Ich habe ein persönliches Verhältnis zu diesem Land: 1980 und 1981 war geschäftlich in Toronto. Ich habe die Kanadier als gutherzige, freundliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt – eine Eigenschaft, die man bis heute spürt.
Von Meinrad Müller
Mit über drei Millionen Kanadiern, die deutsche Vorfahren haben, fühle ich mich diesem Land auch historisch verbunden. Kanadier stellen sich immer wieder auf die Hinterbeine und wollen nicht der Dackel neben der Dogge USA sein.
Genau deshalb kann ich den aktuellen Reflex gut verstehen. Wenn der große Nachbar im Süden wieder mit Zöllen droht und man sich wirtschaftlich wie der kleine Bruder vorkommt, dann liegt der Ruf „Jetzt kaufen wir eben kanadisch!“ (Buy Canadian) nahe. Premierminister Mark Carney hat daraus eine regelrechte nationale Kampagne gemacht.
Und ehrlich: Ein Stück weit ist dieser Stolz sympathisch. Niemand lässt sich gerne erpressen. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Hinter der Ahornsirup-Romantik und den patriotischen Regalen steckt leider mehr Wunschdenken als harte wirtschaftliche Realität.
Das 77-Cent-Drama
Carney sagte: „Die Zeiten, in denen wir 77 Cent von jedem Dollar in die USA geschickt haben, sind vorbei.“ Der Satz kam gut an – er bedient genau das Gefühl vieler Kanadier, zu sehr von Washington abhängig zu sein. Vor allem im Verteidigungsbereich ist diese Abhängigkeit tatsächlich groß. Nur: Sobald es ernst wird, braucht Kanada genau diese amerikanischen Lieferketten, Ersatzteile und Technologie. Mit reiner Willenskraft und Ahornsirup lässt sich kein modernes Militär aufbauen.
Der leere Warenkorb
Kanada ist Rohstoffriese – Öl, Weizen, Holz, Kali. Respekt. Aber ein Land mit 40 Millionen Einwohnern kann einfach nicht die Produktvielfalt eines 330-Millionen-Marktes ersetzen. Wer ernsthaft auf „Buy Canadian“ macht, merkt das spätestens beim nächsten Handy, beim Auto oder bei bestimmten Medikamenten. Dann heißt es: entweder deutlich tiefer in die Tasche greifen oder verzichten. Der patriotische Schwung am Supermarktregal hält meist nur so lange, bis der Alltag zurückkehrt.
Teurer Protektionismus
Das Montreal Economic Institute hat ausgerechnet, dass die Bevorzugung kanadischer Firmen bei Staatsaufträgen die Steuerzahler teuer zu stehen kommen könnte – mehrere Milliarden pro Jahr. Klassischer Protektionismus eben: Kurzfristig fühlt es sich gut an, langfristig leidet Innovation, Wettbewerb und der Geldbeutel des Normalbürgers.
„Buy Canadian“ ist eine verständliche Trotzreaktion
Es gibt ein schönes nationales Gefühl. Aber als ernsthaftes Wirtschaftsmodell für das 21. Jahrhundert taugt es nicht. Kanada ist zu klein, zu rohstofflastig und zu stark in globale Lieferketten eingebunden, um sich glaubwürdig abzukapseln. Am Ende zahlt der kanadische Bürger die Rechnung für diese schöne Illusion von Unabhängigkeit.
Das kanadische Modell im Gesundheitsbereich
Hier zeigt sich auch ein entscheidender Vorteil des kanadischen Weges gegenüber dem US-System: Während Amerikaner bei schweren Erkrankungen oft vor dem finanziellen Ruin stehen, sichert das staatlich finanzierte Modell in Kanada jedem Bürger den Zugang zur medizinischen Versorgung. Trotz bürokratischer Hürden und Wartezeiten bietet dieses System eine soziale Fallhöhe, die in den USA fehlt.
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