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Fieberthermometer Börse: Im Osten geht die Sonne auf

Während Europa und Amerika noch schlafen, laufen in Asien längst die ersten Kurse über die Ticker. Was Politiker am Tag zuvor ankündigen, zeigt sich in Tokio, Hongkong und Singapur als Erstes. Dort wird früh sichtbar, ob Worte Gewicht haben oder nur Geräusch sind.

Von Meinrad Müller

Wenn Europa noch schläft

Es ist früher Morgen in Deutschland. Der Kaffee steht auf dem Tisch, das Radio läuft nebenbei, die Zeitung liegt bereit. In Tokio, Hongkong und Singapur dagegen ist der Börsenhandel längst in vollem Gange. Dort wird nicht mehr diskutiert, dort wird gehandelt. Ängstliches Geld wartet nicht auf Bürozeiten in Europa.

Die Börsen im Osten sind der Seismograf der Weltwirtschaft. Wenn am Vortag in Washington mit Zöllen gedroht wurde oder in Brüssel wieder einmal große Entschlossenheit verkündet wurde, dann schlagen dort zuerst die Kurse aus. Nicht aus Nervosität, sondern aus Erfahrung. Asien hat gelernt, politische Worte sofort auf ihren Preis zu prüfen.

Die Börse reagiert noch vor jeder Pressekonferenz

Die Börse hat den Finger am Puls. Sie glaubt keiner Erklärung und keinem guten Willen. Geld hat feine Ohren wie ein Hase. Es hört jedes Rascheln im politischen Gebüsch. Und es hat schnelle Füße wie ein Reh. Wenn Gefahr droht, ist es längst unterwegs, noch bevor der erste Sprecher sein Manuskript sortiert hat.

Wird am Abend in USA eine neue Zollrunde angekündigt oder eine politische Eskalation angedeutet, dann reagiert das Kapital am nächsten Morgen. Es zieht sich zurück, sucht Deckung, wechselt von Unternehmen in sichere Häfen. Nicht aus Panik, sondern aus Selbstschutz. Die Anleger stimmen mit den Füßen ab, wie die Rehe.

Europa erklärt sich die Welt

Währenddessen wirkt Europa oft wie ein Zuschauer im eigenen Film. Man empört sich über den Ton anderer. Die Märkte teilen diesen Optimismus nicht. Sie rechnen nüchtern nach, was politische Unsicherheit kostet. Wenn Gold und Silber steigen, dann weil Vertrauen schwindet. Wenn Aktien wackeln, dann nicht aus Laune, sondern weil Planungssicherheit fehlt.

Wenn Kapital in den „Ruhe sanft“-Modus gelegt wird

Die Billionen, die heute in Gold und Silber fließen, sind dem Wirtschaftskreislauf zunächst entzogen. Gold und Silber legen keine Eier. Sie bauen keine Maschinen, sie schaffen keine Arbeitsplätze, sie erwirtschaften keinen Wohlstand. Sie liegen da, still und unbeteiligt.

Nur Geld, das in Produktionshallen steckt, erzeugt Güter und Gewinne. Nur dort entsteht Wertschöpfung, von der eine Volkswirtschaft lebt. Umso bezeichnender ist es, dass große Politik mit Drohungen, Unsicherheit und ständigem Krisengerede so viel Angst erzeugt, dass Anleger ihr Kapital aus Unternehmen abziehen und dorthin verschieben, wo es „ruht und sanft“ zum Stillstand kommt.

Anschließend wundert man sich über schwaches Wachstum, ausbleibende Investitionen und eine Industrie, die auf der Stelle tritt. Wer sein Kapital zu Grabe trägt, darf sich nicht wundern, wenn es nichts mehr leistet.

Könnte dieses „Verfahren“ gezielt so geführt werden, um Volkswirtschaften zu schwächen? Ich bin geneigt, diesen Gedanken ernst zu nehmen.

Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p

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