Philosophieren, das Streben nach wahrer Erkenntnis der absoluten Wirklichkeit und Wahrheit, beinhaltet das Streben nach Erkenntnis des Wesens, des Sinns und des Zusammenhangs aller Dinge; diese Erkenntnis wird „Verstehen“ genannt.
von Norbert Knobloch
Die Philosophie ist die Lehre bzw. Wissenschaft vom Erkennen und Wissen überhaupt und befasst sich mit Hilfe der Einzelwissenschaften mit der Gesamtheit der Wirklichkeit und mit der Wahrheit. Das aus dem Altgriechischen stammende, zusammengesetzte Wort (von phília: die Liebe bzw. philós: der Liebende und sophía: die Weisheit) bedeutet in wörtlicher Übersetzung „Liebe zur Weisheit“ oder „Weisheitsliebe“. Diesem Sinne des Wortes entsprechend ist »Philosophieren« das Streben nach wahrer, das heißt zutreffender, also objektiver Erkenntnis (nicht Interpretation!) der objektiven Wirklichkeit. Das ist dann kein Vermuten (eikasía), Glauben, Meinen und Dafür-Halten (pístis), sondern (logisches) Denken (dianoía) und Einsicht (nóësis) in die eine, absolute Wahrheit.
»Wahrheit« ist nach ARISTOTELES das Übereinstimmen der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande. »Erkenntnis« wiederum ist nach IMMANUEL KANT die Anwendung der Begriffe auf Erfahrung, und »Erfahrung« ist Anschauung der Gegenstände in Raum, Zeit und Zahl (nicht nur konkret, sondern auch abstrakt!). Die scholastische Definition der Wahrheit lautet veritas est adaequatio intellectus et rei oder adaequatio mentis et rei: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Geist und Sache oder der Sache und des (sie erkennenden) Verstandes (ALBERTUS MAGNUS, THOMAS VON AQUIN).
Andere, gleichbedeutende Begriffe für »Wahrheit« oder zur Charakterisierung von »Wahrheit« sind alétheia (griech.: Offenbarung, Entbergung, Enthüllung, Entschleierung) und advaïta (sanskrit: Nicht-Verschiedenheit, Nicht-Zweiheit) sowie symphonía (griech.: Zusammen-Klang, Ein-Klang), harmonía (griech.: Das-Passend-Zusammengefügte), resonántia (lat.: Widerhall, Mit-Schwingen) und idéntitas (lat.: Übereinstimmung mit sich selber; von idem esse: dasselbe sein; vgl. »Identität«).
Philosophieren, das Streben nach wahrer Erkenntnis der absoluten Wirklichkeit und Wahrheit, beinhaltet das Streben nach Erkenntnis des Wesens, des Sinns und des Zusammenhangs aller Dinge; diese Erkenntnis wird „Verstehen“ genannt. Des Weiteren und zugleich ist Philosophieren Besinnung des Menschen auf sich selber (»Reflexion«), auf sein eigenes Wesen und auf seine Stellung in der Welt, um aus ihr seine Selbst-Bestimmung zu gewinnen sowie den Ursprung und das Ziel, den Grund und den Zweck, den Anfang und das Ende seines Daseins zu ergründen.
Ziel des Philosophierens ist also Begründung und Entwicklung einer allgemeingültigen und letztgültigen Welt-Anschauung – erkennende und be-greifende, ver-stehende (davor stehende!) Gesamtansicht des Kosmos, des Zusammenhangs alles Einzelnen im Ganzen und der Stellung des Menschen darin – mit Hilfe der Ergebnisse der Forschung der Einzelwissenschaften.
Im Unterschied zu den Einzelwissenschaften aber beschränkt sich die Philosophie nicht auf einen jeweils begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit (wie z. B: die Chemie allein auf die Zusammensetzung der Materie), sondern bezieht sich auf das Ganze dessen, was ist, um dessen »Wesen« (griech.: ousía) oder »Essenz« (lat.: esséntia), nämlich das »Sein«, im Unterschied zur bloßen »Existenz« (lat.: existéntia), zum »Seienden« (griech.: to on), zu erkennen und zu begreifen.
Anders auch als die Einzelwissenschaften, die festen Bedingungen unterliegen und von bestimmten Voraussetzungen ausgehen müssen, hinter die sie nicht zurückgreifen können, die also abhängig und damit relativ sind, steht die Philosophie in völliger Voraussetzungslosigkeit und Bedingungslosigkeit; sie ist also unabhängig und damit absolut. Ihre Methode und ihr Gegenstand sind nicht fest vorgegeben, sondern sie bestimmt diese selber jeweils immer wieder neu.
