europäischen Paß ab oder schicken ihn gar mit einem kindischen Protestschreiben an die Regierung. Die Regierungen wechseln, die Heimat bleibt. Wichtig ist, daß die doppelte Staatsbürgerschaft erlaubt ist, damit sie ihren Heimat-Paß offiziell behalten können. Nochmals: Dokumente und etwas EM an einem sicheren Platz zu deponieren, wäre nicht verkehrt.

 

Trotz aller berechtigten Kritik an den derzeitigen Zuständen wird es sich nach meiner Überzeugung bei uns (D, A, CH) insgesamt immer noch besser ausgehen als in den meisten anderen Ländern. (...) Sprechen sie über die Verfolgung deutscher Minderheiten mit Auslandsdeutschen und bitten sie diese ausdrücklich darum, keine Rücksicht auf ihre „Empfindsamkeit“ zu nehmen. Was diese alten Herrschaften zu berichten haben, kann im Verlauf der Krise wiederkehren. Davor die Augen zu verschließen, wäre für einen Auswanderer töricht.

 

Wo wollen sie nach der Krise ihren Lebensabend verbringen? In ihrer Heimat, wo sie kulturell verwurzelt sind oder unter Fremden? Haben sie in den spanischen Rentner-Siedlungen den Inselkoller der Bewohner erlebt oder sich von ihm erzählen lassen? Denken sie einfach darüber nach.


Sind ihnen im Ausland deutsche Bettler, Lebenskünstler und Trickbetrüger begegnet, die sich häufig gezielt an Landsleute wenden? Für eine warme Mahlzeit (Brieftasche sichern!) erzählen die ihnen gerne, wie sie mit großen Hoffnungen und Startkapital ankamen und auf welchen Wegen sie an ihren jetzigen Platz geraten sind.

 

An alle Auswanderer in fernen Landen: Wie sind Ihre Erfahrungen? Bitte schreiben Sie Ihre Erlebnisse ins Kommentarsystem. Tipps und Tricks immer willkommen.


h - dein Beitrag hier

 

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