Weltweit führender Geheimdienst-Experte kritisiert Datensammelwut der NSA, widerspricht aber dem Vorwurf der Industriespionage. James Bamford: „NSA fischt deutsche Datenknotenpunkte ab“
Der weltweit als führender Geheimdienst-Experte anerkannte Bestseller-Autor James Bamford hat das Spähprogramm des US-Geheimdienstes NSA scharf kritisiert. Bei den riesigen Datensammlungen gingen wichtige Informationen verloren. „Zu viele Informationen zu haben ist mitunter schlimmer, als zu wenige Informationen zu haben“, sagte Bamford der „Welt“. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hätte die NSA verschiedene Anschläge und Anschlagsversuche im Vorfeld nicht aufgeklärt, obwohl die Täter sogar ins Ausland telefonierten und Kontakte mit bekannten Terroristen hatten.
„In all diesen Fällen hätte die NSA die Burschen schnappen können, wenn sie nur ihren Job gemacht hätten: sich auf die Kommunikation im Ausland und mit dem Ausland zu konzentrieren, anstatt die Metadaten von jedem US-Bürger zu speichern“, so Bamford. Er zog die Aussage der US-Regierung in Zweifel, dass durch die Sammlung von Telefon- und Internet-Metadaten in den USA und im Ausland Dutzende Terroranschläge verhindert worden seien. „Mir sagen Eingeweihte, diese Anschläge hätten auch ohne das Sammeln der Metadaten verhindert werden können“, so Bamford.
Deutschland sei ein bevorzugtes Ziel der US-Geheimdienste, weil über die dortigen Knotenpunkte „besonders viel Kommunikation läuft“, und die NSA „hat Zugang zu diesen Knotenpunkten und Filtern, mit denen sie herausfischt, was sie braucht“, erklärte Bamford. Über Glasfaserkabel in den deutschen Knotenpunkten liefen Gespräche und Internetdaten „nicht nur innerdeutsch, sondern in den Nahen Osten, in die Türkei, in andere europäische Länder“, sagte Bamford, der drei teilweise auch ins Deutsche übersetzte Bücher über die National Security Agency geschrieben hat, in Washington D.C. Die NSA „spioniert auch die EU und fremde Regierungen aus“, fügte der Experte hinzu.
Bamford verteidigte den Nachrichtendienst NSA gleichwohl gegen den Vorwurf, Wirtschaftsspionage etwa gegen Deutschland zu betrieben. „Es wäre einfach viel zu kompliziert, beispielsweise Airbus auszuhorchen und die Informationen an Boeing zu geben. Man müsste dazu einen Ansprechpartner mit geheimdienstlicher Klärung bei Boeing haben“, so Bamford. Er habe in den 30 Jahren, in denen er sich mit der NSA befasse, nicht einen Beleg für den Vorwurf der Wirtschaftsspionage gefunden.
Der Jurist und Journalist berichtete, dass die NSA ihn selbst auszutricksen versuchte, als er entsprechend dem Informationsfreiheitsgesetz (Freedom of Information Act) an die Akte gelangen wollte, die der Dienst über ihn führte. Sie hatten sie nicht unter seinem Namen, sondern unter dem Decknamen „Esquire“ angelegt. Dies sei „illegal“, sagte Bamford. „Ich hätte sie verklagen können. Aber ich habe mich nicht drum gekümmert“. Die Informationen über die NSA-Programme, die der Whistleblower Edward Snowden an die Öffentlichkeit gegeben habe, seien „nicht neu; aber sehr wohl die Tatsache, dass er die Beweise lieferte“.



