Nationalmannschaft trauen sie sich nicht mehr zu sagen. Folglich ist nur die Mannschaft ausgeschieden. Für viele fühlt es sich wie eine richtige Katastrophe an. Dabei hat sich im echten Leben nichts geändert. Der Kontostand ist derselbe, die Miete bleibt gleich. Der Chef ist weiter der Chef. Und der Alltag läuft ganz normal weiter.
Von Meinrad Müller
Warum wir eigentlich mitfiebern
Wir sehen in diesen elf Spielern unsere Stellvertreter. Sie tragen das Trikot mit dem Bundesadler. Sie spielen für Deutschland. Wenn sie gewinnen, gewinnen wir alle mit. Wenn sie verlieren, verlieren wir mit. Für ein paar Wochen sind sie unsere Helden. Sie sind unsere Kämpfer. Sie sind unser Stolz. Unsere eigenen Gefühle werden damit gesteuert und verführt. Wichtige Dinge in der Politik können wir für einen kurzen Augenblick ausblenden. Und das ist gut so.
Gemeinsam fühlen in guten wie in schlechten Tagen
Fußball ist heute viel mehr als nur Sport. Er gibt uns das Gefühl von Zusammengehörigkeit, was in einer gespaltenen Gesellschaft selten geworden ist. Wir hängen Fahnen an den Balkon, dort wo es erlaubt ist. Wir kleben kleine Fähnchen ans Auto, wo diese nicht abgerissen werden. Daher fühlen wir uns für kurze Zeit als Teil von etwas Größerem. Gemeinsam jubeln wir und gemeinsam leiden wir. Gemeinsam hoffen wir. Das verbindet Sportbegeisterte wie im Traum. Niemand fragt nach Gesinnung und Haltung.
Nationales Drama muss nicht sein
Trotzdem wird aus jedem Ausscheiden ein riesiges nationales Drama gemacht. Fühlen wir uns etwa gar erniedrigt? Medien, Sponsoren und Verbände profitieren stark von unserem Mitmachen. Je stärker die Gefühle sind, desto länger schauen wir Fernsehen. Desto mehr Werbung sehen wir. Desto mehr Trikots und Fanartikel werden verkauft. Die Emotionen von uns Fans sind bares Geld. Deshalb heizen alle Seiten das Fieber immer weiter an.
Und das Ausscheiden war für manchen Politiker Anlass, erst richtig ins Fettnäpfchen zu treten.
Meinrad Müller Blog: www.info333.de/p