Als Motiv und Antrieb des Strebens des Menschen nach jeder Form von Erkenntnis sind seit der Antike das Staunen (PLATON und ARISTOTELES), das Zweifeln (RENÉ DESCARTES), das Leiden (BUDDHA) und die Ehrfurcht (IMMANUEL KANT) angesehen worden. Die nur dem Menschen eigene, scheinbar unerträgliche Grenzerfahrung, in ständiger Bewußtheit, in stetiger Gewißheit der Unausweichlichkeit seines eigenen Todes leben zu müssen, läßt ihn die dräuende, buchstäbliche Frag-Würdigkeit seines Da-Seins spüren und die Fragen nach den Sinn und Wert seines Lebens, nach seinem „Sein oder Nicht-Sein“ (WILLIAM SHAKESPEARE, Hamlet) stellen.
Der Mensch zeichnet sich, im Unterschied zum Tier, durch seine „weltoffene“ (MAX SCHELER) oder „exzentrische Position“ (HELMUTH PLESSNER), d. h. das Vermögen, sich zu sich selber zu verhalten, also durch reflexives Selbst-Bewußtsein aus. Aufgrund der Position der Distanz, die der Mensch so zu sich selber einnehmen kann, wird sein Leben zu einer von ihm selber zu vollziehenden Aufgabe der Selbst-Verwirklichung: Er muß erst aus sich machen, was er (eigentlich, potentiell) schon ist. So ist der Mensch auf Kultivierung angelegt, aber eben auch angewiesen. Anders als das Tier, das „so-seiende Wesen“ (N. K.), das an seine natürliche Umwelt perfekt angepaßt ist und von einer durchgängigen Instinktsteuerung geleitet wird, ist der Mensch, das „ewig-werdende Wesen“ (N. K.), biologisch ein „Mängelwesen“ (ADOLF PORTMANN). Aufgrund seiner Unzulänglichkeit und „Instinkt-Reduktion“ (ARNOLD GEHLEN) ist er in seiner physischen Existenz ständig bedroht.
Dafür besitzt der Mensch aber als vermutlich einziges Lebewesen auf der Erde Erkenntnisfähigkeit und Entscheidungsfreiheit: „Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung.“ (JOHANN GOTTFRIED HERDER) Daher muß der Mensch die Voraussetzungen seines Überlebens erst durch sein eigenes Denken und Handeln immer wieder neu schaffen und sichern, indem er seine natürliche Umwelt, die Natur, aus der er herausgefallen und der er nicht mehr angepaßt ist, umwandelt in eine ihm angepaßte künstliche Umwelt, die Kultur. (Vgl. 1. Buch Mose, Kapitel 3, Verse 17 bis 19 [Genesis]; OSCAR KISS MAERTH, „Der Anfang war das Ende“.
Aus dem eben Gesagten resultieren einerseits der Zwang und die Notwendigkeit, ursprünglich angeborene Verhaltensweisen vernunftbestimmt ersetzen zu müssen, andererseits aber auch die Freiheit der Entscheidung und der Selbstbestimmung. Ein so geartetes Wesen aber bedarf wiederum notwendig und zwingend der ständigen vernünftigen Reflexion auf die Grundlagen und Folgen seines Wollens und Handelns. (Das geschieht in der Ethik, einer Disziplin der reinen Philosophie.) Denn: „Der Mensch ist das Wesen, das stets mehr will, als es kann, und mehr kann, als es soll.“ (WOLFGANG WICKLER, Die Biologie der Zehn Gebote; s. KONRAD LORENZ, Das sogenannte Böse)
Insofern ist »Philosophieren« als ursprüngliche Tätigkeit, die untrennbar zum selbst-verantwortlichen Menschsein gehört, ein „Kategorischer Imperativ für das Überleben der gesamten Menschheit“ (KEN WILBER). Jeder Mensch muß philosophisches Denken vollziehen, und er muß es und kann es nur selber vollziehen. Jede Philosophie ist daher auch »Aufklärung« im Sinne IMMANUEL KANTS berühmter Definition: „»Aufklärung« ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. »Unmündigkeit« ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen« ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Der Prozeß des Philosophierens, in dem und durch den der Mensch sich Klarheit und Gewißheit über die Welt außer ihm und die Vorgänge in ihm sowie die Zusammenhänge und Beziehungen beider zu verschaffen sucht, ist nie abgeschlossen und ursprüngliche Aufgabe und Pflicht jedes Menschen zeit seines (ganzen) Lebens.
Das, was jede Philosophie nun als solche kennzeichnet, sind die in ihr auftretenden Fragestellungen: die Frage nach der absoluten Wahrheit, die Frage nach dem Wesen aller Dinge und die Frage nach dem Sinn von allem. In der Philosophie wird alles und jedes „in Frage gestellt“ und zugleich nach richtigen Antworten auf diese Fragen gesucht, nach dem, was wirklich ist, was unbezweifelbar wahr ist, was absolut gültig ist, nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (GOETHE, Faust I).
