
Doch anderes als unsereiner, der mal eben über den schwarzen Kontinent gejettet ist, wanderte dieser Mann zu Fuß hierher. Großartige Leistung! Nachdem ich ihm meine Hochachtung vor dieser Tat bekundete, kamen wir ins Plaudern.
Oleylion, so der Name des Massais. Immerhin war er ein wenig der englischen Sprache mächtig. Alles, was er besitzt, ist ein rotes deckenartiges Gewand, ein Paar selbst gefertigte Schuhe, ein Speer und eine Art Holzwaffe zum Erlegen von Tieren.
Während der Holzspeer hier unten sicherlich wenig Beute findet, beeindruckte das Outfit dennoch ungemein. Und so ein Speer gehört eben zu einem echten Massai.
Oleylion (der Name enthält im Englischen den Begriff „Löwe“) beeindrucke durch seine zufriedene, ja fast glückliche Ausstrahlung. Seine Augen musterten mich aufmerksam und neugierig. Eine faszinierende Gestalt, dieser Mensch. Ohne Koffer, ohne Geld, ohne irgendwelche Sicherheiten mäandert dieser junge Mann durch Afrika.
Nein, er hätte keine Probleme auf der langen Wanderschaft gehabt. Die Leute wären freundlich gewesen, es gab immer etwas zu essen wenn er hungrig war, und selbst Grenzen waren ohne Probleme und ohne Pass durchgängig. Vor einem Massai habe man eben in Afrika noch Respekt.
Der Blick des Neugierigen fiel auf ein Buch, welches ich mit zum Strand nahm: Richard Dawkins „Evolution – The Greatest Show on Earth“. Was dort geschrieben stehe, wollte der Massai wissen. Ich erklärte dem Wissbegierigen, der Inhalt des Buches beschäftige sich mit der Entstehungsgeschichte der Welt und dem Werdegang alles Lebendigen. Der Massai schaute etwas verwundert drein – so als denke er: „Der Typ beschäftigt sich mit sonderbaren Dingen“.
Die Massai sind bekannt durch zahlreiche Zeremonien, wie das springende Tanzen der Männer. Die jungen Männer springen dabei auf der Stelle so hoch wie möglich und beweisen so ihre Stärke. Also forderte ich den Besucher auf, doch mal eine kleine Vorführung zu geben. Und siehe da: Recht beachtlich, welche Höhen dieser Mensch durch den Sprung aus dem Stand erreichte.

Die Massai leben übrigens in Klans und halten trotz „Zivilisation“ ihr nomadisches Leben weitgehend aufrecht. Sie waren nie in Form von Königreichen oder Staaten organisiert.
Nach den Kindern sind die Rinder das Wichtigste im Leben der Massai, denn sie glauben, daß der Gott Enkai sie ihnen schenkte. Ein Massai von durchschnittlichem Wohlstand hat mindestens 50 Rinder, er wird jedoch nur als reich angesehen, wenn er auch Kinder hat. Die Tiere werden, mit Ausnahme bei speziellen Zeremonien, selten wegen ihres Fleisches geschlachtet. Stattdessen versorgen sie die Menschen mit allem, was diese täglich brauchen: Milch, Felle zum Schlafen und für Sandalen, schließlich dienen sie auch als Zahlungsmittel.
Während „mein“ Massai wie wild auf dem Strand auf und ab sprang, beneidete ich ihn ein wenig. Sorglos und glücklich schien dieser Mensch – obwohl er nichts besaß.
Herrliche Szene an der Küste Afrikas: Der Massai und ich. Für einen Moment „The Greatest Show on Earth“.



