Die 57.000 Grönländer leben formell unter der dänischen Krone. Die Insel ist jedoch kein selbst handelnder Akteur. Entscheidungen fallen nicht in Nuuk, sondern in Kopenhagen und Washington.
Von Meinrad Müller
Was spricht für Dänemark?
Für die Grönländer stellt sich daher eine einfache Frage: Unter wessen Einfluss lebt es sich besser? Dänemark überweist jährlich rund 600 Millionen Euro nach Grönland. Umgerechnet sind das gut 10.500 Euro pro Einwohner. Das Geld kommt zuverlässig, ohne Bedingungen und ohne Erwartungen. Es ist Versorgung, keine Entwicklung.
Die grönländische Wirtschaft lebt fast ausschließlich vom Fischfang. Kopenhagen hält Grönland klein. Große Industrieprojekte finden nicht statt, Rohstoffe bleiben ungenutzt, Infrastruktur wird verwaltet, nicht ausgebaut. Perspektiven entstehen kaum. Viele junge Grönländer verlassen die Insel und suchen ihr Glück in Dänemark. Wer bleibt, arbeitet häufig im öffentlichen Dienst.
Das Verhältnis war zudem historisch belastet.
Zwangserziehung grönländischer Kinder, staatlich organisierte Sterilisation von Frauen, massive Eingriffe in das Leben der Ureinwohner, der Inuit. Diese Politik ist dokumentiert und bis heute nur unzureichend aufgearbeitet. Vertrauen entsteht so nicht.
Was spricht für die USA?
Die USA sind bereits seit 1951 militärisch in Grönland präsent. Der Stützpunkt Pituffik, früher Thule Air Base, ist amerikanisches Territorium auf europäischem Boden, vergleichbar mit Ramstein in Deutschland. Die Amerikaner sind also längst da.
Die USA denken militärisch. Auch Donald Trump denkt militärisch. Würden amerikanische Interkontinentalraketen, Abwehrsysteme und Frühwarnanlagen auf Grönland stationiert, lägen sie rund 3.000 Kilometer näher an Russland und China. Reaktionszeiten verkürzen sich, Abschreckung wird wirksamer.
Für Washington gilt ein einfacher Satz: Was uns schützt, schützt auch unsere Verbündeten. Grönland wäre kein Randgebiet mehr, sondern Teil des inneren Sicherheitsrings der USA.
Was militärisch wichtig ist, wird finanziert. Ohne Zögern. Während Dänemark seine 600 Millionen jedes Jahr politisch rechtfertigen muss, würden amerikanische Investitionen aus strategischem Eigeninteresse fließen. Ausbau der Infrastruktur, der Energieversorgung und Wohnungsbau. Militärische Präsenz zieht Geld nach sich.
Dabei hätten die USA ein starkes Interesse an Stabilität vor Ort. Unzufriedene Ureinwohner wären sicherheitspolitisch kontraproduktiv. Entsprechend würden kulturelle Bedürfnisse respektiert und finanziell berücksichtigt. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Kalkül. Wer wichtig ist, wird gut behandelt.
Kein militärischer Kampf um Grönland
Bei seiner heutigen Rede in Davos lehnte Trump jedes militärische Säbelrasseln um Grönland ab. Er will verhandeln und sprach den Generalsekretär der Nato Mark Rutte, der im Auditorium saß, direkt an.
Warum Grönland gewinnen könnte
Dänemark zahlt, damit alles bleibt, wie es ist. Die USA würden zahlen, weil Grönland wichtig ist. Bedeutung erzeugt Einkommen. Bedeutung erzeugt Spielraum.
Ein bedingungsloses Einkommen von etwa 2.000 Dollar im Monat für jeden Grönländer wäre für Washington kein Problem, sondern ein überschaubarer Preis für strategische Sicherheit. Für die Grönländer wäre es ein spürbarer Sprung im Lebensstandard.
Und ja, dann könnten sie auch einmal im Jahr in Florida baden gehen, statt nur als Position im dänischen Haushalt aufzutauchen. Dänemark bietet Versorgung und Stillstand. Die USA bieten Aufwertung und Geld. Grönland ist zu klein, um selbst zu gestalten, aber zu wichtig, um ignoriert zu werden.



