Und wieder ist ein Jahr vorbei und warst du, mein Freund, dabei? Ich sehe Dein Gesicht und kann es nicht deuten.
Von Meinrad Müller
Vielleicht stimmt meine Beobachtung, vielleicht auch nicht. Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Und von meinem Haus aus konnte ich oft sehen, wie in deinem Arbeitszimmer nachts um drei noch das Licht brannte. Und jetzt sagt das Jahr zum Abschied leise Servus, wie ein Gast, der seinen Mantel nimmt und leise die Tür hinter sich schließt.
Kalle, na, wie lief es denn so an der Börse? Was hast du gemacht, was erlebt, was erhofft? Ich sah dich oft nur, wie du im Garten auf und ab gingest. Ich sah immer nur deine wechselhafte Stimmung, mehr nicht. Ich sah dich schweigend dastehen, als wäre dir etwas aus der Hand geglitten, ohne dass du sagen konntest, wann es passiert ist. Dein Blick war gesenkt, dein Körper leicht nach vorne gebeugt, als würdest du im Rasen nach Antworten suchen, die dort nie liegen. Und ich sah dich am nächsten Tag wieder, pfeifend, auf und ab gehend, die Hände in den Taschen, dein Gang leicht, fast beschwingt, als hätte sich alles geklärt oder zumindest für heute erledigt.
Ich wusste nie genau, was du da eigentlich genau machst. Roulette oder Börse. Von außen ist das kaum zu unterscheiden. Ich sah keine Zahlen, keine Depots, keine Erklärungen. Ich sah nur deine Reaktionen, deine Stille nach einem schlechten Tag, dieses auffällige Pfeifen nach einem guten. Und dazwischen deine Hoffnung und deine Vorsicht, nach Abenden, an denen du zu lange auf den Bildschirm geschaut hast.
Manchmal sah ich dich morgens deine Zeitung aus dem Kasten am Gartentor holen. Du wusstest offenbar schon, was drinstand. Und manchmal bist du nach deiner Rückkehr vom Dienst noch länger als nötig im Auto sitzen geblieben, vielleicht brauchtest du die Ruhe. Der Motor war längst aus, als müsstest du erst wieder bei dir ankommen, bevor du die Haustür öffnest. Ich sah es von meinem Schreibtisch aus. Was ein Jahr mit dir so machte, habe ich mitbekommen, ob ich wollte oder nicht.
Denn am Ende eines Jahres zeigt sich nicht, welche Aktien du gehandelt hast. Es zeigt sich, was es mit dir gemacht hat. Ein Jahr hinterlässt Spuren, nicht nur im Kontoauszug, sondern im Gang, im Blick, in der Art, wie jemand innehält, wie er schweigt, wie er pfeift. Manche Jahre machen hastig, andere machen vorsichtig, und manche nehmen Tempo heraus. Sie zwingen einen nicht, sie lehren leise.
Die Quittung liegt nicht auf dem Tisch. Sie liegt in unserem Inneren, in unserer Ruhe oder Unruhe, im Drang, sofort weiterzumachen. Ich sah dich neulich wieder pfeifend, aber anders als früher, leiser, ohne Übermut, fast beiläufig. Das Pfeifen eines Menschen, der weiß, dass er nicht alles weiß und genau deshalb weiter ist als vor einem Jahr.
Wenn das die Quittung ist, dann war dieses Jahr nicht umsonst.
Jesse Livermore, 5 Minuten
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