Geld und Magie - Ökonomische Deutung von Goethes Faust

    „Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff es denn!“ - In seinem Buch "Geld und Magie" interpretiert Prof. Hans Christoph Binswanger Goethes Faust ökomomisch: In Faust II wird die Schaffung eines Geldsystems mit all seinen Folgen beschrieben. - Faust als Repräsentant der „Tragödie Mensch“ endet im Chaos seiner Egomanie.

    Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust

     

    Geld und Magie
    Die ökonomische Deutung von Goethes Faust

    Autor: Prof. Hans Christoph Binswanger

    Rezension: Hans-Jörg Müllenmeister



    Der Nationalökonom Hans Christoph Binswanger bewegt sich im Zauberreich der Sprache und Phantasie in Goethes Faust mit forschend-sozialökonomischem Spürsinn. Dabei hebt und interpretiert er als Schatz den Stein der Weisen, den Katalysator alchemistischer Wertschöpfung: das Mittel zur Kreation künstlichen Goldes.

    Die Idee der Papiergeldschöpfung beginnt im Faust II am Kaiserhof. Dieser Zaubertrick Mephistos zur Geldnotenausgabe ist durch die nicht gehobenen Bodenschätze „gedeckt“ und durch die kaiserliche Unterschrift legalisiert. Indes entpuppt sich die wundersame Geldvermehrung, die „Chymisterie“, später als mephistophelisches Blendwerk: Die Illiquidität der Bodenschätze wird durch die Liquidität des umlaufenden Papiergeldes sprunghaft gesteigert. Die imaginäre Goldquelle nimmt reale Züge an, denn dahinter steckt im Drama die Autorität des Kaisers. Übertragen auf heute heisst das, solange alle „Marktteilnehmer“ an diese Papier-Scheinwerte glauben, funktioniert der Markt.

    Erstaunlich, welche Luftschlösser sich durch Papiergeld und Manipulation von Wirtschaftsdaten auftürmen lassen. Welch eine moderne Parallele zu Faust II: hier der König mit Mephisto als seinen Hofnarren, und da das Traumpaar Obama und Bernanke im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten des Fiat money. Mit dem „Papiergespenst der Gulden“ - beginnt das Drama der Wirtschaft. Zur Papiergeldschöpfung der Privatbank „Faust-Mephisto AG“ gibt es unverkennbar eine historische Parallele, nämlich das gescheiterte Geldexperiment des Schotten John Law von 1720 am französischen Hofe: dieser angeheuerte Glücksspieler und brillante Kopfrechner trieb die „Entgoldung“ des Geldes zu rasch voran. Das führte zum Aktiensturz des Mississippi-Projekts, zur Inflation und zuletzt zur Annahmeverweigerung des Papiergeldes.

    Goethe, der nicht nur genialer Literat war, sondern auch Wirtschaftsminister am Hofe in Weimar, beschäftigte sich intensiv mit ökonomischen Theorien. Neben der Arbeitsleistung sah er drei Grundelemente der modernen erfolgreichen Wirtschaft: die Papiergeldschöpfung, ein neues Eigentumsrecht und die Nutzung mechanischer Energie, etwa die zu seiner Zeit erst erfundene Dampfmaschine.

    Auch heutige Wirtschaftsprozesse lassen sich als eine Magie der Alchemie deuten, wenn eine echte Wertschöpfung ohne Begrenzung möglich ist. Der Autor zieht Querverbindungen zwischen der Experimentierfreudigkeit der Alchemisten und den zart anlaufenden Geldmärkten zu Goethes Zeit. In beiden Fällen wird durch den Stein der Weisen etwas Neues kreiert, aus Ingredienzen wird ein neuer Stoff, bestenfalls Gold - aus Papier wird Papiergeld und noch mehr Geld.

    In der Schlacht im Drama offenbaren sich gar herrlich menschliche Leidenschaften, die mit dem Eigentum zusammenhängen, personifiziert durch die gewalttätigen Gesellen Raufebold, Habebald und Haltefest. Sie versinnbildlichen die nackte Gewalt, die sich rücksichtslos Güter aneignet; Habgier, die zu noch mehr Besitz strebt und Geiz, der nichts preisgeben will, was er einmal besitzt. Diese allegorischen Gestalten stehen der schöpferischen Tat entgegen - also dem wirtschaftlichen Wachstum und dem Elan des Unternehmers Faust.

    Mahnend verweist Binswager darauf, dass bei weitem das Bruttoinlandsprodukt kein Wohlstandsindikator ist. In der Tat misst Wohlstand einer Gesellschaft nur das, was käuflich ist. Aber auch nicht käufliche Güter formen den Wohlstand, wie eine intakte Natur, gesunde Nahrung, frische Luft. Diese Qualitäten gehören mit zum Wohlstand. Die Wachstumsgier muss aufhören, die Ressourcen der Erde dürfen nicht überstrapaziert werden.

    Binswanger weist nach, dass auch Goethe den aristotelischen Begriff zweier grundverschiedener Wirtschaftsformen kannte: die Versorgungs- und die Ertragswirtschaft. Goethe liess Faust ganz in der Erwerbswirtschaft aufgehen, dort wo das Geld und das Kapital dominieren. Mit Hingabe verfolgt Faust das Ziel der Ertragswirtschaft, ist fasziniert vom ewigen Fortschritt und dem Überwinden der Zeit.

