Wer über die Autobahn nach Sachsen-Anhalt fährt, dem kommen große Schilder entgegen: „Willkommen im Land der Frühaufsteher.“ Das klingt zunächst nur wie ein freundlicher Gruß aus einem Bundesland mit rund 2,1 Millionen Einwohnern.
Von Meinrad Müller
Doch in Wahrheit steckt darin eine Lebenseinstellung. Wer früh aufsteht, hat einen gewaltigen Vorteil. Er ist schon wach, während andere sich noch einmal im Bett umdrehen und an der Matratze horchen. Er riecht den Braten bereits vor dem Frühstück.
Früh zu wissen, wie der Hase läuft
Früh zu wissen, wie der Hase läuft, ist eine alte Kunst. Noch besser ist es, früh zu wissen, wo der Hase läuft. Wer das erkennt, hat Glück bei der Jagd. Er bringt dringend benötigtes Eiweiß nach Hause, und Eiweiß ist bekanntlich gut fürs Gehirn. Der Denkapparat kommt in Schwung. Das Hören wird schärfer, das Sehen wird klarer, und wer früh wach ist, der hört sogar die Nachtigallen aus Berlin tapsen.
Wer zu lange döst, verschläft die Gefahren.
Dann rollt der Wagen und ehe man sich versieht, liegt der Karren im Graben. Dort warten bekanntlich die Raben, und weil kein vernünftiger Mensch von Raben gefressen werden will, steht er besser rechtzeitig auf. Auf Autobahnbrücken versammeln sich gerade Hunderte, die Fahnen schwenken, solche mit Schwarz-Rot-Gold und noch mehr in Hellblau.
Die Sachsen-Anhaltiner, so scheint es, bilden ein noch aufgeweckteres Regiment im Kampf gegen das Böse. Sie versammeln sich um einen Lenker, der noch eine Stunde früher aufsteht, ehe der Hahn kräht. Während man in Berlin noch nach dem Wecker tastet und weiter an der Matratze horcht, ist dort längst der Helm gerichtet und der Stiefel geschnürt.
Die Hellebarden sind poliert
Verschlafene Anführer haben bereits das Schlachtfeld geräumt. Sie hinterließen müde Parolen und leere Kassen. Nun aber gehört das Feld den Frühaufstehern. Die Schwerter sind geschärft, die Hellebarden poliert, die Trommeln frisch gespannt. So rütteln die tapferen Mannen auch die restlichen Langschläfer aus den Träumen.
Von Westdeutschland aus gesehen liegt Magdeburg im Osten. Dort geht die Sonne bekanntlich früher auf, das war schon zu Martin Luthers Zeiten so. Wer den Morgen verschläft, verpasst nicht nur den Sonnenaufgang, sondern womöglich auch die Reformation des eigenen Verstandes. Frühes Aufstehen ist mehr als eine Uhrzeit, es ist eine Haltung. Und nie war sie dringlicher als heute.
Bisherige Regimentsführer hielten sich wohl nicht immer an die alte Tugend des Frühaufstehens.
Sonst hätten sie die Ansiedlung großer „kapitalistischer Kombinate“ nicht so krachend versemmelt. Intel sollte nach Magdeburg kommen. Zwei Chipfabriken waren geplant. 3.000 Arbeitsplätze sollten entstehen. Am Ende blieb nicht einmal ein Fahrradständer für die Frühschicht.
Und der Wagen der rollt
Tausende, die gern morgens mit Thermoskanne und Butterbrot ins Werk geradelt wären, ballen nun die Faust in der Hosentasche. Wer früh aufsteht, will Arbeit sehen, er will durch ein Werkstor gehen, den Spind aufschließen, die Brotbüchse abstellen und am Abend sagen können: Heute ist wieder etwas entstanden.
Über 40 Prozent haben den Schuss bereits gehört. Sie wollen den Muff des bisherigen bräsigen Polit-Kombinats von den Hockern wischen. Neue Leute braucht das Land. Leute, die endlich auch wahr machen, was an den Schildern an der Autobahn seit Jahren angepriesen wird. Früh aufstehen, früh hinschauen, früh merken, wo der Hase läuft.
Sachsen-Anhalt hat genug vom Dösen in Amtsstuben.
Und der Wagen der rollt, und wer jetzt noch an der Matratze horcht, merkt den Fall in den Graben erst, wenn die Achse gebrochen ist. Viele wollen einen neuen Landesvater, der schon wach ist, bevor der Hahn kräht. Einen, der nicht Sonntagsreden sortiert, sondern Werkstore möglich macht. Einen, der begreift, dass ein Land der Frühaufsteher keine bunte Schlafwagenabteilung braucht.
Ein neuer „Fürst“ für ein ausgeschlafenes Völkchen
Zeit also, dass das tapfere und muntere Völkchen am 6. September 2026 einen neuen Fürsten wählt. Einen, der das Land wieder vom Kopf auf die Füße stellt.
„Land der Frühaufsteher“ klingt nach einer alten Tugend, denn wer früher klar sieht, hat eine bessere Chance, den Karren aus dem Graben zu bugsieren, bevor die Raben ihre Servietten umbinden.
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