Flucht aus dem vom Geldsystem zerfressenen Renditekarussell des Westens. Leben unter Palmen am Traumstrand. Erlebnisbericht von der Südspitze Sri Lankas.

Michael Mross heute morgen in Sri Lanka
„Gold jetzt kaufen – Später zahlen, mit komfortablen Raten.“ So plärrt es aus dem Lautsprecher eines Radios in Sri Lanka und ich traue meinen Ohren nicht: Eine große Bank wirbt damit, dass man Gold zu aktuellen Spot-Preisen kaufen und später zahlen kann. Solcherlei Angebote habe ich bisher noch nicht in Deutschland gehört. Dort wird allenfalls für Lebensversicherungen und Riester-Rente geworben. Ganz schön fortschrittlich, dieses „Dritt-Welt-Land“.
Ich sitze auf der Terrasse und blicke nach Süden, raus aufs Meer, Richtung Äquator. Mein Aufenthaltsort ist die Südspitze Sri Lankas, der südlichste Punkt des indischen Subkontinents. Es ist Abend. Beruhigend rauschen die Wogen am Strand. Sternenklare Nacht, der Mond verwandelt die Palmen-gerahmte Kulisse in ein glitzerndes Spektakel. In der Ferne wandern Gewitter von Ost nach West. Bizarre Lichtblitze am Horizont. Grandioses Naturschauspiel. Natur-Fernsehen..
Seit einigen Wochen weile ich nun schon auf dieser wunderbaren Scholle. Sri Lanka ist arm, aber glücklich – so scheint es. Dort wo die Menschen weniger Geld haben, haben sie mehr Zeit - für sich und andere. Das ist sehr lehrreich, wenn man dem vom Geldsystem zerfressenen Renditekarussell des Westens entflieht. Das Land ist abgeschnitten vom internationalen Geldkreislauf, Devisen sind knapp, die Rupie nicht konvertibel. Deshalb gibt es hier auch wenig Coca-Cola und kein Mc Donalds. Leider empfinden die Menschen das als Riesennachteil. Schade.
Sicher, Gold können sich hier nur wenige leisten. Doch es gibt auch einige reiche Ceylonesen. Dass Geld vergänglich ist, das weiß hier allerdings jeder Fischer. Die Rupie, zig mal abgewertet, hohe Inflation, niemand würde auf die Idee kommen, seine Altersvorsorge mit Geld zu bestreiten. Da ist Gold schon verlässlich. Das weiß hier auch jeder – ähnlich wie in Indien.
Die Scheine werden verächtlich behandelt. Sie sind bunt, verbraucht, dreckig und stinken. Sie symbolisieren von sich aus Wertlosigkeit. Das hat den Vorteil, dass der einfache Mann auf der Straße in Sri Lanka keine Bücher übers Geldsystem lesen muss, um zu verstehen, dass die Kaufkraft der Scheine schwindet.
Vor Tagen erstand ich einige Petroleum-Lampen im Dorfladen. Ich gab dem Verkäufer ein kleines Bündel bunter Rupien-Scheine, um die Rechnung zu begleichen. Dieser knuddelte das Papier in der Hand und warf es einige Meter weiter zum Kassierer. Der Mann war darauf von oben bis unten mit bunten Scheinen übersäht und sah aus wie ein verzierter Tannenbaum. Anschließend wanderten die Schnipsel in einen großen Karton, offenbar die Kasse des Ladens. Ein ganz normaler Bezahl-Vorgang.
Ich brach angesichts der Szene in schallendes Gelächter aus, und musste darüber nachdenken, wie ich in meinem letzten Buch auf 300 Seiten den Wertverfall des Geldes beschrieb. Ein für Sri Lanka wahrlich überflüssiges Werk. Einfach herrlich, wie die Leute hier mit Geld umgehen.
Ein paar Hundert Meter weiter wohnt ein Deutscher, schon seit 25 Jahren. Ausgewandert. Er bewirtschaftet eine kleine Plantage mit Bananen, Mangos, Limonen. Autarkes Leben. Dazu gehört auch Unabhängigkeit von Energie. Es gibt zwar Strom, aber gekocht wird auf Holzfeuer. Das Brennmaterial stammt aus dem Garten. Er sagt, auf Holzfeuer Gekochtes schmeckt besser. Und außerdem kostet es nichts. Ölpreis? Steigende Energiepreise? Interessiert ihn nicht. Holz ist immer da. Umsonst.
Hinter dem Haus mäandert eine Lagune durch tropischen Dschungel. Dort wirft ein Fischer in gekonnten Schwung das Netz aus. Kreisförmig versinkt es im Wasser. Ab und zu zappelt etwas Beute in den Maschen. Wenn’s fürs Abendessen reicht, geht er nach Hause. Das ist Nachhaltigkeit ganz ohne Theorie und Greenpeace.
Das Abendessen ist gesichert. Ganz ohne Geld. Man sollte aber wissen, wie man so ein Netz bedient. Das ist mehr wert, als einen Dollar am Tag zu „verdienen“. Bis jetzt liefert die Lagune jeden Tag genug Nahrung. Zur Abwechselung gibt es Krabben und Garnelen. Ganz natürlich, ganz ohne chemische Zusatzstoffe, gratis. Wunderbar!
Es gibt ein Leben ohne Geld. In armen Ländern kann man sehen, wie das funktioniert. Doch sind diese Menschen wirklich arm? Sie empfinden sich zwar so angesichts des kapitalistischen Lamettas, welches auch hier durch die Medien gepeitscht wird. Jeder will einen Flatscreen. Auch der Fischer.
Aber ist man wirklich arm, wenn man viel Zeit und wenig Geld hat? Oder ist man wirklich arm, wenn man viel Geld und wenig Zeit hat?
Das wahre Gold liegt in den Dingen, die man nicht kaufen kann.



