Max-Planck-Institut in Rostock legt Rente mit 72 nahe: Deutsche müssen 2050 fünf Jahre länger arbeiten als heute, um Sozialsysteme zu erhalten. EU-Kommission plant Koppelung des Rentenalters an Lebenserwartung. - Private Altersvorsorge boomt.
Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock rechnet damit, dass das Renteneintrittsalter in Deutschland angesichts der steigenden Lebenserwartung erheblich ansteigen muss. Im Jahr 2050 müssten die Deutschen „fünf Jahre“ länger arbeiten, um die Funktion des Rentensystems zu erhalten, sagte der Direktor des Instituts, James Vaupel, der „Welt am Sonntag“ (E-Tag 12.2.2012). Das hieße, die Deutschen dürften erst mit 72 in den Ruhestand und nicht mit 67, wie bisher geplant
Vaupel reagierte damit auf Pläne der Europäischen Kommission. Sie empfiehlt Europa, „das Rentenalter mit der Steigerung der Lebenserwartung abzugleichen“ und außerdem die Möglichkeiten der Frühverrentung zu beschränken. So steht es im Entwurf zu einem sogenannten Weißbuch der EU-Kommission, das sie in der kommenden Woche vorstellen will. Das Dokument liegt der „Welt am Sonntag“ vor.
„Die Menschen müssen schlicht einen vernünftigen Teil ihrer Lebenszeit arbeiten“, sagte Wissenschaftler Vaupel zu den Plänen aus Brüssel. Heute verbrächten die Europäer etwa die Hälfte ihres Lebens im Beruf. „Für die Rentensysteme würde es schon reichen, dieses Verhältnis beizubehalten.“ Nach Vaupels Forschung steigt die Lebenserwartung in Europa von Jahrzehnt zu Jahrzehnt um zwei bis drei Jahre. „2050 wird sie bei etwa zehn Jahren mehr liegen als heute“, sagte der weltweit renommierte Demografie-Experte der Zeitung. „Etwas von dieser geschenkten Zeit werden wir auf die Arbeit verwenden müssen.“
Gesundheitliche Probleme, wie sie Kritiker der jüngsten deutschen Rentenreform („Rente mit 67“) ins Feld führen, will der Forscher nicht gelten lassen. „Die gesunde Lebenserwartung steigt ebenso rasch an. Wenn Menschen zehn Jahre länger leben, werden sie zehn Jahre später krank“, sagte Vaupel. Sein Modell sieht zudem vor, dass Menschen „mehr Lebensjahre, aber weniger Wochenstunden“ arbeiten. „So haben sie in jungen Jahren mehr Zeit für die Familie, belasten aber im Alter nicht die Pensionskassen“, sagte er der „Welt am Sonntag“.
Weil es demnächst im Alter immer weniger gibt boomt die private Altersvorsorge, das meldet die Allianz. „Das Absicherungsniveau – das Verhältnis zwischen der Rente eines Durchschnittsverdieners, die er nach 45 Jahren erhält und dem Durchschnittseinkommen – wird 2025 bei rund 45 Prozent liegen. Wer seinen Lebensstandard im Alter halten möchte, muss deshalb betrieblich und privat vorsorgen“, warnt eine Allianz Expertin.