Nach dem Selbstmord des Erlanger Computerfreaks Matthias L., dermehrere Millionen Daten von Internetnutzern gesammelt hatte, sehen sichdas betroffene Unternehmen und die Justiz in Erklärungsnot.
L., der in der Szene unter dem Pseudonym "Exit" auftrat, hatte vorseiner Festnahme tagelang mit der Firma VZnet-Netzwerke, die unteranderem die Plattform schülerVZ betreibt, über eine Datenrückgabeverhandelt.
Der 20-Jährige hatte mit einem selbstgeschriebenen Programmnach eigenen Angaben etwa 2,7 Millionen Daten von VZ-Nutzernzusammengetragen. Im Internet hatte er sich offen dazu bekannt und imMai auf YouTube ein Video veröffentlicht, das sein Programm beimSammeln der persönlichen Profile zeigt. Mitte Oktober war über dasSicherheitsleck im Netzwerk berichtet worden, das zumHoltzbrinck-Konzern ("Die Zeit") gehört.
Daraufhin hatte Jodok B., derTechnikchef der VZ-Gruppe, "Exit" am 17. Oktober über das Internetkontaktiert. Das Protokoll des Chat zeigt, dass der Firmenangestellte"Exit" teils lockte, teils drohte - und dass die Firma selbst mehrfachdas Thema Geld ansprach. Wenn man es schaffe, die Daten zu lokalisierenund zu löschen, so B., dürfe "uns das auch was kosten".
An andererStelle schrieb er "du - und andere können bei uns rumhacken wie siewollen. ich bezahl euch sogar gerne dafür!" Unter einer Bedingung:"wenn ich jemanden dafür bezahle, möchte ich, dass das nicht publicwird". Auf die Frage, was L. mit dem Datensammeln erreichen wolle,antwortete der junge Mann: "gar nichts, das war'n just4fun projekt".Das Unternehmen bestritt vergangene Woche, dass es zuerst die VZ-Seitegewesen sei, die Geld in Aussicht gestellt habe. Mit den entsprechendenChat-Passagen konfrontiert, sagt VZ-Geschäftsführer Markus Berger-deLeón, er bleibe bei dieser Darstellung:
"Zu Einzelheiten nehme ich keine Stellung." In dem Chat am 17.Oktober bot VZ-Mann B. seinem Gegenüber auch an, einen Anwalt zuvermitteln. Erst nach mehreren Stunden verlor er die Geduld: "also, wasist sache. kooperation oder krieg?" L. entschied sich scheinbar fürKooperation. Er verriet Namen und Anschrift und willigte ein, nachBerlin zu kommen. Am späten Abend des nächsten Tages erreichte "Exit"die Geschäftsräume von VZ in Berlin-Mitte, die Taxirechnung von 530Euro beglich das Unternehmen.
Die Verhandlungen fanden mit vier VZ-Leuten statt. Über den Inhaltgibt es verschiedene Versionen. Der VZ-Technikchef sagte gegenüber derPolizei aus, L. habe behauptet, ein Kaufangebot über 80.000 Euroerhalten zu haben. Für eine weitere Kooperation verlange er sofort20.000 Euro. Da habe man die Polizei verständigt, die L. um 23.35 Uhrfestnahm. Der Erlanger erklärte in seiner Vernehmung, die VZ-Leutehätten ihn gefragt, ob es ihm um Geld oder Ruhm gehe. Er habe spontandie Summe 80.000 Euro genannt und sich einverstanden erklärt, die "beimir befindlichen Daten zu löschen", wenn er bis Montag 20.000 Euroerhalte. "Wenn die mir Geld anbieten", so L. zur Kripo, "nehme ich esgern an."