Der antike griechische Philosoph PLATON, Schüler des SOKRATES und Lehrer des ARISTOTELES, sah als zentrale Ideen des Philosophierens „Das Gute, das Wahre und das Schöne“. In der Neuzeit formulierte der Begründer der deutschen Aufklärung und des deutschen Idealismus, IMMANUEL KANT, folgende Grundfragen der Philosophie: „Was kann ich wissen?“ (Erkenntnis-Theorie), „Was soll ich tun?“ (Ethik), „Was darf ich hoffen?“ (Religions-Philosophie) und „Was ist der Mensch?“ (Anthropologie). Dabei schließt die letzte Frage alle anderen im Grunde mit ein.
Mit den Fragen, die der Philosoph („Der Weisheitsliebende“, „Der Wahrheitssuchende“) an „Gott und die Welt“, an die Natur und an sich selber stellt, formuliert er erstmals bewußt die das ganze Reich des Wirklichen gliedernden Grundbegriffe „Gott“, „Welt“, „Mensch“, „Natur“, „Leben“, „Tod“, „Liebe“, „Seele“, „Geist“ usw. usf. im wissenschaftlichen Sinne: Nach ihnen entstehen und entwickeln, bilden und ordnen sich die Wissenschaften der Theologie, der Kosmologie und der Anthropologie sowie die Natur-Wissenschaften und die Geistes-Wissenschaften (incl. Mathematik).
Indem in der Philosophie nun solche Grundbegriffe, die zu ihrer Klärung entwickelten und betriebenen einzelnen Wissenschaften, deren Einteilung und Aufbau, ihre den verschiedenen Gegenständen angepaßten Methoden und ihre Ergebnisse zum Gegenstand der philosophischen Untersuchung gemacht werden, entsteht als eigene philosophische Disziplin die Wissenschafts-Theorie. Mit ihr entstehen die von den Einzel-Wissenschaften ausgehenden philosophischen Disziplinen der Geschichts-Philosophie, der Kultur-Philosophie, der Sprach-Philosophie, der Religions-Philosophie, der Rechts-Philosophie, der Natur-Philosophie, der Philosophie der Mathematik, der Philosophie der Künste und der Philosophie aller übrigen Wissenschaften.
Es sind dies gleichzeitig die Disziplinen der auf die Wissenschaften angewandten Philosophie – im Unterschied von den Disziplinen der reinen Philosophie, die sich in Psychologie, Erkenntnis-Theorie u. Erkenntnis-Kritik, Logik u. Dialektik, Ontologie u. Metaphysik, Ethik u. Ästhetik gliedert.
Die Philosophie hat also, wie eingangs beschrieben, die Aufgabe und das Ziel, über die zutreffende Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit mit Hilfe der Forschung der Einzel-Wissenschaften weiter zur absoluten, d. h. von jeder Bedingung und Voraussetzung unabhängigen Wahrheit zu führen.
Dabei ist zu unterscheiden die reine philosophische Erkenntnis, die aller Wissenschaft vorausgeht, ihr zugrunde liegt und sie überhaupt erst ermöglicht, von der philosophischen Forschung, die den Erkenntnissen der (Forschung der) Wissenschaften nachgeht und deren Ergebnisse in einen systematischen, intra- und interdisziplinären Zusammenhang bringt und einordnet sowie auslegt. (Nach dem Abschluß der einzelwissenschaftlichen Arbeit fängt also die eigentliche Arbeit erst an!)
Die Philosophie gilt daher zurecht, nämlich zutreffend als historischer Ursprung und „Mutter der Wissenschaften“, welche (die Wissenschaften) ursprünglich zu ihrem (der Philosophie) Zweck und in ihrem (der Philosophie) Rahmen entwickelt und betrieben wurden (alle großen Philosophen der Antike waren immer auch Natur-Wissenschaftler!). Da die Philosophie, wie eben ausgearbeitet, die Einzel-Wissenschaften aus sich heraus begründet und definiert, strukturiert und systematisiert, sich ihrer als Hilfsmittel bedient und über sie hinaus denkt und führt, wird die Philosophie ebenso zurecht, nämlich wiederum zutreffend auch die „Königin der Wissenschaften“ genannt.
Literatur-Tipps für absolute Anfänger:
JOSTEIN GAARDER, Sofies Welt, Hanser, München / Wien 1993 (schöner Roman über die Geschichte der Philosophie)
OTTO A. BÖHMER, Sofies Lexikon, München 1997 (Almanach / Lexikon der Personen und Begriffe in „Sofies Welt“)
CERSTIN URBAN, Sofies Welt, Reihe Königs Erläuterungen und Materialien, Bange, Hollfeld 1999



