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BCG: Enteignung als Krisen-Lösung | Drucken |
18.11.2011

Mit einem abenteuerlichen aber ernstgemeinten Vorschlag will die Boston Consulting Group die Schuldenkrise lösen: durch Enteignung der privaten Sparvermögen. Insgesamt verfügen die privaten Haushalte in der Eurozone über ein Vermögen von 18 Billionen EUR. Würde man ihnen ein Drittel davon abnehmen, dann wäre das Schuldenproblem gelöst.

 

von Roland Klaus

Im alten Mesopotamien war die Sache mit den Schulden noch vergleichsweise einfach. Sie wurden auf Tontafeln aufgezeichnet. Mit jedem neuen Herrscher bekam die Bevölkerung die Verbindlichkeiten erlassen. Das war praktisch, weil man damit der Schuldenspirale entging. Denn Kredite kosten Zinsen. Diese führen zu neuen Schulden und zu neuen Zinsen.

Nun leben wir aber nicht mehr im alten Mesopotamien, was die Sache zumindest in Bezug auf die Schulden um einiges erschwert. Die Regierungen der Euroländer – und nicht nur die – können ein Lied darüber singen.

Die Unternehmensberater von Boston Consulting haben sich die Sache nun auch einmal näher angeschaut. Und es ist hoch interessant, was die Autoren in ihrem Bericht „Back to Mesopotamia“ (Zurück nach Mesopotamien) schreiben. Sie schauen sich das Schuldenproblem der Staaten nämlich nicht isoliert an. Stattdessen untersuchen sie sowohl die Schulden der Regierungen als auch der privaten Haushalte und der Unternehmen (ohne die Finanzbranche) - und zwar für jedes Land der Eurozone. Sie unterstellen, dass jeder dieser Sektoren jeweils eine Schuldenbelastung von 60 Prozent des BIP stemmen kann. Das wären also insgesamt 180 Prozent pro Land. Die Zahl ist zwar willkürlich gewählt, aber sie erscheint nachvollziehbar, immerhin entspricht sie auch dem Wert, der einst für die Staatsverschuldung in den Maastricht-Verträgen stand.

Diesem Zielwert von dreimal 60 Prozent des BIP stellen die Autoren die Realität gegenüber. Und siehe da: Die Abweichungen sind erheblich. Alleine in Italien ist die Verschuldung um mehr als 800 Milliarden EUR zu hoch, in Spanien sind es 1000 Milliarden EUR, aber auch der vermeintliche Musterknabe Deutschland liegt mehr als 500 Milliarden EUR über dem Zielbereich. In der gesamten Eurozone summiert sich der Schuldenüberhang auf mehr als sechs Billionen EUR.


Sechs Billionen Euro werden also gesucht, um das Schuldenkarussell wieder einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen. Eine Möglichkeit, so Boston Consulting, sei die Besteuerung der privaten Vermögen. Die Berater rechnen mit spitzem Bleistift nach. Insgesamt verfügen die privaten Haushalte in der Eurozone über ein Vermögen von 18 Billionen EUR. Würde man ein Drittel davon „wegbesteuern“, dann hätte man das Schuldenproblem gelöst.

Auf nationaler Ebene sehen die Zahlen wesentlich uneinheitlicher aus. In Deutschland wäre es ausreichend, 11 Prozent zu verstaatlichen. In Griechenland müsste es schon mehr als die Hälfte sein und in Irland würde noch nicht einmal das komplette private Vermögen ausreichen, um die Schuldenlast wieder ins Gleichgewicht zu bringen.


Wir wissen nicht, ob die Berater von Boston Consulting ein offizielles Mandat der Politik haben, um an einer Lösung des Schuldenproblems zu arbeiten. Vielleicht schreiben sie ja auch nur, was die Politiker sich (noch) nicht zu sagen trauen. Auf jeden Fall skizzieren sie einen der wenigen theoretisch denkbaren Wege: Vermögens- und Substanzbesteuerung in erheblichem Maße bis hin zur teilweisen Enteignung.  

Dumm nur, dass viele Bürger bei einem solchen Vorgehen wohl kaum stillhalten werden. Kapitalflucht, wie wir sie bereits in Griechenland und Italien sehen, würde sicherlich massiv zunehmen, wenn solche Pläne sich konkretisieren. Eine Auswanderungswelle der Reichen und der Leistungsträger dürfte folgen. Sollte die Politik also wirklich in diese Richtung denken, dann hätten die Pläne vermutlich nur dann eine Chance, wenn sie rigoros umgesetzt werden würden: schnell, breit angelegt und ohne Chance auf Schlupflöcher. Es wäre das genaue Gegenteil der Schuldenstreichung im alten Mesopotamien – es wäre der größte Diebstahl der Geschichte.

Über den Autor:
Roland Klaus arbeitet als freier Journalist und Analyst in Frankfurt am Main. Für n-tv, N24 und den amerikanischen Finanzsender CNBC berichtete er von der Frankfurter Börse. In seinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ entwirft er eine Analyse der Schuldenkrise und liefert Ratschläge, wie man sich auf die entstehenden Risiken einstellen kann. Sie erreichen Ihn unter:

www.wirtschaftliche-selbstverteidigung.de


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