    Der Autor findet Parallelen in der modernen Erwerbswirtschaft. Wird doch bereits schon das zu Geld, was man sich als künftigen Gewinn erhofft. Die Gewinnerwartung avanciert zum Gegenwartswert. Aber womit werden diese faszinierenden Gewinne erkauft? Sind damit nicht auch „Kollateralschäden“ verbunden? Unwillkürlich denken wir an das latente Gefahrenpotential der Atomenergie wie es uns zuletzt Fukushima abschreckend vor Augen führte.

    Die Welt Faust symbolisiert die negative Dialektik von Fortschritt und Gewalt: Schiffahrt, Handel, Landgewinnung, Städtegründung - aber auch Krieg, Piraterie, Gewalt. Seine Welt ist der Natur durch Technik abgerungen, dem Meer abgetrotzt und überzogen von Kanälen, Dämmen und Häfen. Eine blühende Landschaft ist entstanden. Indes trügt die Beschaulichkeit: Im Drama geht es dabei um das Vernichten des Schönen - allegorisch dargestellt in der Idylle der beiden Alten Philemon und Baucis. Ihre Denkmalschutzhütte und Naturschutzlinde stehen den Plänen des fanatischen „Jungunternehmers“ Faust entgegen, dem Meer mit künstlichen Dämmen Land abzuringen. Also werden die Alten gewaltsam von Mephisto „entfernt“. Ihre Hütte geht in Flammen auf. Im Rauch der Hütte tauchen vier allegorische Gestalten auf: Mangel, Schuld, Not und Sorge. Allein die Sorge kann dem Reichtum verheißenden Plutus, in dessen Maske Faust steckt, erreichen, und beraubt ihn des Augenlichts.

    Allgemein leitet Binswanger daraus für einen modernen Unternehmer ab, dass er stets Kapital vorschiessen muss, unsicher, ob er für seine Produkte später Abnehmer findet. Deshalb blickt er als Investor immer besorgt in die Zukunft, gerät in das Perpetuum mobile der Sorgen, denn um weitere Gewinn zu erzielen, muss er erneut reinvestieren - die Sorgen vermehren sich. Die Gegenwart hält für ihn faustische Rastlosigkeit bereit und keinen „erfüllten Augenblick“. Allerdings ist der Gewinn der Ausgleich für die Sorgen, die sich der Unternehmer auflädt. Indes müssen wir uns alle „der Sorge“ stellen: der Sorge für den Erhalt der Natur, der Sorge maßvoll damit umzugehen.

    Faust II zeigt, was passiert, wenn man in einer rein monolithischen Erwerbswirtschaft aufgeht. Man muss zu immer riskanteren Techniken greifen, soll die Entwicklung weiter gedeihen. Das versteht der Autor als nationalökonomische Warnung. Verspielt man doch durch ständige Zukunftssorgen die Freuden seines Lebens in der Gegenwart. Nach Binswanger besteht das Problem darin, dass es nur darum ein ständiges ökonomisches Wachstum gibt, weil man unliebsame Aspekte wie Umweltsschäden unentgeltlich ausblendet. Sehr bequem, denn die Natur fordert dafür kein Entgelt! Faust schliesst daraus, dass sich die Natur unendlich auspressen lässt für eine nicht enden wollende Wertschöpfung, dies hinsichtlich monetärer Gewinne und Produktionszuwächse.

    In seiner Wette mit Mephisto setzt Faust seine Lebensrestlaufzeit aufs Spiel. Die Zeit soll ihm verlorengehen, wenn er „den höchsten Augenblick“ erreicht. Den erreicht Faust, als er meint, dauerhaftes Wirtschaftswachstum, unbegrenzte Wohlstandsmehrung verwirklicht zu haben - Papier wird Geld, Wohlstand Plage. Das ist der Ariadnefaden, der sich durch die gesamte Tragödie zieht. Befangen in seiner Vision des ewigen Fortschritts, verliert letztlich Faust den Bezug zur Realität und verwirkt damit „die Zeit“ - seine Zeit.

    Faust träumt davon, sich die Kraft von Ebbe und Flut als unbegrenzte, unendliche Energiequelle nutzbar zu machen. Wer die Naturkräfte einmal beherrscht, der kann Wertschöpfung ohne Einsatz von Arbeit erzielen. Doch wie heißt es in Faust I: „Es irrt der Mensch, solang er strebt“. Am Schöpfungsprozess der Wirtschaft teilzuhaben und am Fortschritt mitzuwirken, ist faszinierend. „Das ist der Wahrheit letzter Schluss“, heisst es bei Goethe, Faust dazu: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“

    Mit übersteigertem Selbstbewußtsein ruft Faust als er stirbt: „Es kann die Spur von meinen Erdentagen/ Nicht in Äonen untergehn“. Mephisto zitiert drauf blasphemisch die letzten Worte Jesus: „Es ist vollbracht“.

    Hans Christoph Binswanger hat nicht allein ein nachdenkliches Werk „vollbracht“, sondern gleichsam einen Appell an uns alle gerichtet, mit Mass und Ziel zu wirtschaften und der Natur allzeit mit Respekt zu begegnen. Faust als Repräsentant der „Tragödie Mensch“ endet im Chaos seiner Egomanie. Und wohin führt unser Weg?

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