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Propaganda-Offensive gegen Internet | Drucken |
Von: Michael Mross   
28.07.2010

In den USA ist heute eine großangelegte Propaganda-Offensive gegen die Glaubwürdigkeit des Internets gestartet worden. Offizieller Tenor: Immer weniger Menschen glauben, was sie im Internet lesen. Die News im Net seien unseriös, weil sie gratis sind. Das Vertrauen in diese Informationsquelle sei auf dem absoluten Tiefststand.

 

Geradezu als sensationell verkauft das "Center for the Digital Future" seine neuesten Erkenntnisse über einen angeblichen enormen Vertrauensverlust ins Internet als Informationsquelle. Hinter dem "Center for the Digital Future" stecken angeblich Medienforscher der Universität of Southern California, Los Angeles.

Die Erkenntnisse der "Medienforscher" wurden angeblich in "langjährigen Studien" gesammelt. Heute wurde  die "wissenschaftliche" Arbeit  als 300seitiger Report  in Los Angeles vorgestellt.  Titel: "2010 Internet Project Report". Tenor: Das Internet ist unseriös.

Die Analyse richtet sich vornehmlich an Massenmedien. Diese werden die Meldung sicherlich gerne verbreiten. Denn die Botschaft lautet: Eigentlich kann man das Internet als Informationsquelle gar nicht ernst nehmen. Hauptgrund: Die Infos seien zumeist kostenlos. - Schlussfolgerung: Nur was kostet, ist auch seriös.

Der Report basiert angeblich auf einer weltweiten Umfrage bei Internet-Usern. Wie das Ergebnis allerdings im einzelnen zustande kam, bleibt das Geheimnis der Verfasser.

Der Gipfel der Erkenntnis dieser Studie besteht darin, dass dank Apple demnächst mit einfachen Apps Bezahl-Informationen besser erhältlich sein werden. Ob der Hauptsponsor dieses Reports Steve Jobs war, ist allerdings bisher unbekannt. 

Nicht mehr zu überbieten ist dagegen die Warnung eines Wissenschaftlers, der ernsthaft verbreitet, dass von gewissen Informationsseiten sogar eine "Virengefahr" ausgehe. Dieser Gefahr könne man nur vorbeugen, wenn für Inhalte von "Qualtitätsanbietern" auch gezahlt werde. Zitat: "Man bezahlt einen kleinen Beitrag und kann sicher sein, dass man Qualität - in diesem Fall Freiheit von Viren - erhält."

So oder so ähnlich werden die Ergebnisse des Reports in den nächsten Tagen in den Zeitungen oder Magazinen zu lesen sein. Im folgenden ein Text einer Nachrichtenagentur, der morgen sicherlich von den Zeitungen übernommen wird:

 

Web steckt in der Vertrauenskrise
Medienforscher: "Hoher Preis der Gratis-Kultur im Web"

Immer größer wird die kritische Distanz der Internetnutzer gegenüber dem, was sie im Web vorfinden. Das Vertrauen in diese Informationsquelle ist auf absolutem Tiefststand, haben Medienforscher der Universität of Southern California http://www.digitalcenter.org in der Langzeitstudie "digital future report" gezeigt. "Wir nähern uns einem kritischen Punkt, dem 'Online Overload'", warnen die Autoren um Jeffrey I. Cole.

Nur vier von zehn glauben dem Web

Dass die meisten Inhalte im Web verlässlich sind, glauben heute nur 39 Prozent der Befragten, deutlich weniger als die 55 Prozent im Jahr 2000. Für 61 Prozent ist mehr als die Hälfte unverlässlich, 14 Prozent sehen sogar "keine oder fast keine vertrauenswürdige Infos" im Netz. Jeder fünfte misstraut sogar den Seiten, die er sehr häufig besucht. Auch Suchmaschinen sind davon nicht ausgenommen: Nur 53 Prozent - 11 Prozent weniger als vor drei Jahren - sehen deren Ergebnisse als verlässlich und relevant.

Berechtigte Distanz

"Dieser Vertrauensverlust ist der Preis der Gratis-Kultur im Web", sagt Lorenz Hilty, Professor für Informatik und Nachhaltigkeit an der Universität Zürich http://www.ifi.uzh.ch , gegenüber pressetext. "Was bei Print noch kostete, ist nun gratis, muss aber auf andere Weise finanziert werden. Deshalb rechnen die Internetnutzer heute weit eher damit, dass ihr Verhalten, ihre Interaktionen, Präferenzen und teils sogar Koordinaten ausgewertet und auf nicht offen gelegte Weise ökonomisch genutzt werden. Der Eindruck von Objektivität schwindet, wenn man bloß mit Inhalten beliefert wird, die das eigene Weltbild bestätigen."

Der Internetnutzer nimmt daher zunehmend kritische Distanz zu den Inhalten ein - und das zurecht, wie Hilty betont. "Die Frage ist: Wo kommen vertrauenswürdige, weil unabhängige Instanzen her? Selbst traditionsreiche Printmedien sind im Teufelskreis. Sie verlieren an Marktmacht, müssen Inserenten Zugeständnisse machen, Journalisten abbauen und verlieren damit an Qualität." Das Vertrauen des Kunden in ein Medium ist sehr schnell zerstört, der Aufbau dauere lange, so der Experte.

Modell iPhone als Retter der Medien?

Statt dem Ausbau der bisherigen Modelle liegt für den Kommunikationsforscher die Zukunft im Entstehen von "völlig neuen" Geschäftsmodellen. "Ein Vorbild könnten die iPhone-Apps sein. Man bezahlt einen kleinen Beitrag und kann sicher sein, dass man Qualität - in diesem Fall Freiheit von Viren - erhält. Es gibt also schon einen Markt für Files mit kleinen Einzelpreisen. Die Lösung für Informationen ist jedoch noch nicht da. Vielleicht ist einfach die Zeit noch nicht reif." Reif sei die Zeit erst dann, wenn kritische Distanz und Vertrauensverlust einen Schmerzenspunkt überschreiten. "Derzeit lebt man noch gut mit der Situation."

Schmerzhaft musste dies die Online-Ausgabe der "Times" feststellen, die mit Einführung des Bezahlmodells 90 Prozent der Leser verlor. Auch die US-Forscher bezeichnen die Bezahlung für bisher kostenlose Inhalte als schwierigste Herausforderung. "Wir sind im typischen Prisoners-Dilemma der Psychologie: Wer anfängt, verliert und alle anderen sehen zu. Es funktioniert nur, wenn alle mitmachen", so Hilty.

Link zur Studie unter http://www.digitalcenter.org

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